Bundeswehr-Vertreter wollen privates Vermögen zur Finanzierung von Militärinnovationen einsetzen. Mitte Juni lud das German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) anlässlich dessen zur Podiumsdiskussion in die Handelskammer Hamburg.
Auf dem Podium diskutierten Stefan Bayer, Professor und Forschungsleiter am GIDS, Flottillenadmiral Christian Bock, Leiter des Innovationszentrums der Bundeswehr in Erding, Marco Neidhart, Direktor Innovationen (Director Innovation) der Landesbank Baden-Württemberg, und Sabine Hampel, Mitgründerin des Global Resilience Innovation Fund (Grif).
Das GIDS gehört zum Bundesministerium der Verteidigung. Ursula von der Leyen gründete 2018 die Denkfabrik, die aus der Führungsakademie der Bundeswehr und der Universität der Bundeswehr besteht.
Gleich zu Beginn beziffert Bayer den Rückstand Deutschlands: Zwar erreichte die Bundesregierung das Nato-Ziel in den Jahren 2024 und 2025. Doch Deutschland untererfüllte es jahrzehntelang. Seit 1991 investierte die Regierung laut Bayers Analyse im Durchschnitt jährlich nur etwa 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bundeswehr.
„Über einen Zeitraum von gut 30 Jahren ergibt sich als Untergrenze ein Defizit von 640 Milliarden Euro, als Obergrenze ein Defizit von 825 Milliarden Euro“, sagt er. Bayer bezieht sich dabei auf nominelle Zahlen, also auf Werte zu jeweiligen Jahrespreisen ohne Berücksichtigung der Inflation.
Privates Kapital für Militärinnovationen
Flottillenadmiral Bock sieht den Markt als Lösung: „Hier sollte der freie Wettbewerb die Preise steuern und die militärischen Bedarfe der Streitkräfte unterstützen.“ Er verweist auf die sich öffnende EU-Regulatorik für militärische Investitionen.
Hampel ergänzt: „Rüstung ist zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren in liquiden und illiquiden Assetklassen investierbar.“ Die Mitgründerin des Fonds für militärische Innovationen aus Nato-Ländern spricht den Kapitalbedarf europäischer Militär-Start-ups an. „Deutschland hat den Vorteil, dass es ein Technologieland ist“, sagt sie. Ausländische Investoren interessierten sich nicht aus Mitleid, sondern wegen guter Technologien und Universitäten für den deutschen Standort.
Auf die Frage, ob sich ein chinesischer Anleger in den Grif einkaufen könnte, antwortet Hampel klar: „Wir lassen nur Anleger zu, die der Nato zumindest freundlich gegenüberstehen.“ Den USA gegenüber positioniert sie sich ebenso eindeutig: „Die USA waren und sind Nato-Mitglied und ein verlässlicher Partner an der Seite Deutschlands.“ Europa müsse aber in Europa entwickelte Technologien mit europäischem Kapital finanzieren – so wie die USA es mit ihren Start-ups längst praktizieren.
Zu kleine Fonds, zu wenig Kapital
Ein strukturelles Problem benennt Hampel ebenfalls: In Europa gebe es nicht ausreichend große Fonds, die eine Serie-A-Runde mitfinanzieren können. „Selbst ein Fonds mit 50 Millionen Euro Gesamtvolumen kann nicht 10 Millionen Euro in ein Militär-Start-up stecken.“ Das sei aus Risikosicht unverantwortlich gegenüber den Anlegern. Der Fondsstandort Luxemburg schreibe Transparenz und Geldwäscheprävention groß. „Jeder wird durchleuchtet“, so Hampel.
Bock mahnt zur Vorsicht bei einzelnen Produktkategorien: „Drohnen sind nur lukrativ, wenn sie günstiger sind als die angreifende Drohne.“ Die Produktionskosten fallen so schnell, dass Produkte rasch veralten.
Trägerraketensysteme für Satelliten
Hampel hingegen verweist auf Innovationen mit doppeltem Nutzen. Als Beispiel nennt sie Trägerraketensysteme: Im kommerziellen Einsatz können sie Mikrosatelliten für Erdbeobachtung, Kommunikation oder Internetversorgung in den Orbit bringen. Gleichzeitig liefern dieselben Systeme dem Militär sogenannte Responsive-Launch-Fähigkeit, um Satelliten kurzfristig und bedarfsgerecht für Aufklärungs-, Kommunikations- oder Lagebildmissionen ins All zu transportieren.
Der Grif investierte mit weiteren Anlegern 15 Millionen Euro in das Stuttgarter Unternehmen Hy Impulse Technologies. Die Luft- und Raumfahrttechniker Christian Schmierer und Mario Kobald gründeten es 2019. Laut Hampel handelt es sich um das erste privat finanzierte Raumfahrtunternehmen Deutschlands. 2024 absolvierte es einen erfolgreichen Testflug seiner Suborbitalrakete SR75.
Neidhart erinnert an die Verteidigungsbank der Nato
Neidhart ruft die entstehende Verteidigungsbank der Nato ins Gedächtnis der Anwesenden. „Die Defence, Security and Resilience Bank geht auf Rob Murray, den ehemaligen Leiter Innovation der Nato, zurück“, sagt er. Die LBBW unterstützt diesen Prozess aktiv.
Seit April 2026 hat die angehende Bank ihren Sitz in Kanada. Sie soll Militärausgaben der Nato-Länder und ihrer Partner finanzieren – die beteiligten Staaten fungieren dabei als Anteilseigner. „Das ist ein absolutes Novum“, sagt Neidhart.
Angesichts des enormen Kapitalbedarfs für Militärinnovationen – befeuert durch den fortschreitenden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – dürfte es ähnliche Netzwerktreffen künftig häufiger geben.