Zehn Jahre lang galt Revolut als App für Reisende und Vielumtauscher. Im März 2026 erteilte die britische Aufsichtsbehörde PRA dem Fintech nach vierjährigem Verfahren die Erlaubnis, als reguläre Bank zu operieren. Wenige Wochen später legte die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA nach: Sie genehmigte Revolut den Vertrieb komplexer Finanzinstrumente, verwalteter Portfolios und von Beratungsleistungen für vermögende Privatkunden. Was bisher fehlte, um Investment, Beratung und Portfoliomanagement unter einem Dach zu vereinen, ist nun vorhanden.
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Zehn Jahre lang galt Revolut als App für Reisende und Vielumtauscher. Im März 2026 erteilte die britische Aufsichtsbehörde PRA dem Fintech nach vierjährigem Verfahren die Erlaubnis, als reguläre Bank zu operieren. Wenige Wochen später legte die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA nach: Sie genehmigte Revolut den Vertrieb komplexer Finanzinstrumente, verwalteter Portfolios und von Beratungsleistungen für vermögende Privatkunden. Was bisher fehlte, um Investment, Beratung und Portfoliomanagement unter einem Dach zu vereinen, ist nun vorhanden.
Der nächste Schritt folgt noch 2026: Revolut will ein Private-Banking-Angebot für Kunden mit mindestens 500.000 Pfund Anlagevermögen starten – und setzt die Einstiegsschwelle damit unter dem Marktstandard von einer bis drei Millionen Euro. Die Expansion in den deutschsprachigen Markt ist angekündigt. Stellenausschreibungen für deutschsprachige Private-Banking-Spezialisten sind bereits veröffentlicht.
Revolut kommt mit Rückenwind
Die finanzielle Ausgangslage des Unternehmens ist für einen Neueinsteiger im Segment bemerkenswert: Revolut erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 6 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn lag bei 2,3 Milliarden US-Dollar, die Vorsteuerrendite bei 38 Prozent. Das Unternehmen wird nach einem Sekundäraktienverkauf mit 75 Milliarden US-Dollar bewertet. Einen Börsengang strebt es nach eigenen Angaben frühestens 2028 an.
76 Prozent seines Umsatzes generiert Revolut aus Gebühren, nicht aus dem Zinsgeschäft. Wachstum im Vermögensverwaltungsbereich wirkt sich direkt auf die Marge aus. Bisher konzentrierte sich der Wealth-Bereich des Unternehmens vor allem auf Kryptowährungen und einfache Aktien-Sparpläne. Die neuen FCA-Lizenzen öffnen nun den Weg zu einem Angebot, das dem klassischer Privatbanken strukturell ähnelt.
Digital-only: Das Revolut-Geschäftsmodell
Das Geschäftsmodell unterscheidet sich jedoch grundlegend von dem etablierter Häuser. Revolut setzt auf skalierbare Technologie statt auf ein dichtes Netz von Relationship Managern. Ob das Modell für das Private Banking, das traditionell auf persönliche Beziehung und Diskretion setzt, ausreicht, ist eine der zentralen Fragen dieses Vorstoßes.
Eines hat ein Sprecher von Revolut gegenüber dem private banking magazin klargestellt: Filialen wird es nicht geben. Das Unternehmen bleibt seinem digitalen Ansatz treu und will auch im Private Banking zeigen, dass individuelle Vermögensbetreuung ohne physische Präsenz möglich ist.
Ob das im HNWI-Segment trägt, bezweifeln Marktteilnehmer. Ein langjähriger Privatkunden-Chef eines etablierten Hauses gibt zu bedenken: Es stehe zu befürchten, dass es sich bei der „persönlichen Beratung“ um Vertriebstruppen handle, die am Telefon und per Chat Produkte verkaufen – kein fester Berater, der den Kunden und sein Umfeld kenne und individuell und nachhaltig berate.
Was etablierte Häuser entgegnen
Die Quirin Privatbank, die seit 2006 im Private Banking und seit 2013 mit ihrem Robo-Advisor Quirion im digitalen Massengeschäft tätig ist, sieht sich gut positioniert, um das Modell einzuschätzen: „Dass Revolut ins Private Banking drängt, ist eine Bestätigung – das Segment ist offensichtlich attraktiv. Aber HNWI-Kunden rein digital betreuen? Das wird so nicht funktionieren“, sagt ein CEO Karl Mattthäus Schmidt. Und weiter: „Private Banking lebt von persönlichen Beziehungen, das kann eine App nicht ersetzen. Ankündigungen sind das eine, ein tragfähiges Beratungskonzept für komplexe Vermögen das andere.“
Unter den befragten Privatbanken herrscht eine weitgehend ähnliche Diagnose: Revolut sei kein Bedrohungsszenario, aber ein Signal. Cosimo von Dungern, Gesellschafter des Bankhauses Seeliger, betont ebenfalls die persönliche Komponente: „Mit Revolut und Trade Republic haben gerade zwei große Neobanken beziehungsweise Neobroker angekündigt, verstärkt auf persönliche Beratung und persönlichen Service zu setzen. Das finde ich sehr bemerkenswert! Das persönliche Gespräch mit einem Berater, der den Kunden und sein Umfeld kennt, ist im Private Banking durch nichts zu ersetzen.“
Sven Friske, Leiter Wealth Management bei Berenberg, sieht hybride Modelle als Zukunftsrichtung: „Vermögende Kunden erwarten heute effiziente digitale Prozesse und hohe Erreichbarkeit, möchten bei strategischen Entscheidungen jedoch weiterhin persönlich und individuell beraten werden.“ Berenberg hat nach eigenen Angaben Anfang 2025 als eine der ersten Banken Europas Googles KI-Plattform Gemini Enterprise bankweit eingeführt.
