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Was wünschen Sie sich vom Regulator?
Sihler: Nicht immer nur Verbote und Regeln. Ich würde mit Motivation rangehen, würde sagen: „Macht das doch einfach mal, treibt das Thema voran.“ Es muss Gestaltungsspielraum geben, damit die Verantwortlichen Lust haben, ihre Aufgaben zu erfüllen. Die meisten haben Kinder – man darf das nicht unterschätzen. Wir wollen, dass die Welt weiter besteht. Es gibt eine intrinsische Motivation zu sagen: Wir wollen etwas tun.
Inwieweit berücksichtigen Sie Artikel 6, 8 und 9 in der Kapitalanlage?
Sihler: Die SV hat eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, die transparent gegenüber Kunden offengelegt wird. Wir greifen nicht auf externe Einstufungen zurück, sondern müssen die Strategie selbst verantworten – da hilft kein vermeintliches „Label“, für das die Artikel oft fälschlicherweise gehalten werden. Wenn ein Fonds sich als Artikel 8 einstuft, bedeutet dies nur, dass der Anbieter ökologische oder soziale Merkmale bewirbt und sein Tun offenlegen muss. Ob es viel oder wenig ist, bleibt offen. Auch bei Artikel-9-Anlagen sollte man verstehen, was dahintersteckt. Die Klassifizierungen sind kein Qualitätssiegel und spielen für uns isoliert keine Rolle. Strategien wie „Wir machen nur Artikel 8“ sind aussagelos.
Welche Rolle spielen externe Ratings bei Ihren Investitionsentscheidungen?
Sihler: Aktuell berücksichtigen wir keine Zertifizierungen oder Nachhaltigkeitsratings. Bei uns steht eher im Fokus, dass der Rahmen, den wir uns selbst gegeben haben, umgesetzt und eingehalten wird. Eine Zertifizierung oder ein Rating können kurzfristig für eine Abdeckung beziehungsweise Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen helfen. Solange man sich jedoch an unterschiedlichen Zertifizierungen und Ratings mit unterschiedlichen Kriterien orientiert, halte ich eine gesamthafte Einbindung in eine Nachhaltigkeitsstrategie für sehr herausfordernd.
Investieren Sie auch in Green Bonds und wenn ja, wie hoch ist das Risiko von Greenwashing und wie überprüfen Sie die Glaubwürdigkeit der Emittenten?
Sihler: Wir investieren in Green Bonds, haben aber kein konkretes Ziel und setzten uns daher noch nicht intensiv mit Greenwashing auseinander. Die EU-Initiative für einen Green-Bond-Standard finde ich gut, um höhere Klarheit bei der Kategorisierung zu bekommen. Die Praxis wird zeigen, ob sich der Standard durchsetzt, da die Anforderungen und Nachweispflichten hoch sind und der Nutzen entsprechend hoch sein muss.
Welche Assetklassen decken Sie ausschließlich über externe Manager ab?
Sihler: Ich beantworte die Frage andersherum: Was investieren wir direkt selbst? Den größten Baustein bildet unser Rentendirektbestand – Plain-Vanilla-Anleihen und Zinsstrukturen mit sehr guter Bonität über einen Asset-Management-Partner. Außerdem decken wir Hypothekendarlehen sowie Teilbereiche bei Immobilien und Alternative Investments mit jahrzehntelanger Expertise selbst ab. Alle anderen Bereiche erfolgen über externe Manager.
Was müssen diese Manager für Sie mitbringen?
Sihler: Es kommt immer auf die Asset-Klasse an. Allgemein ist mir neben einer konkurrenzfähigen Performance wichtig, dass der Manager transparent in den Entscheidungsprozessen ist, dass das Managementteam und die Ansprechpartner serviceorientiert agieren und sich nicht ständig ändern. Das ist ganz besonders bei Sonderereignissen und in Krisenzeiten wichtig. Dabei hilft eine schnelle, gerne auch proaktive Kommunikation über den Stand des Portfolios oder des Einzelinvestments, die gegebenenfalls eingeleiteten Maßnahmen und eine konkrete Einschätzung zur weiteren Entwicklung.
In der Versicherungsbranche finden derzeit Konsolidierungen statt. Wie denken Sie darüber?
Sihler: Zu Fusionen in der Branche möchte ich mich nicht äußern. In Bezug auf die Kapitalanlage kann man jedoch festhalten, dass die Kosteneffizienz und Diversifikationsmöglichkeiten bei größeren Kapitalanlagevolumen in der Regel steigen. Die SV hat hier eine Größe, mit der es sich kosteneffizient wirtschaften lässt.
Sie meinten jedoch, dass das Kapitalanlagevolumen tendenziell bei den Lebensversicherern runtergeht?
Sihler: Ja, durch die aktuelle Produktnachfrage gibt es einen Rückgang. Aber nicht so stark, dass keine Liquidität mehr gestellt werden kann. Für kurzfristige Steuerung nutzen wir die gleichen Töpfe: Aktien – aber die Aktienquote wollen wir nicht weiter reduzieren. Oder Fixed Income mit hochliquiden Staatsanleihen und Covered Bonds. Die Herausforderung liegt in der Aussteuerung illiquider Anlageklassen. In Alternatives und Immobilien möchte und kann man nicht ständig reingreifen. Deshalb muss man sich strategisch positionieren, um auch hier bei gleichbleibenden Quoten einen Beitrag zu leisten.
