Privatmärkte stehen derzeit unter einer genauen Beobachtung. Höhere Zinsen, verlangsamte Exits und die wieder aufgeflammte Debatte über Liquiditätsversprechen haben den Diskurs verschärft. Wer daraus schließt, dass sich Privatmarktanlagen auf dem Rückzug bewegen, liegt falsch. Es ist jedoch ein Markt, in dem Selektivität gefragt ist.
Über viele Jahre standen die Privatmärkte unter einem guten Stern: Die Zinsen waren niedrig, Liquidität reichlich verfügbar und die Bewertungen im Aufwärtstrend. In einem solchen Umfeld wurde man belohnt, wenn man in den breiten Markt investiert war.
Diese Phase ist nun vorerst vorbei. Erfolg wird nicht mehr allein vom Marktumfeld getragen. Stattdessen erleben wir, dass diszipliniertere Anlageentscheidungen und Selektivität beim Investieren in den Mittelpunkt rücken. Kapital fließt dabei nicht mehr gleichförmig in den Markt, sondern wird gezielt gelenkt – oder zurückgehalten.
Das verwaltete Vermögen wächst dabei weiter und liegt laut McKinsey weltweit inzwischen bei rund 22 Billionen US-Dollar. Auch auf Investorenseite bleibt das Interesse an Privatmärkten ungebrochen. Eine aktuelle Umfrage unter Wealth-Kunden hat gezeigt, dass fast 70 Prozent an ihren Plänen, in Privatmärkte zu investieren, nichts geändert haben – trotz steigender Volatilität. Nur eine Minderheit verschiebt ihre Allokationen. Verändert hat sich also nicht die Nachfrage, sondern wie sich die Nachfrage übersetzt.
Die Bedeutung der Privatmärkte als Diversifikationsquelle wird durch die wachsende Konzentration in den öffentlichen Märkten gestützt.
Die Exit-Märkte sind offen, aber eben selektiv
Dieser Wandel wird besonders deutlich, wenn man die Exit-Entwicklung betrachtet. Die Märkte öffnen sich wieder, aber eben selektiv. Im ersten Quartal 2026 erreichten die globalen Private-Equity-Exits mit rund 635 Transaktionen ein Volumen von knapp 300 Milliarden US-Dollar – und das trotz insgesamt gedämpfter Aktivität.
Die Liquidität ist also nicht verpufft, aber sie hat sich auf Vermögenswerte konzentriert, die über die entsprechenden Fundamentaldaten verfügen. Zum Exit schafft es nur, wer liefert: sichtbares Wachstum, robuste Cashflows, glaubwürdige Exit-Pfade. Wer diese Anforderungen erfüllt, findet Zugang zum Markt. Wer sie nicht erfüllt, muss längere Haltedauern oder niedrigere Bewertungen in Kauf nehmen. Das ist kein dysfunktionaler Markt, sondern einer, in dem die Preisfindung wieder funktioniert.
Über alle Anlageklassen hinweg kristallisiert sich eine klarere Hierarchie der Anlagechancen heraus
Im Private-Equity-Segment etwa konzentriert sich das Kapital zunehmend auf Unternehmen, deren Wertschöpfung operativ, messbar und belastbar ist. Finanztechnik allein ist kein Garant für Erfolg mehr. Die Exit-Aktivität nimmt phasenweise wieder zu. An erster Stelle stehen dabei Vermögenswerte, die auch der Prüfung durch mehrere Käufergruppen standhalten.
Im Private-Credit-Segment verhält es sich ähnlich. Zwar sind einzelne Stressherde erkennbar, das Gesamtbild zeigt aber keine flächendeckende Verschlechterung, sondern Divergenz. Entscheidend für die Performance sind in erster Linie die Qualität der Risikoprüfung, die Sektorpositionierung und die Disziplin bei der Kapitalstruktur. Die Spreizung der Ergebnisse nimmt zu, weil auch der Zugang zu Kapital zunehmend selektiver wird.
Von diesem neuen Umfeld profitieren Geschäftsfelder, wie Infrastruktur, die mit stabilen, ertragsorientierten Merkmalen überzeugen. Sie ziehen weiterhin Kapital an und verstärken damit diese Differenzierung zusätzlich.
Selektivität ist das Leitmotiv des Zyklus
Im aktuellen Zyklus gilt: Selektivität ist kein Randphänomen, sondern das Leitmotiv. Wer in diesem Umfeld langfristig erfolgreich sein will, muss gezielt und diszipliniert vorgehen.
