Die außergewöhnliche Goldpreisrally auf mehr als 5.600 US‑Dollar je Feinunze wurde sowohl durch eine robuste, strategisch orientierte Nachfrage als auch durch kurzfristige, spekulative Marktpositionierungen angetrieben. Der anschließende heftige Rücksetzer zeigte, wie überhitzt der Markt war. Auslöser für die Korrektur war die überraschende Nominierung von Kevin Warsh als künftiger Fed-Vorsitzender. Anleger bezweifeln, dass der designierte Chef der US-Notenbank die Leitzinsen in dem Tempo und Ausmaß senken wird, wie es sich US-Präsident Donald Trump wünscht.
Trotz dieser kurzfristigen Volatilität bleiben die fundamentalen Kräfte, welche die weltweite Goldnachfrage bestimmen, unverändert stark. Dies unterstreicht die globale Rekordnachfrage des vergangenen Jahres in Höhe von 5.002 Tonnen.
Zentralbanken als Stütze
Der Jahresbeginn 2026 hat zudem eindrucksvoll gezeigt, dass geopolitische Entwicklungen die Welt weiter in Richtung Blockbildung treiben. Dabei handelt es sich um einen strukturellen Trend, von dem Gold als ultimative Sicherheitsreserve profitiert. Diese geopolitische Fragmentierung spiegelt sich zunehmend auch in den Währungsreserven der Zentralbanken wider.
In einer aktuellen Umfrage des World Gold Council signalisierten zahlreiche Notenbanken, ihren Goldanteil trotz des starken Preisanstiegs weiter ausbauen zu wollen. Das Ziel besteht darin, unabhängiger vom zunehmend als unsicher geltenden Dollar zu werden. Zentralbanken wirken somit als langfristige, verlässliche Stütze der Goldnachfrage.
Angesichts der geopolitischen Blockbildung, der fortschreitenden Deglobalisierung sowie des schwankenden Vertrauens in die Fed und den US-Dollar erscheint es wahrscheinlich, dass Gold im Jahresverlauf die Marke von 5.000 US-Dollar je Feinunze nachhaltig überschreitet. Preise von 5.400 Dollar scheinen wieder in Reichweite. Aufgrund geopolitischer Impulse ist jedoch kurzfristig ein schwankungsintensiverer Markt nicht auszuschließen.
Warum der Silberpreis plötzlich stark gestiegen ist
Die außergewöhnliche Rally des Silberpreises Ende 2025 und Anfang 2026 hatte mehrere Ursachen. So traf eine extrem hohe Nachfrage auf eine strukturelle Angebotsknappheit. Schon seit Jahren kann die Produktion den Bedarf nicht decken, weshalb dieser auch aus Lagerbeständen gedeckt wurde. Doch die Tresore sind zunehmend leer.
Außerdem handelt es sich bei Silber im Gegensatz zu Gold auch um ein Industriemetall. Es wird dringend für Schlüsselindustrien wie Solarenergie, Elektromobilität, Raketenbau, Rechenzentren und KI-Technologie benötigt. Bereits im Jahr 2025 lag ein strukturelles Angebotsdefizit von mindestens 400 Millionen Feinunzen vor, was zu einem nachhaltigen Preisdruck führte.
Da der Markt für Silber sehr viel kleiner als der für Gold ist, zeigt er sich auch deutlich schwankungsanfälliger. Bereits mittelgroße Kapitalströme können große Preisbewegungen auslösen. Dies stellte der 40-prozentige Anstieg im Dezember 2025 eindrucksvoll unter Beweis.
Ein besonders starker Impuls ging von Elon Musk aus, als dieser kurz vor Silvester öffentlich auf den hohen Silberbedarf seiner Raumfahrt- und Technologieprojekte hinwies. Das trieb den Preis kurzfristig um weitere 5,7 Prozent nach oben und zeitweise über die psychologisch wichtige Marke von 80 US-Dollar je Feinunze.
Spekulative Übertreibungen und Fomo-Rally
Die ersten Wochen des Jahres 2026 waren geprägt von einem massiven Zustrom spekulativer Anleger, die noch schnell auf den immer schneller fahrenden Zug aufspringen wollten. Die Angelsachsen nennen dies Fear of Missing Out (Fomo). Der Preis stieg dabei innerhalb eines Monats um 75 Prozent – ein klares Signal für Hype-Dynamiken.
Der nachfolgende Kurseinbruch basierte auf mehreren ineinandergreifenden Ursachen. Nach der Rally auf mehr als 80 US-Dollar nutzten viele professionelle und langfristige Investoren die hohen Preise, um Gewinne zu realisieren. Das löste die erste Verkaufswelle aus. Zudem waren neue Marktteilnehmer nur wegen des Hypes eingestiegen. Als die ersten Rückgänge einsetzten, kippte die Stimmung sofort in Unsicherheit und Panik um, was den Einbruch verstärkte. Der Preis fiel innerhalb von nur acht Tagen um 49 Prozent. Gleichzeitig war nach der Überhitzung eine technische Gegenbewegung überfällig. Der extrem schnelle Anstieg hatte den Markt deutlich überkauft.
Erneute Rally eher unwahrscheinlich
Im Gegensatz zu Gold könnte bei dessen kleinem Bruder erst einmal die Luft raus sein. Silber eignet sich für Notenbanken oder andere große Investoren kaum als Alternative. Wenn sie den gleichen Betrag in Silber und Gold investieren, benötigen sie für Silber ein etwa 120-fach größeres Lagervolumen. Die entsprechenden Kosten sprechen klar gegen Silber als Wertspeicher. Zudem entwickelt die Industrie zunehmend Techniken, um den Silberbedarf zu senken. Vor allem bei den Herstellern von Photovoltaik-Anlagen gibt es diesbezüglich große Fortschritte
Über den Autor
Reinhard Pfingsten ist Diplom-Wirtschaftsmathematiker und arbeitet seit September 2023 als Chief Investment Officer bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank.
