Wenn ein Nissan mehr kostet als ein Ferrari Was Vermögensverwalter über Sammlerfahrzeuge wissen müssen

Im Uhrzeigersinn: 1996 Ferrari F355 Berlinetta, 1998 Ferrari 355 F1 Berlinetta, 1960 Ferrari 250 GT Coupé und 1998 Nissan Skyline GT-R Nismo 400R

Im Uhrzeigersinn: 1996 Ferrari F355 Berlinetta, 1998 Ferrari 355 F1 Berlinetta, 1960 Ferrari 250 GT Coupé und 1998 Nissan Skyline GT-R Nismo 400R Bildquelle: Collecting Cars

Viele „klassische“ Sammlerfahrzeuge notieren bis heute unter ihrem Höchststand von 2016/2017. Einzelne seltene Fahrzeuge im Segment ab 500.000 Euro haben in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt.

Insgesamt öffnet sich die Schere zwischen den gefragtesten und den schwächsten Exemplaren eines Modells immer weiter; es entsteht ein klar zweigeteilter Markt. Für die originalgetreuesten Fahrzeuge mit der geringsten Laufleistung zahlen Sammler Rekordpreise. Autos mit lückenhafter Historie oder umfangreich ersetzten Hauptkomponenten bleiben dagegen fast immer hinter den Erwartungen ihrer Besitzer zurück. Es gilt die alte Regel: Gekauft wird das beste Auto, das man sich leisten kann.

Neue Käufergeneration, neue Favoriten

Die auffälligste Entwicklung der vergangenen zehn Jahre ist die Verschiebung der Epochen und Genres, um die im Markt am härtesten geboten wird. Der Grund: Eine jüngere Käufergeneration verfügt über erhebliche Kaufkraft. Gekauft wird oft das Auto, das einst als Poster im Kinderzimmer hing, oder das Modell, das man mit Mitte 30 besaß und sich mit 60 und deutlich mehr finanziellem Spielraum, in erheblich besserem Zustand leisten kann.

Ein Beispiel für den Wandel: Vor zehn oder zwölf Jahren galt es als nahezu ausgeschlossen, dass ein Nissan der 1990er-Jahre mehr kosten könnte als ein Ferrari mit V12-Motor aus den 1960ern. Genau das ist eingetreten. Ein Nissan Skyline GT-R Nismo 400R, 2014 noch deutlich günstiger als ein Ferrari 250 GT PF Coupé, wurde Anfang dieses Jahres für über 900.000 US-Dollar versteigert. Der Ferrari dürfte derzeit rund 30 Prozent unter seinem Wert von 2014 liegen.

Das Phänomen beschränkt sich nicht auf seltene japanische Modelle (JDM). Auch innerhalb derselben Marke sind die Kontraste deutlich. Der Ferrari Enzo kostete 2014 etwa halb so viel wie ein Ferrari 275 GTB/4. Inzwischen bewegen sich beide im Millionenbereich, doch der Enzo hat seinen Vorgänger überholt und kostet inzwischen rund das Doppelte. Darin spiegelt sich der starke Aufschwung limitierter moderner Supersportwagen.

Diese Trends zeigen sich nicht nur im siebenstelligen Bereich. Modelle wie der Jaguar E-Type Serie 1, lange ein Grundpfeiler jeder klassischen Sammlung, stagnieren oder geben nach; solide „Driver“, also Fahrzeuge für den regelmäßigen Einsatz, sind für 60.000 Euro oder weniger zu haben. Die jüngere Sammlergeneration steckt ein vergleichbares Budget eher in einen Porsche 996 GT3, der in den vergangenen Jahren im Wert gestiegen ist und dessen beste Exemplare mehr als 80.000 Euro kosten.

