Verteidigungsinvestitionen Wie Venture Capital Europas Sicherheits-Start-ups stärken kann

Sabine Hampel (l.) und Priscilla Schelp gründeten den Grif

Sabine Hampel (l.) und Priscilla Schelp, Gründerinnen des Global Resilience Innovation Fund (Grif) Bildquelle: Grif

Sicherheit gilt in Staatshaushalten traditionell als Kostenblock – sie entscheidet aber darüber, ob Stabilität überhaupt möglich ist. Angesichts der veränderten politischen Weltlage gehört sie zur strategischen Infrastruktur. Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine, der zunehmenden hybriden Bedrohungen und einer neuen Qualität von Cyberangriffen ist deutlich geworden: selbst hochentwickelte Volkswirtschaften sind verletzlich.

Resilienz entscheidet zunehmend darüber, ob kritische Systeme verlässlich verfügbar sind, Lieferketten funktionieren und ob Staaten wie Unternehmen im Ernstfall handlungsfähig sind. Am Kapitalmarkt spiegelt sich der gestiegene Stellenwert von Sicherheitsüberlegungen bislang vor allem bei großen, börsennotierten Unternehmen aus dem Verteidigungs- und Sicherheitsumfeld wider.

 

Der eigentliche Innovationsschub findet jedoch häufig woanders statt – bei Start-ups und jungen Betrieben. Dort werden Technologien entwickelt, die moderne Aufklärung und Kommunikation, den Schutz kritischer Infrastruktur und Krisenfähigkeit überhaupt erst möglich machen. Über Venture-Capital-Ansätze können Investoren diesen Teil des Marktes im Portfolio abbilden.

Börsennotiertes Kapital fließt nicht dorthin, wo Innovation entsteht

Europäische Start-ups erhalten im Vergleich zu den großen börsennotierten Unternehmen nur einen Bruchteil der Mittel – obwohl genau dort viele Lösungen entstehen, die Europas Widerstandsfähigkeit künftig definieren. Diese Schieflage ist industriepolitisch relevant. Sie ist aber auch aus Kapitalmarktsicht interessant. Denn Märkte, die neu entstehen oder sich strukturell ordnen, können Renditechancen eröffnen.

Das gilt aktuell für die breite europäische Sicherheitsbranche: Es müssen neue Fähigkeiten aufgebaut werden, um operative Lücken zu schließen und technologische Abhängigkeiten zu reduzieren. Das schafft ein Umfeld, in dem junge Anbieter und spezialisierte Technologieunternehmen eine wesentliche Rolle spielen.

Fünf Segmente sind maßgeblich für Europas Widerstandsfähigkeit

Resilienz- und Sicherheitsinvestments lassen sich in fünf Bereiche strukturieren: kritische Infrastruktur, Disaster-Management, Cybersicherheit, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung. Der Übergang ist dabei fließend, nicht immer lassen sich die Bereiche trennscharf voneinander abgrenzen.

Ein besonders dynamischer Bereich ist die Luft- und Raumfahrt. Im Orbit entsteht zunehmend eine eigene Infrastruktur mit eigener Logistik und neuen Wertschöpfungsketten. Satellitentechnologien entwickeln sich rasant weiter, insbesondere in Richtung betankbarer oder aufladbarer Systeme mit deutlich längerer Lebensdauer im Orbit. 

 

Parallel entstehen neue Antriebsarten, die dank geringerem Gewicht und höherer Sicherheit deutlich mehr Flexibilität beispielsweise bei der Wahl der Umlaufbahn ermöglichen. Dazu kommen Plattformen, auf denen Kommunikations- und Aufklärungssysteme je nach Bedarf aufgesetzt werden können.

Sensorik und Datenzugang bestimmten Cybersicherheit 

Neue Logistikansätze gehören ebenfalls dazu: Die Möglichkeit, spezielle Fracht wie medizinische Güter in den Orbit zu bringen und zu einem bestimmten Zeitpunkt an schwer zugänglichen Orten zu platzieren, ist längst mehr als ein Gedankenspiel.

Im Disaster-Management wird ebenfalls greifbar, welche Fähigkeiten heute benötigt werden. Monitoring und verlässliche Entscheidungsgrundlagen werden immer wichtiger. Dafür ist nicht nur Sensorik nötig, sondern Datenzugang, Datenaufbereitung und die Fähigkeit, Erkenntnisse in operative Handlungsfähigkeit zu übersetzen.

Ein Satellit mit moderner Sensorik bleibt wirkungslos, wenn die Daten nicht verwertbar ankommen oder aufgrund technischer Restriktionen nicht von allen involvierten Akteuren genutzt werden können. Kommunikationsinfrastruktur wird damit zu einem Sicherheitsfaktor.

Cybersicherheit bleibt ebenso ein zentraler Bereich wie der Schutz kritischer Infrastruktur, der weit über Stromnetze hinausgeht: Seewege, Versorgungsketten oder Energieanlagen zeigen, wie eng physische und digitale Angriffsflächen heute zusammenlaufen.

Gleichzeitig lohnt sich ein differenzierter Blick auf den klassischen Verteidigungssektor. Dieser ist geprägt von politischer Unterstützung, strukturellem Nachholbedarf und industriellen Engpässen. Das verändert Budgets, verlangt bessere Beschaffungspraktiken, Standardisierung, größere Interoperabilität und skalierbare Lösungen.

