Die Kapitalmärkte im Jahr 2025 zeigen ein widersprüchliches Bild: Während geopolitische Spannungen, wirtschaftspolitische Konflikte und geldpolitische Unsicherheiten die Risikolandschaft prägen, wechseln sich neue Höchststände mit markanten Kurseinbrüchen in vielen Aktienindizes ab. Diese Divergenz zwischen makroökonomischer Realität und Marktbewertung macht deutlich: Ein fundiertes, wissenschaftlich gestütztes Risikomanagement ist selbst in vermeintlichen Boomphasen unerlässlich.
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Die Kapitalmärkte im Jahr 2025 zeigen ein widersprüchliches Bild: Während geopolitische Spannungen, wirtschaftspolitische Konflikte und geldpolitische Unsicherheiten die Risikolandschaft prägen, wechseln sich neue Höchststände mit markanten Kurseinbrüchen in vielen Aktienindizes ab. Diese Divergenz zwischen makroökonomischer Realität und Marktbewertung macht deutlich: Ein fundiertes, wissenschaftlich gestütztes Risikomanagement ist selbst in vermeintlichen Boomphasen unerlässlich.
Im Zentrum stehen dabei drei zentrale Fragen:
- Welche theoretischen Risikostrategien lassen sich erfolgreich in der Praxis umsetzen?
- Wie können Stabilität und Rendite miteinander vereint werden?
- Kann Risikoreduktion gar zur Quelle von Rendite werden?
Von der Theorie zur Umsetzung: Zwei Risikotypen im Fokus
Im ersten Teil dieser Reihe wurde die Zusammensetzung des Gesamtrisikos einer Kapitalanlage differenziert analysiert:
- Unsystematisches Risiko:
Unternehmens- oder branchenspezifische Risiken, die durch gezielte Diversifikation reduziert werden können.
- Systematisches Risiko:
Marktübergreifende Risiken, etwa infolge geopolitischer Entwicklungen oder geldpolitischer Umbrüche, die sich in der klassischen Theorie nicht diversifizieren lassen.
Erkenntnisse der Rückschau:
- In passiven Portfolios lassen sich unsystematische Risiken durch Diversifikation signifikant reduzieren.
- Systematische Risiken bleiben hingegen unbeeinflusst und schlagen in Krisenzeiten ungemindert durch.
Anders bei aktiv verwalteten Mischfonds: Dort kann das Risikomanagement auch systematische Risiken adressieren – jedoch mit qualitativen Unterschieden, die eine differenzierte Analyse erforderlich machen.
Systematische Risiken aktiv steuern: Moderne Modelle und digitale Werkzeuge
Systematische Risiken – ausgelöst durch makroökonomische Schocks, geopolitische Krisen oder geldpolitische Richtungswechsel – gelten in der traditionellen Lehre als nicht kontrollierbar. Doch moderne Ansätze beweisen das Gegenteil.
Digitalisierung als Enabler des aktiven Risikomanagements
Mithilfe datenbasierter Modelle und intelligenter Algorithmen lassen sich Risiken heute in Echtzeit analysieren und steuern. Zentrale Vorteile eines wissenschaftlich fundierten, digitalen Risikomodells:
- Tägliche Risikomessung mit Fokus auf den jeweils nächsten Handelstag (anstatt langfristiger, unpräziser Prognosen).
- Höhere Präzision in der Risikoeinschätzung durch kurzfristige Betrachtungshorizonte.
Dynamische Steuerung anstatt statischer Absicherung
Effektives Risikomanagement bedeutet: Reagieren, wenn ein Risiko erkannt wird – und nicht länger als nötig.
- Absicherung durch Derivate oder Umschichtungen erfolgt zeitlich präzise bei Anstieg des systematischen Risikos.
- Beendigung der Absicherungen unmittelbar, sobald die Indikatoren Entwarnung geben.
Diese dynamische Anpassung verhindert Performanceverluste durch überlange Absicherungsphasen.
Praxisbeispiel: Ganzheitliches Risikomanagement im Vergleich
Zwei Fallstudien veranschaulichen den Einfluss unterschiedlicher Risikostrategien:
- Benchmark:
Ein passiv verwaltetes Referenzportfolio (60 % weltweite Aktien, 40 % EUR- Unternehmensanleihen).
- Zwei aktiv verwaltete Mischfonds:
Einer mit reaktivem, einer mit präzisem Risikomanagement.
Dabei zeigt sich, dass Portfolios, die erfolgreiche Ansätze zur Reduzierung des systematischen Risikos verwenden, in Krisenphasen insgesamt weniger stark anfällig für Kursschwankungen sind.
Negativbeispiel: Reaktives Management
In Krisenphasen wirken sich systematische Risiken in Form von marktbreiten und Assetklassen übergreifenden Kurseinbrüchen stark auf das Portfolio aus:
- Keine oder verspätete Reaktion auf Marktrisiken.