Das gilt auch für strukturelle Themen wie Künstliche Intelligenz. KI bietet echte Chancen und das Investitionsvolumen steigt stetig. Doch die Marktführerschaft konzentriert sich auf wenige Akteure, die Erwartungen sind hoch und die Renditeverteilung wird sich wohl wenig gleichmäßig gestalten. Exposure an sich reicht daher nicht mehr aus. Es braucht eine präzise Positionierung.
Gleichzeitig wird der Zugang zu den Privatmärkten immer breiter. In Europa erweitern regulatorische Entwicklungen wie Eltif 2.0 sowie neue Vertriebsmodelle die Investorenbasis spürbar. Doch Zugang allein ist nicht gleichzusetzen mit Allokation.
Für Wealth Manager bedeutet das in gewisser Hinsicht einen Rollenwechsel: Im Wettbewerbsvorteil liegt nicht mehr, wer seinen Kunden Zugang zu einem Markt oder Produkt verschafft, sondern wer bei Beratung und Portfoliokonstruktion mit Qualität punktet.
Die größten Hürden bleiben: Liquidität und Bewertung
Liquidität und Bewertungen bleiben die größten Hürden. In unseren Anlegerbefragungen nennt mehr als ein Drittel der Investoren die Liquidität als wichtigstes Hindernis für den weiteren Ausbau ihrer Allokationen, gefolgt von Bewertungsfragen. Das Interesse wächst, doch ob daraus tatsächliche Investitionen werden, hängt maßgeblich davon ab, wie erfolgreich diese strukturellen Herausforderungen adressiert werden.
Die Privatmärkte funktionieren anders als börsennotierte Anlagen. Liquidität ist per Definition nicht kontinuierlich verfügbar. Bei Evergreen-Strukturen entsteht Liquidität durch das Zusammenspiel aus Cashflows, Zeichnungen und kontrollierten Rücknahmen. Rücknahmebeschränkungen sind deshalb kein Zeichen von Fehlfunktion. Sie funktionieren, wie sie sollen: Sie schützen Anleger und die Integrität des Portfolios.
Auch das verlangt am Ende wieder Selektivität, Disziplin und Präzision – bei der Strukturierung, beim Tempo und beim Abgleich zwischen den Erwartungen der Anleger und den zugrunde liegenden Investments.
Ein Reset, kein Rückzug
Die Ära breit gestreuter, weitgehend gleichförmiger Renditen weicht einer Phase, in der die Ergebnisse von ganz konkreten Entscheidungen abhängen – von der Auswahl der Manager, der Auswahl der Anlage, der Strukturierung und der Umsetzung. Alpha ergibt sich nicht mehr von allein. Es muss wieder erarbeitet werden. Auch die Privatmärkte spüren den makroökonomischen Druck, aber sie werden auch zunehmend davon geprägt, wie das Kapital auf diesen Druck reagiert.
Für Anleger ist die Konsequenz klar: Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob man investiert, sondern wie diszipliniert und zielgerichtet man es tut. Wo geht man Risiko ein? Wo verlangt man für das eingegangene Risiko eine angemessene Kompensation? Und, mindestens genauso wichtig: Wo hält man sich lieber ganz heraus? In einem selektiveren Markt ist Disziplin keine Option, sondern die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Investment.
Ein letzter Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit: Selektivität allein reicht nicht, wenn Privatmärkte in ihrer Gänze von den Kunden nicht verstanden werden. Je weiter sich die Anlageklasse öffnet, desto wichtiger wird es, die Erwartungen der Kunden mit der Realität in Einklang zu bringen. Liquidität wird auch künftig nicht immer verfügbar sein und Anlageergebnisse stellen sich in der Regel über deutlich längere Zeiträume ein als an öffentlichen Märkten.
Fehlt dieses Verständnis, wird es auch in Zukunft wieder zu Fehlausrichtungen kommen. Und genau dort liegt in einem selektiveren Markt das Risiko.
Trotzdem ist die langfristige Richtung klar: Laut Preqin werden die globalen Märkte für alternative Anlagen spätestens 2030 die Marke von 30 Billionen US-Dollar überschreiten. Damit eröffnen sich neue Chancen für Investoren.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob man Zugang erhält. Sondern, wie man die richtigen Chancen identifiziert und konsequent nutzt.
Über den Autor:
Fabio Osta leitet bei Blackrock das Alternatives-Specialists-Team für Wealth-Kunden in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten. Dort verantwortet er Kundenstrategie, Geschäftsentwicklung und Kooperationen mit Schwerpunkt auf Privatmärkten und Hedgefonds. Osta arbeitet seit 2013 für Blackrock, davor war er bei BNP Paribas Asset Management in Paris und London für Investor Relations und Geschäftsentwicklung zuständig.
