private banking magazin: Herr Sihler, Sie sind seit November 2024 für die Anlagen der SV Sparkassenversicherung in Höhe von knapp 30 Milliarden Euro federführend verantwortlich. Wie kam Ihr neuer Arbeitgeber durch die vergangenen Jahre, geprägt von Zinswende, Angriffskrieg und Co., und welche Themen wollten Sie sofort anpacken?
Steffen Sihler: Sehr gut. Das wird an den stabilen Ergebnissen und an der im Marktvergleich guten Solvency-II-Quoten sichtbar. Hier haben die verschiedenen internen Markt- und Marktfolgeeinheiten in den Krisen zielgerichtet zusammengearbeitet.
Können Sie das konkretisieren?
Sihler: Wesentliche Stellhebel waren ein breit diversifiziertes Portfolio in liquide und illiquide Anlageklassen für flexible Ergebnissteuerung und besonders bei der Lebensversicherung eine im Marktvergleich kurze Duration des Zinsportfolios. Hier kommen wir dann auch zu Ihrer Frage, welche Themen ich sofort anpacken wollte: Insbesondere den Vorteil der kurzen Duration im Zinsanstieg wollte ich auf Basis des aktuellen Zinsniveaus einloggen. Wir arbeiteten daher die vergangenen Monate daran, das Durations-Gap zur Passivduration zu reduzieren.
Ihr Vorgänger sagte uns 2021, Private Debt wird im Portfolio bleiben ...
Sihler: Diese Anlageklasse wird nicht mehr verschwinden, da es die vergangenen Jahre – fast schon Jahrzehnte – Veränderungen struktureller Natur bei Finanzierungen gab. Diese werden nicht vollumfänglich zurückgedreht. Eine Herausforderung für den Private-Debt-Markt sehe ich jedoch darin, die Zuordnung, die Strukturen und die Risiken transparent, verständlich und kalkulierbar zu machen.
Was meinen Sie damit?
Sihler: Private-Debt-Investitionen reichen von Windpark-Finanzierungen über besicherte Mittelstandsdarlehen bis zu unbesicherten Mezzanine-Immobiliendarlehen – ein breites Spektrum mit unterschiedlichsten Facetten. In unserem Kapitalanlageportfolio der Lebensversicherung liegen wir bei 12 Prozent Alternative Investments. Wesentliche Quotenveränderungen sehe ich aktuell nicht.
Warum nicht?
Sihler: Die Herausforderungen sehe ich – auch in Anbetracht der globalen Lage – eher darin, die Portfolios innerhalb dieser Anlageklassen robust und effizient aufzustellen. Beispielsweise planen wir, den Anteil an Private Debt zu erhöhen, wobei unsere Alternative-Investments-Quote nahezu konstant bleibt. Das liegt daran, dass unser Fokus aktuell stärker auf regelmäßigem Cashflow liegt.
Sie diversifizieren also nur weiter innerhalb der bisherigen Portfolioaufteilung?
Sihler: Wir schauen uns die Kapitalanlage an sich an. Dabei geht es nicht immer nur um mehr. An der einen oder anderen Stelle sehe ich sehr viel Diversifikation. Man sagt ja immer, Diversifikation ist gut. Aber ich bin der Meinung: Diversifikation muss man auch steuern können.
Wollen Sie weniger Diversifikation?
Sihler: Ich würde es eher so formulieren: Punktuell muss man sich fragen, ob bestimmte zusätzliche Assetklassen wirklich diversifikationseffektiv sind.
Gibt es bereits Assetklassen, bei denen Sie den Rotstift ansetzen?
Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an professionelle Investoren. Bitte melden Sie sich daher einmal kurz an und machen einige berufliche Angaben. Geht ganz schnell und ist selbstverständlich kostenlos.
private banking magazin: Herr Sihler, Sie sind seit November 2024 für die Anlagen der SV Sparkassenversicherung in Höhe von knapp 30 Milliarden Euro federführend verantwortlich. Wie kam Ihr neuer Arbeitgeber durch die vergangenen Jahre, geprägt von Zinswende, Angriffskrieg und Co., und welche Themen wollten Sie sofort anpacken?
Steffen Sihler: Sehr gut. Das wird an den stabilen Ergebnissen und an der im Marktvergleich guten Solvency-II-Quoten sichtbar. Hier haben die verschiedenen internen Markt- und Marktfolgeeinheiten in den Krisen zielgerichtet zusammengearbeitet.
