Robert J. Shiller im Interview „Die Märkte stehen unter dem Einfluss von Großerzählungen“

Robert J. Shiller

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. 2013 wurde er mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Foto: imago images/ZUMA Wire

Herr Shiller, wie schätzen Sie die Lage der US-Wirtschaft ein? Kommt die Rezession?

Robert J. Shiller: Das Eintreten der Rezession ist möglich, ja, und das beunruhigt mich. Alles hängt indes davon ab, wie sich die Politik entwickelt. Die derzeitige Situation ist seltsam. Wir hatten gerade den längsten Aufschwung in der US-Geschichte seit 1854; er lief von 2009 bis 2020. Dann kam es zur kürzesten Rezession aller Zeiten, von Februar bis April 2020. Wir bewegen uns also auf unerforschtem Gebiet und bräuchten letztlich eine brandneue Makroökonomie, um all diese Entwicklungen noch besser zu verstehen.

Inwiefern?

Shiller: Die keynesianische Wirtschaftspolitik, die in den 1930er-Jahren aufkam, hat sich überlebt. Sie hatte ihr eigenen Messgrößen wie Arbeitslosenquote und BIP. In den 1970er-Jahren entwickelte sich dann das Credo der Lohn-Preis-Spirale. Demzufolge gibt es eine Macht, die Inflation fast unausweichlich werden lässt, weil zwei Lager im Clinch liegen: Die Gewerkschaften wollen höhere Löhne durchsetzen, woraufhin die Unternehmen ihre Preise erhöhen und diese auf die Verbraucher abwälzen. In diesem Modell trägt die Erwartung der Arbeitnehmer, dass Inflation unausweichlich ist, dazu bei, dass es tatsächlich so kommt. Doch das muss nicht sein. Derzeit ist es vor allem diese Furcht vor einem weiteren Inflationsanstieg, die ein stärkeres Wirtschaftswachstum hemmt.

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