Die meistverkauften Marken auf Collecting Cars

Die meistverkaufte Marke auf unserer Auktionsplattform Collecting Cars ist Porsche mit mehr als 4.000 verkauften Fahrzeugen, darunter knapp 3.000 Exemplare des 911 aus allen Generationen seit den 1960er-Jahren. Zu den beliebtesten Marken zählen außerdem BMW und Mercedes-Benz mit jeweils mehr als 1.800 verkauften Autos.

Dass Porsche die wohl „liquideste“ aller Marken ist, überrascht nicht. Die Modellhistorie ist gut dokumentiert, die Echtheit lässt sich vergleichsweise einfach prüfen, und ein großes Netzwerk aus Enthusiasten und Spezialisten hält die Autos am Laufen. Der Durchschnittspreis eines über Collecting Cars verkauften Porsche 911 liegt inzwischen bei über 94.000 Euro, rund 20 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Dafür gibt es zwei Gründe: das gestiegene Vertrauen in die Online-Plattform und der Wertzuwachs bei gefragten Varianten.

Ähnliches gilt für viele AMG-Modelle von Mercedes-Benz, die die Beliebtheit der Marke bei jüngeren Sammlern tragen, ebenso wie für Klassiker wie die SL-„Pagode“ aus den 1960er-Jahren. Vor allem der 280 SL hält seine Werte seit Jahren stabil, auch dank der anhaltenden Unterstützung durch Mercedes-Benz Classic und des zurückhaltenden, zeitlosen Designs von Paul Bracq.

Ferrari gehört ebenfalls zu den fünf meistverkauften Marken auf Collecting Cars. Besonders gefragt sind moderne Modelle wie F355, 360 und F430, vor allem in den seltensten Spezifikationen und mit ab Werk verbautem Schaltgetriebe. Handgeschaltete Varianten sind bei Sammlern inzwischen so begehrt, dass ihr Aufpreis gegenüber Automatik- und automatisierten Getrieben deutlich gestiegen ist.

Ein F355 Berlinetta mit klassischer H-Schaltung erzielt auf der Plattform aktuell einen Median-Verkaufspreis von rund 118.000 Euro, gegenüber etwa 79.000 Euro für das 355-F1-Pendant mit halbautomatischem Getriebe. Dieser Aufschlag von knapp 50 Prozent hat sich seit 2024 etwa verdoppelt. Beim Ferrari 360 zeigt sich dasselbe Bild: Noch 2024 lagen Handschalter und F1-Version gleichauf, inzwischen liegen die handgeschalteten Autos mehr als 40 Prozent vorn.

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Deutschland als Drehscheibe des internationalen Handels

Für Collecting Cars war das zweite Quartal 2026 das bislang stärkste für Einlieferungen aus Deutschland: mehr als 50 Verkäufe mit einem Gesamtwert von über 6 Millionen Euro. Im zweiten Quartal 2024, lag die Zahl bei lediglich 15 Autos. Das zeigt, wie deutlich der Markt bis zum jüngsten Rekordquartal gewachsen ist. Deutschland zählt zugleich zu den wertvollsten Märkten für Premium-Einlieferungen. Der durchschnittliche Verkaufspreis eines Autos liegt hier bei 122.000 Euro und steigt von Jahr zu Jahr.

Überraschen dürfte manche Marktkenner, dass weniger als 35 Prozent der in Deutschland eingestellten Fahrzeuge an Käufer in Deutschland gehen. Autos aus Deutschland gingen bereits in mehr als 40 Länder weltweit, darunter Frankreich (8 Prozent der Käufer), Italien, Belgien und die Niederlande (je 7 Prozent), die USA (4 Prozent) und sogar Großbritannien (6 Prozent).

Dafür gibt es gute Gründe. Wie der hohe Durchschnittspreis zeigt, ist die Qualität der in Deutschland angebotenen Fahrzeuge im EU-Vergleich besonders hoch. Das macht sie attraktiv für vermögende Sammler, die wiederum häufig Erfahrung mit grenzüberschreitenden und sogar interkontinentalen Transaktionen haben.