Können Sie das konkretisieren?
Sihler: Wesentliche Stellhebel waren ein breit diversifiziertes Portfolio in liquide und illiquide Anlageklassen für flexible Ergebnissteuerung und besonders bei der Lebensversicherung eine im Marktvergleich kurze Duration des Zinsportfolios. Hier kommen wir dann auch zu Ihrer Frage, welche Themen ich sofort anpacken wollte: Insbesondere den Vorteil der kurzen Duration im Zinsanstieg wollte ich auf Basis des aktuellen Zinsniveaus einloggen. Wir arbeiteten daher die vergangenen Monate daran, das Durations-Gap zur Passivduration zu reduzieren.
Ihr Vorgänger sagte uns 2021, Private Debt wird im Portfolio bleiben ...
Sihler: Diese Anlageklasse wird nicht mehr verschwinden, da es die vergangenen Jahre – fast schon Jahrzehnte – Veränderungen struktureller Natur bei Finanzierungen gab. Diese werden nicht vollumfänglich zurückgedreht. Eine Herausforderung für den Private-Debt-Markt sehe ich jedoch darin, die Zuordnung, die Strukturen und die Risiken transparent, verständlich und kalkulierbar zu machen.
Was meinen Sie damit?
Sihler: Private-Debt-Investitionen reichen von Windpark-Finanzierungen über besicherte Mittelstandsdarlehen bis zu unbesicherten Mezzanine-Immobiliendarlehen – ein breites Spektrum mit unterschiedlichsten Facetten. In unserem Kapitalanlageportfolio der Lebensversicherung liegen wir bei 12 Prozent Alternative Investments. Wesentliche Quotenveränderungen sehe ich aktuell nicht.
Warum nicht?
Sihler: Die Herausforderungen sehe ich – auch in Anbetracht der globalen Lage – eher darin, die Portfolios innerhalb dieser Anlageklassen robust und effizient aufzustellen. Beispielsweise planen wir, den Anteil an Private Debt zu erhöhen, wobei unsere Alternative-Investments-Quote nahezu konstant bleibt. Das liegt daran, dass unser Fokus aktuell stärker auf regelmäßigem Cashflow liegt.
Sie diversifizieren also nur weiter innerhalb der bisherigen Portfolioaufteilung?
Sihler: Wir schauen uns die Kapitalanlage an sich an. Dabei geht es nicht immer nur um mehr. An der einen oder anderen Stelle sehe ich sehr viel Diversifikation. Man sagt ja immer, Diversifikation ist gut. Aber ich bin der Meinung: Diversifikation muss man auch steuern können.
Wollen Sie weniger Diversifikation?
Sihler: Ich würde es eher so formulieren: Punktuell muss man sich fragen, ob bestimmte zusätzliche Assetklassen wirklich diversifikationseffektiv sind.
Gibt es bereits Assetklassen, bei denen Sie den Rotstift ansetzen?
Sihler: Es gibt noch keine konkreten Assetklassen, wo ich sagen würde: Das würde ich nicht machen. Das muss man im Portfoliokontext sehen. Aber ich frage mich: Brauche ich vielleicht weniger Assetklassen mit weniger Anbietern, um den gleichen Effekt für das Portfolio zu haben?
Was versprechen Sie sich davon?
Sihler: Eine bessere Kapazitätssteuerung und effizientere Prozesse. Ich bin geprägt von der Finanzkrise 2008: Damals hatte man in verschiedenste Assetklassen investiert und wollte in jedem Bereich mehr Rendite erzielen. Das führte dazu, dass man beispielsweise in Rentenportfolios Probleme hatte, die man dort nicht erwartet hätte. Viele stießen auf Vermischungen von Assetklassen und unerfreuliche Überraschungen im Portfolio, weil Steuerung und Auswertung zu komplex waren. Muss alles so granular sein? Bringt es noch Mehrwert? Regel Nummer eins sollte immer sein: den Überblick nicht verlieren.
Je mehr Komplexität, desto mehr gute Mitarbeiter braucht man ...
Sihler: Ich habe sehr gute Mitarbeitende. Aber ich frage mich: Können sie sich so beschäftigen, wie ich es erwarte? Haben sie die Zeit, bei bestimmten, mir wichtigen Themen, in die Tiefe zu gehen? Im Krisenfall brennt es überall. Dann müssen viele Anfragen gestellt und in kürzester Zeit Feedbacks mit Ergebnissen und Handlungsempfehlungen koordiniert und gegeben werden. Ist das in unruhigen Phasen darstellbar?