- Erhebliche Drawdowns und starker Gleichlauf mit negativen Marktbewegungen.
Das Ergebnis: Systematische Risiken wirken uneingeschränkt negativ auf das Portfolio.
Positivbeispiel: Präzises, wissenschaftlich fundiertes Risikomanagement
Ein ganzheitliches Risikomanagement nutzt zur Steuerung der systematischen Risiken digitale Analysen und wissenschaftlich basierte Modelle zur täglichen Risikomessung. Nach der Identifikation von Risiken erfolgt eine temporäre Absicherung des Portfolios. Sobald die Indikatoren Entwarnung geben, wird die Absicherung des Portfolio wieder aufgehoben. Diese Strategie führt in Krisenphasen zu:
- Reduktion der Drawdowns,
- Geringerer Schwankungsintensität sowie
- Outperformance gegenüber der Benchmark.
Das Ergebnis:
Durch Reduktion der systematischen Risiken wird ein schwankungsarmer Kursverlauf und eine Outperformance erreicht.
Abbildung 1: Wertentwicklung im 1-Jahres-Zeitraum vom 01.01.2022-31.12.2022
Abbildung 2: Wertentwicklung im 6-Monats-Zeitraum vom 01.01.2025-30.06.2025
Korrelation als Indikator für die Qualität der Risikosteuerung
Für die Reduzierung der Schwankungen und Drawdowns ist die zeitlich präzise Absicherung des Portfolios beim Erkennen systematischer Risiken verantwortlich. Für die Erhaltung des Performancevorteils und den Renditevorteil hingegen zeichnet die Schließung der Absicherungen zum optimalen Zeitpunkt verantwortlich. Die historische Analyse zeigt, dass
- In Abwärtsphasen die Korrelation zur Benchmark möglichst niedrig oder negativ sein sollte.
- In Aufwärtsphasen hingegen ist eine hohe Korrelation erstrebenswert, um an positiven Marktentwicklungen zu partizipieren.
Halbjahr 2025 als Testzeitraum
Anhand der Kurseinbrüche vom April 2025, als viele Assetklassen ihre Tiefststände am 08.04.2025 verzeichneten, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen dem positiven und dem negativen Beispiel bei aktiv verwalteten Mischfonds. Einer Abwärtsphase vom Höchststand der Benchmark am 19.02.2025 bis zum 08.04.2025 folgte eine dynamisch Aufwärtsphase bis zum 30.06.2025.
Negativbeispiel
- In der Abwärts- und Aufwärtsphase bleibt die Korrelation hoch.
- Das Portfolio entwickelt sich analog zur Benchmark – ohne Absicherungseffekte.
Die Folge: Systematische Risiken wirken voll und beeinflussen Risikokennzahlen und Performance des Portfolios negativ.
Positivbeispiel
- Abwärtsphase: Die negative Korrelation zeigt eine wirksame Absicherung.
- Aufwärtsphase: Die hohe Korrelation gewährleistet die Partizipation an der Kurserholung.
Die Folge: Systematische Risiken werden effektiv reduziert, das Portfolio verläuft schwankungsarm bei attraktiver Performance.
Abbildung 3: Korrelationen in der Abwärtsphase vom 19.02.2025-08.04.2025
Abbildung 4: Korrelationen in der Aufwärtsphase vom 09.04.2025-30.06.2025
Fazit: Risikoreduktion als Renditequelle
Das weit verbreitete Vorurteil, dass Risikomanagement Rendite schmälert, ist empirisch widerlegt. Im Gegenteil: Durch gezielte Vermeidung von Verlustphasen entfällt die Notwendigkeit überdurchschnittlicher Erholungsrenditen. Langfristig verbessert dies die Gesamtrendite signifikant.
Effektives Risikomanagement ist
- nicht Verzicht auf Rendite, sondern Optimierung der Performance.
- die Grundlage für ein stabiles und resilient ausgerichtetes Portfolio.
- eine optimale Balance zwischen Sicherheit und Ertragskraft.
Dies ist Teil 2 eines zweiteiligen Beitrags. Den ersten Teil finden Sie hier.
Über die Autoren:
Daniel Schallmo ist Ökonom, Unternehmensberater und Autor zahlreicher Publikationen sowie Gründer und Gesellschafter der W&S Portfoliomanagement. Schallmo ist Professor für Digitale Transformation und Entrepreneurship an der Hochschule Neu-Ulm, dort Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Mitglied am Institut für Digitale Transformation.
Sascha Reusch diplomierte als Sparkassenbetriebswirt. Gemeinsam mit Heribert Danner ist er
Geschäftsführer der in Ulm ansässigen W & S Portfoliomanagement, die sich auf digitales Asset Management spezialisiert, mehrere Investmentfonds initiiert hat und diese mithilfe der digitalen Technologie berät.