Was der digitale Wandel für Sparkassen bedeutet
Im deutschen Markt trifft Revolut auf spezifische Bedingungen. Drei Millionen Kunden hat das Unternehmen dort bereits – deutlich weniger als in Frankreich mit sieben Millionen oder Spanien mit sechs Millionen. Antoine Le Nel, Chief Growth and Marketing Officer, hat die Bargeldaffinität in Deutschland öffentlich als Wachstumsbremse benannt.
Den Sparkassen und Genossenschaftsbanken hat er eine harte Prognose mitgegeben: Sie würden zu den langfristigen Verlierern des digitalen Wandels gehören. Denn Le Nel beobachtet, dass viele Revolut-Kunden zwar weiterhin ihr Girokonto bei einer Sparkasse haben, wo das Gehalt eingeht und monatliche Fixkosten wie Miete durchlaufen. Alles übrige jedoch, was für Freizeit, Urlaub und Alltag ausgegeben wird, fließe zu Revolut. Die traditionellen Banken verlören damit schrittweise das, was im Branchenjargon als „Know your Customer“ gilt: das Wissen darüber, wie ihre Kunden wirklich leben und wofür sie ihr Geld ausgeben.
Auf Nachfrage widersprechen Sparkassen dieser Diagnose nicht grundsätzlich – setzen aber andere Schwerpunkte. „Neobanken sind ernstzunehmende Wettbewerber. Wir verfolgen ihre Entwicklung aufmerksam, sehen uns hier aber gut gerüstet“, so eine Sprecherin der Sparkasse Köln-Bonn gegenüber dieser Redaktion.
Das Institut verweist auf seinen Omnikanal-Ansatz: Kunden könnten selbst entscheiden, ob sie digital, telefonisch oder persönlich beraten werden wollen. Gerade bei komplexen Themen wie Vermögensstrukturierung, Nachfolgeregelungen oder unternehmerischen Bezügen zeige sich der Wert eines Beraters, der die individuelle Situation bereits kenne. Zudem plant die Sparkassen-Finanzgruppe für Mitte 2026 den Start von S-Neo – ein vollständig in die Sparkassen-App integriertes Depot-Angebot für digital affine Anleger.
Ähnlich positioniert sich die Hamburger Sparkasse (Haspa). „Derzeit nehmen wir Neobanken im klassischen Private-Banking-Markt noch nicht in der Breite als Wettbewerber wahr“, sagt Frank Krause, Leiter Private Banking bei der Haspa. Das könne sich ändern – aber nur, wenn es Neobanken gelinge, über die Vermögensanlage hinaus weitere Themenfelder in hoher Qualität zu erschließen. Krauses zentrales Argument ist das der regionalen Verwurzelung: Die Haspa begleite Kunden seit Generationen und bringe über Netzwerke auch Firmenkunden und Stiftungen zusammen. „Diese Verwurzelung in einem Markt können Neobanken nicht aufbauen“, sagt Krause.
Den Wunsch nach mehr Kostentransparenz beobachte die Haspa durchaus – er führe aber nicht automatisch zu höherer Preissensibilität, solange die Beratung als qualitativ werthaltig wahrgenommen werde. „Anbieter, die nicht den Mehrwert einer ganzheitlichen Beratung bieten können, werden tendenziell über den Preis gehen müssen.“
Der Markttest kommt 2026
Die Quirin Privatbank wirft abschließend die Frage auf: „Würden Sie Ihr gesamtes Vermögen einer Bank anvertrauen, die Sie nur über einen Chat erreichen? Für den Alltag mag das genügen, für die Lebensplanung nicht.“ Gleichzeitig zeigt das Institut sich selbstkritisch: „Die eigentliche Herausforderung sind nicht die Neobanken, sondern wir selbst. Wer es nicht schafft, eine echte Bindung zu seinen Kunden aufzubauen, verliert sie an günstigere Anbieter – das war schon immer so.“
Ob Revolut im Private Banking wirklich Fuß fasst, wird sich mittelfristig zeigen. Der britische Markt gilt als erster Prüfstein: Dort ist das regulatorische Fundament gelegt, die Marke gestärkt – laut eigenen Angaben haben sich die Brand-Health-Werte seit dem Lizenzantrag 2021 nahezu verdreifacht – und die Kundenbasis mit 68,3 Millionen Nutzern weltweit groß genug für eine substanzielle HNWI-Zielgruppe.