Wollen Sie Personal aufbauen und haben Probleme, Personal zu finden?
Sihler: Ein Personalaufbau ist aktuell nicht vorgesehen. Die Kapitalanlagen im Lebensversicherungsbereich gehen im Volumen zurück. Wie kann ich da mehr Personal rechtfertigen? Wir haben außerdem viele Dienstleister und decken einen Großteil über sie ab. Gutes Personal braucht man aber natürlich immer wieder, allein schon durch die demografische Entwicklung und Fluktuation.
Im Wettbewerb um Talente stehen Sie nicht nur Versicherungsunternehmen gegenüber, auch Vermögensverwaltern, Banken, Consultants, KI-Schmieden. Gute Leute wollen spannende Jobs.
Sihler: Früher hieß es bei jungen Leuten, im Zweifel macht man ein Studium in Betriebswirtschaftslehre. Das wird heute aus meiner Sicht seltener so gesehen. KI-Themen sind aktuell für viele junge Leute spannender. Auch wir haben Kollegen im Team, die sich damit beschäftigen. Aber auch da stellt sich die Frage: Wo setze ich es konkret ein und inwieweit kann ich das in der Tiefe machen? Die Herausforderung ist nicht, junge Leute zu gewinnen, sondern sie zu halten.
Welchen Einfluss hat ESG, beziehungsweise Impact auf die Kapitalanlage? Sind Sie beispielsweise ein aktiverer Shareholder geworden?
Sihler: Nachhaltigkeit ist für uns ein wesentlicher Baustein der Kapitalanlage, um unserer Unternehmensverantwortung gerecht zu werden. Daher unterzeichneten wir die UN Principles for Responsible Investment und traten der Net Zero Asset Owner Alliance bei. Unseren Gestaltungswillen zeigen wir zudem über die Konsortialführerschaft beim Erwerb eines Transnet-BW-Anteils und bei Investments in erneuerbare Energien. Hier sind wir gerade dabei, unsere sechs Standorte selbst mit Strom zu versorgen.
Die Berichterstattung zur Nachhaltigkeit ist ausgeufert, was sollte der Regulator tun?
Sihler: Komplexität reduzieren. Die Grundidee ist gut und sinnvoll. In Europa und besonders Deutschland tendieren wir jedoch dazu, alles bis ins kleinste Detail zu erfassen. Deutschland ist zudem davon geprägt, alle Anforderungen sofort umzusetzen. Andere Länder sehen die Schwachstellen und profitieren davon. Hier würde mehr Pragmatismus helfen. Mehr Daten bedeuten nicht mehr Information. Die Regelungswut frustriert mehr, als dass sie motiviert, selbst etwas zu bewegen, über das dann ausufernd berichtet werden muss. Da gibt es Player, die lieber gar nichts machen, anstatt sich aufs Glatteis zu begeben.
Was wünschen Sie sich vom Regulator?
Sihler: Nicht immer nur Verbote und Regeln. Ich würde mit Motivation rangehen, würde sagen: „Macht das doch einfach mal, treibt das Thema voran.“ Es muss Gestaltungsspielraum geben, damit die Verantwortlichen Lust haben, ihre Aufgaben zu erfüllen. Die meisten haben Kinder – man darf das nicht unterschätzen. Wir wollen, dass die Welt weiter besteht. Es gibt eine intrinsische Motivation zu sagen: Wir wollen etwas tun.
Inwieweit berücksichtigen Sie Artikel 6, 8 und 9 in der Kapitalanlage?
Sihler: Die SV hat eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, die transparent gegenüber Kunden offengelegt wird. Wir greifen nicht auf externe Einstufungen zurück, sondern müssen die Strategie selbst verantworten – da hilft kein vermeintliches „Label“, für das die Artikel oft fälschlicherweise gehalten werden. Wenn ein Fonds sich als Artikel 8 einstuft, bedeutet dies nur, dass der Anbieter ökologische oder soziale Merkmale bewirbt und sein Tun offenlegen muss. Ob es viel oder wenig ist, bleibt offen. Auch bei Artikel-9-Anlagen sollte man verstehen, was dahintersteckt. Die Klassifizierungen sind kein Qualitätssiegel und spielen für uns isoliert keine Rolle. Strategien wie „Wir machen nur Artikel 8“ sind aussagelos.
