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Schwellenländer-Anleihen „Wir bevorzugen Lokalwährungsanleihen, vor allem aus Lateinamerika“

Mexiko-City

Mexiko-City: Besonders interessant finden Anleihenspezialisten von Capital Group derzeit lateinamerikanische Länder, die ihre Zinsen schon früh angehoben haben, etwa Brasilien, Mexiko und Kolumbien – dadurch blieben die Inflationsraten unter Kontrolle und die Wechselkurse stabil. Foto: Imago Images / IP3press

Kirstie Spence,
Capital Group

Frau Spence, wie ist Ihr Ausblick für Emerging-Market-Anleihen?

Kirstie Spence: 2022 war kein einfaches Anleihenjahr, und Emerging-Market-Anleihen waren keine Ausnahme. Die Inflation war hoch, und die Notenbanken haben die Zinsen kräftig angehoben. Auch 2023 rechnen wir mit Unsicherheit, doch sind die Einstiegsrenditen für langfristige Investoren jetzt interessant. Wie Grafik 1 zeigt, waren die Zweijahreserträge bei einer Einstiegsrendite von 6,7 Prozent oder mehr durchweg positiv.

Grafik 1: Die derzeitigen Emerging-Market-Renditen können ein attraktives Einstiegsniveau sein

 

Wie reagieren Sie auf die derzeitige Marktvolatilität?

Spence: Emerging-Market-Anleihen sind nun einmal recht risikoreich. Vielfältige Marktrisiken sind deshalb nicht selten. Wir sind daran gewöhnt und wissen damit umzugehen. Zwar bleibt die Weltwirtschaftslage schwierig, doch stehen die großen Emerging Markets fundamental gut da. Hinzu kommen hohe Einstiegsrenditen und, bei Lokalwährungsanleihen, auch günstige Wechselkurse. All das dürfte künftige Kursschwankungen abfedern. Auch sollte man nicht vergessen, dass Emerging-Market-Anleihen trotz der bisweilen irritierenden Volatilität heute ein großes und diversifiziertes Anlageuniversum bieten. Man kann sich also gut auf die unterschiedlichsten Risiken vorbereiten. Als Russland die Ukraine angriff, konnte man in weniger betroffene Regionen umschichten. Das gilt auch für die derzeitigen Bankenturbulenzen.

Finden Sie Lokal- oder Hartwährungsanleihen interessanter?

Spence: Auf Zwölf- bis 18-Monats-Sicht bevorzuge ich Lokalwährungsanleihen. Ihre Renditen bilden hohe Inflationserwartungen ab. Viele Emerging-Market-Notenbanken haben ihre Zinsen aber frühzeitig erhöht, sodass die Inflation allmählich fällt. Irgendwann werden die Notenbanken die Zinsen dann wieder senken, was den Erträgen nur guttun kann. Am interessantesten finden wir zurzeit lateinamerikanische Länder, die ihre Zinsen schon früh angehoben haben, etwa Brasilien, Mexiko und Kolumbien. Dadurch blieben die Inflationsraten unter Kontrolle und die Wechselkurse stabil. Lateinamerika hat auch von den steigenden Rohstoffpreisen profitiert und ist weniger stark vom Krieg in der Ukraine betroffen.

 

Hinzu kommt, dass die Ratings von Lokalwährungsanleihen höher sind als die von Hartwährungstiteln. Dollardenominierte Emerging-Market-Staatsanleihen haben im Schnitt ein Rating von BB+, Lokalwährungsanleihen aber eines von BBB. Grundsätzlich sollten Lokalwährungsanleihen allein schon deshalb ein höheres Rating haben, weil sich der Staat eigentlich nur dann im Inland finanzieren kann, wenn die Institutionen ausgereift, die Notenbanken glaubwürdig und die Finanzsysteme weit entwickelt sind. Lokalwährungsanleihen dürften deshalb recht stabil sein. Sie behielten daher auch in schwierigen Zeiten ihr Investmentgrade-Rating – etwa während des Taper Tantrum, als die Fed 2013 eine Verringerung der Anleihenkäufe ankündigte, und seit Beginn des Krieges in der Ukraine.

Wie wichtig sind Verbesserungen bei der Kreditqualität?

Spence: Lokalwährungsanleihen reagieren stark auf die Geld-, Fiskal- und Konjunkturpolitik der Emittentenländer. Verbesserungen der Kreditqualität spielen hingegen keine so große Rolle. Zweifel an der Nachhaltigkeit der Staatsschulden, am Wirtschaftswachstum und auch der Politik – drei Punkte, die im letzten Jahr wichtig waren – sind weniger wichtig als bei Hartwährungstiteln. Ich halte Lokalwährungsanleihen daher in Zeiten wie diesen für sehr interessant. Natürlich gibt es auch interessante US-Dollar-Anleihen, aber da sollte man schon gezielt auswählen und nicht auf die Assetklasse als Ganzes setzen.

Lokalwährungsanleihen haben in den vergangenen zehn Jahren oft enttäuscht. Wie geht es weiter?

Spence: Sicher haben Lokalwährungsanleihen enttäuscht, aber das lag vor allem an der zehnjährigen Dollarhausse. Wenn man die Erträge in ihre Komponenten zerlegt, erkennt man, dass vor allem die Währungsentwicklung immer wieder geschadet hat. Der Carry, also der Zinsvorsprung, war hingegen stets positiv, und der Durationseffekt hat erwartungsgemäß im Zeitablauf geschwankt. Für Anleger war das sicher nicht einfach.