Als Linkslenker-Markt ist Deutschland zudem attraktiv für Käufer aus den USA – aktuell der stärkste Markt weltweit für die oberste Kategorie der Sammlerfahrzeuge. Nach der dortigen „25-Jahre-Regel“ können Fahrzeuge, die älter als 25 Jahre sind, mit Ausnahmen von diversen Bundesvorschriften importiert werden. Sie sind außerdem vom 25-Prozent-Zoll auf jüngere Importfahrzeuge befreit und zahlen nur den regulären Zollsatz von 2,5 Prozent. Für amerikanische Käufer kann es sich nach wie vor rechnen, Spitzenfahrzeuge in der EU zu erwerben.

Umgekehrt sind deutsche Käufer genauso offen für Fahrzeuge aus dem Ausland. Weniger als 20 Prozent der von deutschen Käufern erworbenen Autos stammten aus dem Inland. Rund 12 Prozent kamen aus den Niederlanden, ebenso viele aus Großbritannien und 7 Prozent aus Belgien. Ganz anders etwa Schweden, wo mehr als 40 Prozent der Transaktionen im Inland stattfanden.

 

Was Vermögensverwalter im Blick behalten sollten

Für Vermögensverwalter und Family Offices, die reale Alternativanlagen prüfen, hat der Markt für Sammlerfahrzeuge ein doppeltes Gesicht. Der Markt hat in den vergangenen 40 Jahren erhebliche Schwankungen erlebt, und besonders die vergangenen zehn Jahre waren alles andere als vorhersehbar. In diesem Zeitraum haben ausgewählte Segmente Wertzuwächse erzielt, die mit Aktienrenditen mithalten können, allen voran limitierte moderne Supersportwagen und die gefragtesten Youngtimer. Der breite Markt liegt dagegen weiterhin unter seinem Höchststand von 2016/2017.  Rein finanziell betrachtet ist der Reiz dieses Marktes für das Private Banking schwer zu ignorieren. Umso wichtiger ist es, nicht alle Klassiker, Sportwagen und Luxusautomobile über einen Kamm zu scheren.

Innerhalb des Spektrums alternativer Anlagen besetzen Sammlerfahrzeuge eine eigene Nische als „Passion Assets“: Sie verbinden einen Wertzuwachs, der wenig mit den Finanzmärkten korreliert, mit einem realen Nutzwert. Benchmarks wie der HAGI Top Index zeigen die beeindruckende langfristige Wertentwicklung der herausragendsten Modelle. Ebenso wichtig sind jedoch die praktischen Realitäten des Besitzes: Anders als Wertpapiere verursachen Sammlerfahrzeuge erhebliche Nebenkosten, von der klimatisierten Einlagerung über spezialisierte Versicherungen bis zur laufenden Wartung. Das kann die Gesamtrechnung für den Besitzer spürbar verändern.

Den Modellen mit kräftigen Zuwächsen der vergangenen Jahre stehen ebenso viele gegenüber, die stagnieren oder deutliche Preiskorrekturen erlebt haben; teils um mehr als ein Drittel gegenüber dem Preisniveau von vor zehn Jahren. Hinzu kommen große Unterschiede bei Spezifikation, Provenienz, Historie und Zustand: Wer auf die nötige Due Diligence verzichtet, bewegt sich in einem Hochrisikomarkt. Auch deshalb ist der öffentliche Kauf über eine Auktionsplattform für viele Sammler die erste Wahl, weil eine große Community von Enthusiasten dabei hilft, das angebotene Fahrzeug einzuordnen.

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Über den Autor: 

Ed Callow ist seit dem ersten Tag bei Collecting Cars. Zunächst verantwortete er jedes einzelne Inserat auf der Plattform, heute analysiert er als Head of Business Intelligence Trends und Aktivitäten auf der Plattform und ordnet die Entwicklungen im Markt ein.  

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