Welche Rolle spielen externe Ratings bei Ihren Investitionsentscheidungen?
Sihler: Aktuell berücksichtigen wir keine Zertifizierungen oder Nachhaltigkeitsratings. Bei uns steht eher im Fokus, dass der Rahmen, den wir uns selbst gegeben haben, umgesetzt und eingehalten wird. Eine Zertifizierung oder ein Rating können kurzfristig für eine Abdeckung beziehungsweise Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen helfen. Solange man sich jedoch an unterschiedlichen Zertifizierungen und Ratings mit unterschiedlichen Kriterien orientiert, halte ich eine gesamthafte Einbindung in eine Nachhaltigkeitsstrategie für sehr herausfordernd.
Investieren Sie auch in Green Bonds und wenn ja, wie hoch ist das Risiko von Greenwashing und wie überprüfen Sie die Glaubwürdigkeit der Emittenten?
Sihler: Wir investieren in Green Bonds, haben aber kein konkretes Ziel und setzten uns daher noch nicht intensiv mit Greenwashing auseinander. Die EU-Initiative für einen Green-Bond-Standard finde ich gut, um höhere Klarheit bei der Kategorisierung zu bekommen. Die Praxis wird zeigen, ob sich der Standard durchsetzt, da die Anforderungen und Nachweispflichten hoch sind und der Nutzen entsprechend hoch sein muss.
Welche Assetklassen decken Sie ausschließlich über externe Manager ab?
Sihler: Ich beantworte die Frage andersherum: Was investieren wir direkt selbst? Den größten Baustein bildet unser Rentendirektbestand – Plain-Vanilla-Anleihen und Zinsstrukturen mit sehr guter Bonität über einen Asset-Management-Partner. Außerdem decken wir Hypothekendarlehen sowie Teilbereiche bei Immobilien und Alternative Investments mit jahrzehntelanger Expertise selbst ab. Alle anderen Bereiche erfolgen über externe Manager.
Was müssen diese Manager für Sie mitbringen?
Sihler: Es kommt immer auf die Asset-Klasse an. Allgemein ist mir neben einer konkurrenzfähigen Performance wichtig, dass der Manager transparent in den Entscheidungsprozessen ist, dass das Managementteam und die Ansprechpartner serviceorientiert agieren und sich nicht ständig ändern. Das ist ganz besonders bei Sonderereignissen und in Krisenzeiten wichtig. Dabei hilft eine schnelle, gerne auch proaktive Kommunikation über den Stand des Portfolios oder des Einzelinvestments, die gegebenenfalls eingeleiteten Maßnahmen und eine konkrete Einschätzung zur weiteren Entwicklung.
In der Versicherungsbranche finden derzeit Konsolidierungen statt. Wie denken Sie darüber?
Sihler: Zu Fusionen in der Branche möchte ich mich nicht äußern. In Bezug auf die Kapitalanlage kann man jedoch festhalten, dass die Kosteneffizienz und Diversifikationsmöglichkeiten bei größeren Kapitalanlagevolumen in der Regel steigen. Die SV hat hier eine Größe, mit der es sich kosteneffizient wirtschaften lässt.
Sie meinten jedoch, dass das Kapitalanlagevolumen tendenziell bei den Lebensversicherern runtergeht?
Sihler: Ja, durch die aktuelle Produktnachfrage gibt es einen Rückgang. Aber nicht so stark, dass keine Liquidität mehr gestellt werden kann. Für kurzfristige Steuerung nutzen wir die gleichen Töpfe: Aktien – aber die Aktienquote wollen wir nicht weiter reduzieren. Oder Fixed Income mit hochliquiden Staatsanleihen und Covered Bonds. Die Herausforderung liegt in der Aussteuerung illiquider Anlageklassen. In Alternatives und Immobilien möchte und kann man nicht ständig reingreifen. Deshalb muss man sich strategisch positionieren, um auch hier bei gleichbleibenden Quoten einen Beitrag zu leisten.
Am Anleihenmarkt ist derzeit viel los, unter anderem wegen der Politik von Donald Trump. Weche Strategie haben Sie?
Sihler: Insgesamt ist es aktuell aus meiner Sicht unmöglich, zu den Zinsen in den USA eine Aussage zu machen, da die weiteren Entwicklungen in alle Richtungen hin unberechenbar sind. Für Europa ergibt sich ein deutlicheres Bild, da hier die Inflation die letzten Quartale kontinuierlich zurückgegangen ist und die Wirtschaft weiter nicht dynamisch wächst. Deshalb halte ich das Zinsniveau im langfristigen Laufzeitenbereich aktuell für interessant.