Am Anleihenmarkt ist derzeit viel los, unter anderem wegen der Politik von Donald Trump. Weche Strategie haben Sie?
Sihler: Insgesamt ist es aktuell aus meiner Sicht unmöglich, zu den Zinsen in den USA eine Aussage zu machen, da die weiteren Entwicklungen in alle Richtungen hin unberechenbar sind. Für Europa ergibt sich ein deutlicheres Bild, da hier die Inflation die letzten Quartale kontinuierlich zurückgegangen ist und die Wirtschaft weiter nicht dynamisch wächst. Deshalb halte ich das Zinsniveau im langfristigen Laufzeitenbereich aktuell für interessant.
Der Dax und weitere Leitindizes sind auf Rekordjagd, viele Marktteilnehmer verhalten sich, als wäre alles wunderbar. Das ist doch widersprüchlich: Wir haben einen Angriffskrieg in Europa, Donald Trump in den USA, China als Fragezeichen – trotzdem steigen die Aktien. Wie erklären Sie sich das?
Sihler: Sie haben es schön formuliert: Das kann man nicht erklären. Fundamental sagt man seit Längerem, das kann eigentlich nicht sein. Aber die Unternehmen bringen weiterhin gute Ergebnisse. Das ist Fakt. Wir sehen keinen Gewinneinbruch bei den Dax-Unternehmen.
Verstehen Sie den Markt nicht mehr?
Sihler: Er ist komplizierter geworden – aber ich formuliere es anders: Die negativen Stimmen sehen wir bei den Indexentwicklungen aktuell nicht. Beispiel S&P 500: Ohne die Magnificent 7 sähe das nicht so toll aus. Durch die Marktkapitalisierungsgewichtung kriegen die High-Performer ein immer größeres Gewicht und laufen weiter. Wenn ich den Index genau ansehe, gibt es jedoch Makel. Auch hierzulande haben wir Unternehmen, die nicht gut laufen. Nur weil der Dax gut läuft, heißt das nicht, dass es allen Unternehmen und der Gesamtwirtschaft gut geht. Das hat mit Technik zu tun.
Weil beispielsweise ETFs blind eingekauft werden?
Sihler: Das kann eine Erklärung sein, wobei ich es nicht nur an ETFs oder den Indizes festmachen würde. Ein anderer Aspekt für die Entwicklung der Märkte ist auch die Nachfrage nach Fondssparplänen oder auch fondsgebundenen Versicherungsprodukten. Diese ist weiterhin hoch und führt zu regelmäßigen Zuflüssen in die Kapital- und Aktienmärkte, was zusätzlich stabilisierend auf die Märkte wirkt. Hier muss einiges passieren, dass diese strukturelle Nachfrage abrupt wegbricht.
Hiesige Institutionelle verzichten wegen des Home Bias auf Rendite. Fühlen Sie sich angesprochen?
Sihler: Unter Home Bias verstehe ich Investitionen im Euroraum und nicht nur in Deutschland. Aufgrund der strukturellen Ausrichtung der Kapitalanlagen insbesondere bei Lebensversicherungen müssen wir uns daher wahrscheinlich als Branche gesamthaft angesprochen fühlen. Aber wie ist das einzuordnen? Für eine Beurteilung ist es wichtig, auf welche Anlageklasse, welche Risikotoleranz und welches Geschäftsmodell ich schaue. Sicherlich gibt es verschiedene Anlageklassen – wie beispielsweise Immobilien, in denen der Home Bias verstärkt zum Tragen kommt. Hieran kann man arbeiten. Es gibt jedoch auch noch eine weitere Perspektive.
Welche meinen Sie?
Sihler: Es geht um eine dauerhafte Kapitalanlage. Hier wird auf bilanzielle Aspekte und regulatorische Risikobetrachtungen keine Rücksicht genommen. Davon können wir uns jedoch als Lebensversicherung nicht abkoppeln, da die Erträge gegenüber unseren Kunden jedes Jahr in Euro zu erbringen sind. Die Wissenschaft oder Asset Manager haben hier oft eine andere Perspektive. Wesentlicher Treiber für einen Home Bias ist daher die Währungskomponente, die aus bilanzieller und risikorelevanter Sicht zu zusätzlichen Schwankungen führen kann. Die Komponente muss deshalb professionell gesteuert und zumindest teilweise abgesichert werden. Im US-Dollar war es dabei die vergangenen Jahre so, dass die Zinsdifferenz zwischen US-Zins und Euro-Zins positiv war, weshalb ein Zinsausgleich gezahlt werden muss. Dadurch wurden zinsunabhängige Anlageklassen belastet.
Über den Interviewten:
Steffen Sihler leitet seit November 2024 die 30 Milliarden Euro schwere Abteilung Kapitalanlagen – liquide Assets, Private Markets und Strategie der SV Sparkassenversicherung. Er leitete zuvor die Finanzsteuerung bei der Wüstenrot & Württembergischen.