Börsennotierte Großunternehmen spielen in diesem Umfeld eine zentrale Rolle, wobei auch hier Engpässe bei Fertigungskapazitäten und innerhalb von Lieferketten auftreten. Für Anleger ist das der unmittelbarste Zugang – allerdings nur einer von vielen. 

 

An dieser Stelle entsteht die Brücke zu innovationsorientierten Ansätzen: Viele technologische Sprünge entstehen nicht im Endprodukt, sondern vorher bei der Entwicklung der Komponenten und grundlegenden Technologien – bei Sensorik, Datenfusion, Kommunikation, autonomen Systemen oder neuer Energie- und Antriebstechnik.

Chancen und Risiken von Investments in der Frühphase

Für Anleger, die sich im Sicherheits- und Resilienzbereich engagieren möchten, stellt sich daher die Frage nach dem Markteinstieg. Der klassische Weg über gelistete Unternehmen oder ETFs ist liquide und transparent. Er bildet häufig jedoch die „späten“ Gewinner ab. Vor allem aber bleibt die Kapitalwirkung begrenzt. Der Kauf einer Aktie bedeutet nicht automatisch, dass ein Unternehmen investiert oder Fertigungskapazitäten ausbaut.

Im Gegenteil: Gerade in Europa wird immer wieder kritisiert, dass zu viel Kapital in Dividenden oder Aktienrückkäufe fließt, statt in Forschung, Entwicklung und Produktion. Der innovationsorientierte Investorenzugang setzt früher an, typischerweise über Venture-Capital-Fonds. Hier dient Kapital dem Aufbau des Teams, der Skalierung und dazu, die Produktreife zu erreichen. Es wirkt unmittelbarer, weshalb solche Investments auch anspruchsvoller sein können.

Due Diligence, Technologie- und Marktrisiken fallen stärker ins Gewicht. In jungen Märkten sind Konsolidierungsphasen eher Regel als Ausnahme. Wer diesen Weg geht, sollte daher einen längeren Atem mitbringen. Gleichzeitig können gerade solche Phasen Chancen eröffnen – wenn Investitionen dort erfolgen, wo neue Fähigkeiten entstehen, nach denen echte Nachfrage besteht.

 

Gerade im innovationsorientierten Segment entscheiden allerdings nicht nur die Renditechancen über die Allokation, sondern auch die Frage der Investierbarkeit. Regulatorik und ESG müssen bei Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen geprüft werden.

Bedenken von institutionellen Investoren gegenüber Verteidigungsanlagen

Viele institutionelle Investoren schließen Verteidigung kategorisch aus oder tun sich schwer, Wehrhaftigkeit als ESG-kompatibel zu begründen. Dabei ist allerdings ein Umdenken erkennbar – nicht, weil ESG an Bedeutung verliert, sondern weil Sicherheit zunehmend als Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität verstanden wird.

Es ist wichtig, diese Diskussion sauber zu strukturieren. Das beginnt bei klaren Ausschlüssen, etwa bei geächteten Waffen gemäß UN-Konventionen. Danach steht die Governance im Zentrum: Transparenz, Prozesse, Kontrolle und Reporting-Fähigkeit. ESG ist hier eine Frage operativer Qualität. Und was dabei oft unterschätzt wird: Wer investiert, wird Miteigentümer des betreffenden Unternehmens und kann über sein Engagement dessen Governance stärken und Standards mitgestalten.

Rückhalt durch Innovationskraft stärken

Entscheidend ist dabei die Frage nach Relevanz, Bedarf und Umsetzbarkeit: Innovationen müssen nicht nur technologisch überzeugen, sondern in reale Strukturen integrierbar sein. Um das zu bewerten, helfen sowohl finanzielle Expertise als auch Erfahrung und ein breites Netzwerk in den entsprechenden Branchen.

Stärke- und Sicherheitsinvestments sind kein kurzfristiger Trend. Sie spiegeln eine neue sicherheitspolitische Realität wider und werden durch technologische Umbrüche, neue Risikolagen und strukturellen Nachholbedarf langfristig getragen. Investoren sollten beachten, dass sie sich in einem entstehenden Markt engagieren: Es wird Konsolidierungsphasen geben, die Bewertungen werden schwanken und nicht jede Innovation wird sich durchsetzen.

Entscheidend ist aber: Genau in dieser Phase entstehen die größten Wertschöpfungspotenziale. Denn technologische Sprünge – etwa bei Sensorik, Datenverarbeitung, Kommunikation oder Schutzsystemen – werden zur Grundlage künftiger strategischer Handlungsfähigkeit. Für Investoren eröffnet sich damit nicht nur Renditepotenzial. Sie können früh dort allokieren, wo Europas Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit künftig entschieden werden.

Über die Autoren: 

Priscilla Schelp ist Gründerin des Grif (Global Resilience Innovation Fund). Schelp ist promovierte Risiko- und Krisenexpertin und war international für PWC und KPMG tätig.

Sabine Hampel gründete den Grif. Hampel war zwölf Jahre Marineoffizier bei der deutschen Bundeswehr. Im Anschluss arbeitete sie bei der Acatis Investment und der EB – Sustainable Investment Management.

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