Der Dax und weitere Leitindizes sind auf Rekordjagd, viele Marktteilnehmer verhalten sich, als wäre alles wunderbar. Das ist doch widersprüchlich: Wir haben einen Angriffskrieg in Europa, Donald Trump in den USA, China als Fragezeichen – trotzdem steigen die Aktien. Wie erklären Sie sich das?
Sihler: Sie haben es schön formuliert: Das kann man nicht erklären. Fundamental sagt man seit Längerem, das kann eigentlich nicht sein. Aber die Unternehmen bringen weiterhin gute Ergebnisse. Das ist Fakt. Wir sehen keinen Gewinneinbruch bei den Dax-Unternehmen.
Verstehen Sie den Markt nicht mehr?
Sihler: Er ist komplizierter geworden – aber ich formuliere es anders: Die negativen Stimmen sehen wir bei den Indexentwicklungen aktuell nicht. Beispiel S&P 500: Ohne die Magnificent 7 sähe das nicht so toll aus. Durch die Marktkapitalisierungsgewichtung kriegen die High-Performer ein immer größeres Gewicht und laufen weiter. Wenn ich den Index genau ansehe, gibt es jedoch Makel. Auch hierzulande haben wir Unternehmen, die nicht gut laufen. Nur weil der Dax gut läuft, heißt das nicht, dass es allen Unternehmen und der Gesamtwirtschaft gut geht. Das hat mit Technik zu tun.
Weil beispielsweise ETFs blind eingekauft werden?
Sihler: Das kann eine Erklärung sein, wobei ich es nicht nur an ETFs oder den Indizes festmachen würde. Ein anderer Aspekt für die Entwicklung der Märkte ist auch die Nachfrage nach Fondssparplänen oder auch fondsgebundenen Versicherungsprodukten. Diese ist weiterhin hoch und führt zu regelmäßigen Zuflüssen in die Kapital- und Aktienmärkte, was zusätzlich stabilisierend auf die Märkte wirkt. Hier muss einiges passieren, dass diese strukturelle Nachfrage abrupt wegbricht.
Hiesige Institutionelle verzichten wegen des Home Bias auf Rendite. Fühlen Sie sich angesprochen?
Sihler: Unter Home Bias verstehe ich Investitionen im Euroraum und nicht nur in Deutschland. Aufgrund der strukturellen Ausrichtung der Kapitalanlagen insbesondere bei Lebensversicherungen müssen wir uns daher wahrscheinlich als Branche gesamthaft angesprochen fühlen. Aber wie ist das einzuordnen? Für eine Beurteilung ist es wichtig, auf welche Anlageklasse, welche Risikotoleranz und welches Geschäftsmodell ich schaue. Sicherlich gibt es verschiedene Anlageklassen – wie beispielsweise Immobilien, in denen der Home Bias verstärkt zum Tragen kommt. Hieran kann man arbeiten. Es gibt jedoch auch noch eine weitere Perspektive.
Welche meinen Sie?
Sihler: Es geht um eine dauerhafte Kapitalanlage. Hier wird auf bilanzielle Aspekte und regulatorische Risikobetrachtungen keine Rücksicht genommen. Davon können wir uns jedoch als Lebensversicherung nicht abkoppeln, da die Erträge gegenüber unseren Kunden jedes Jahr in Euro zu erbringen sind. Die Wissenschaft oder Asset Manager haben hier oft eine andere Perspektive. Wesentlicher Treiber für einen Home Bias ist daher die Währungskomponente, die aus bilanzieller und risikorelevanter Sicht zu zusätzlichen Schwankungen führen kann. Die Komponente muss deshalb professionell gesteuert und zumindest teilweise abgesichert werden. Im US-Dollar war es dabei die vergangenen Jahre so, dass die Zinsdifferenz zwischen US-Zins und Euro-Zins positiv war, weshalb ein Zinsausgleich gezahlt werden muss. Dadurch wurden zinsunabhängige Anlageklassen belastet.
Über den Interviewten:
Steffen Sihler leitet seit November 2024 die 30 Milliarden Euro schwere Abteilung Kapitalanlagen – liquide Assets, Private Markets und Strategie der SV Sparkassenversicherung. Er leitete zuvor die Finanzsteuerung bei der Wüstenrot & Württembergischen.