Prognosen sind ein undankbares Geschäft. Entweder sie treten nicht ein oder sie wirken, wenn sie eintreten, plötzlich banal.
Scott Galloway kennt dieses Dilemma bestens. Umso bemerkenswerter: Seine Vorhersagen für 2025 lagen so oft richtig, wie selten zuvor.
Er setzte auf Alphabet und bekam ein klassisches Bewertungsargument bezahlt. Die Aktie lief. Er erkannte früh die Machtachse aus Open AI und Nvidia, das moderne Pendant zu „Wintel“. Auch das traf zu.
Software wurde „agentisch“, Podcasts wuchsen schneller als klassische Werbeplattformen, und Youtube festigte seine Stellung als dominierende Medienplattform. Selbst bei geopolitischen Kapitalströmen lag Galloway richtig: Schwellenländer schlugen erstmals seit fast zwei Jahrzehnten die USA.
Und dann war da noch seine vielleicht provokanteste Diagnose: 2025 sei politisch vom „Chemikalienfaktor Testosteron“ geprägt gewesen. Junge Männer fühlten sich ökonomisch abgehängt und sozial übersehen – ein Stimmungsbild, das politische Folgen hatte, nicht zuletzt bei der Wiederwahl von Donald Trump.
Kurz: selten so viele Treffer. Was, so Galloway selbstironisch, nur eines bedeutet – die Prognosen für 2026 werden vermutlich schlechter.
Galloways Vorschau für 2026 schwankt zwischen KI-Realismus und gesellschaftlichem Sprengstoff:
1. Die KI-Euphorie bekommt Risse
Die große KI-Erzählung stößt an Grenzen. Nicht technologisch – sondern gesellschaftlich. Rechenzentren, das Rückgrat der KI, werden zunehmend zum politischen Problem: hoher Energieverbrauch, steigende Strompreise, kaum lokale Jobs. Widerstand formiert sich.
Gleichzeitig bröckelt die Dominanz einzelner Player. Neben Open AI drängen neue Anbieter in den Markt, etwa Anthropic. Der Wettbewerb verschärft sich – und die Erwartungshaltung könnte sich als zu hoch erweisen.
2. Der wahre Gewinner: Anwendung statt Infrastruktur
Nicht die KI selbst, sondern ihre Anwendung wird den größten Wert schaffen. Galloways Favorit: Amazon. Warum? Weil das Unternehmen bereits heute über eine der größten Robotik-Flotten der Welt verfügt und Effizienzgewinne in der Logistik realisieren kann, von denen andere bislang nur sprechen. KI wird hier nicht diskutiert – sie wird umgesetzt.
3. Der nächste Billionenmarkt liegt im All
Sinkende Startkosten verändern die Raumfahrt grundlegend. Einst staatliche Prestigeprojekte – heute kommerzielle Spielwiese der Tech-Milliardäre.
Dominant bleibt Space X von Elon Musk. Doch auch hier sieht Galloway Bewegung. Neue Anbieter könnten aufholen. Der Markt wächst schnell genug für mehrere Gewinner – vor allem im Bereich Verteidigung und Infrastruktur.
4. Hollywood vor der Disruption
Die Unterhaltungsindustrie steht vor einem radikalen Umbau. Filme mit Tausenden Beteiligten wirken im Vergleich zu KI-gestützter Produktion zunehmend ineffizient.
Podcasts zeigen bereits, wie Inhalte mit einem Bruchteil der Kosten produziert werden können. Die Konsequenz: weniger Jobs, mehr Automatisierung und ein struktureller Wandel in Hollywood.
5. Immobilien: Europa profitiert
Kapitalströme könnten sich verschieben. Sicherheitsbedenken in den Golfstaaten führen möglicherweise zu einer Rückverlagerung von Vermögen nach Europa. Gewinner könnten klassische Metropolen sein: London, Mailand, Genf. Die These: geopolitische Unsicherheit wird zum Treiber europäischer Immobilienmärkte.
6. Bildung bleibt – trotz KI
Totgesagte leben länger. Trotz aller KI-Debatten bleibt das Studium ein klarer Vorteil: höheres Einkommen, geringere Arbeitslosigkeit, längere Lebenserwartung. Das Problem ist nicht der Nutzen, sondern der Preis. Bildung wirkt – sie ist nur zu teuer geworden.
7. Die unterschätzte Gefahr: künstliche Beziehungen
Die vielleicht düsterste Prognose betrifft nicht Märkte, sondern Menschen. Immer mehr – vor allem junge – Nutzer entwickeln Beziehungen zu KI-Systemen. Diese „synthetischen Beziehungen“ sind bequem, konfliktfrei, bestätigend. Genau darin liegt die Gefahr: Wer keine Zurückweisung erlebt, lernt nicht, mit ihr umzugehen. Wer keine echten Beziehungen eingeht, entwickelt keine sozialen Fähigkeiten.
Galloways Warnung ist deutlich: Eine Generation isolierter, ökonomisch schwacher, junger Männer sei historisch ein hochgradig instabiles Fundament für Gesellschaften.
Fazit: Mehr als nur Tech-Prognosen
Was als wirtschaftliche Vorschau beginnt, endet bei einer gesellschaftlichen Diagnose. Galloways Blick auf 2026 ist weniger eine Liste von Trends als ein zusammenhängendes Bild:
- KI wird überschätzt – zumindest kurzfristig
- Wert entsteht in der Anwendung, nicht in der Vision
- Neue Märkte entstehen (Raumfahrt), Alte werden umgebaut (Medien)
- Die größte Herausforderung ist sozialer Natur
Oder, zugespitzt:
Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden – sondern daran, wie gut wir als Gesellschaft miteinander klarkommen.
Das OMR Festival ist nach eigenen Angaben eine der größten Veranstaltungen für digitales Marketing in Europa und findet jedes Jahr in Hamburg statt. Im Jahr 2026 nehmen rund 60.000 Menschen teil. Zu den Rednern zählen Vizekanzler Lars Klingbeil, Digitalminister Karsten Wildberger, Bettina Orlopp, Geschäftsführerin der Commerzbank, und Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank. Aber auch Prominente sind stets vor Ort, in diesem Jahr beispielsweise Heidi Klum und Tom Brady.
Über Scott Galloway
Scott Galloway gründete 1992 Prophet, eine Marken- und Marketingberatung mit mehr als 250 Fachleuten weltweit. 1997 folgte Redenvelope, eine der frühen E-Commerce-Plattformen. 2005 startete er Firebrand Partners, einen aktivistischen Hedgefonds mit mehr als einer Milliarde Dollar in US-Konsum- und Medienunternehmen. 2010 folgte L2, ein Unternehmen für digitale Marktforschung, das Gartner im März 2017 für 155 Millionen Dollar übernahm.
Galloway war Mitglied in den Aufsichtsgremien von Eddie Bauer, der New York Times Company, Gateway Computer, Urban Outfitters und der Haas School of Business. 1999 wurde er in das WEF-Programm „Global Leaders of Tomorrow" aufgenommen, das jährlich 100 Personen unter 40 Jahren auszeichnet.
Seit 2002 lehrt er Brand Management und digitales Marketing an der Stern School of Business der New York University. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen überwiegend in London.
Derzeit ruft Galloway unter dem Motto „Resist and Unsubscribe" dazu auf, Abonnements bei Tech-Konzernen zu kündigen — als Reaktion auf deren Nähe zur Trump-Regierung und die Unterstützung der Einwanderungsbehörde ICE durch deren Führungskräfte.