Die Amtszeit von Jerome Powell (73), dem Leiter der US-Notenbank Fed, endete nach acht Jahren. Seit Montag, 18. Mai, verantwortet Kevin Warsh die geldpolitische Linie der Fed und damit der größten Volkswirtschaft der Welt. Am Mittwoch bestätigte der US-Senat Warsh als neuen Fed-Chef.
Mit 54 zu 45 Stimmen zählte Warshs Votum zum 17. Fed-Vorsitzenden zu den knappsten Ergebnissen innerhalb der Geschichte der Notenbank. Bis dato führte Ben Bernanke, der 14. Fed-Vorsitzende, mit 30 Gegenstimmen im Jahr 2010 die wenig ruhmvolle Rangliste an.
Der Gegenwind entfachte sich bei Warsh fast vollständig entlang der parteipolitischen Linie zwischen Republikanern und Demokraten. Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren bezeichnete den Nominierten als „Handpuppe" Trumps. Der Senator John Fetterman stimmte als einziger Demokrat für Warsh. Fetterman teilte mit, die Entscheidung sei nach einem persönlichen Treffen mit Warsh gefallen. Er sei davon überzeugt, dass Warsh die Unabhängigkeit der Fed bei der Festlegung der Zinssätze wahren werde.
Doch wer liegt richtig – Warren oder Fetterman? Das wird sich zeigen. In diesen fünf Punkten wird der Unterschied zwischen Warsh und Powell bereits heute deutlich:
1. Kommunikationsstil: Zurückhaltend versus selbstdarstellend
Bereits die Haltung spricht Bände: Etwas in sich zusammengesackt ließ Jerome Powell regelmäßig den blauen Vorhang hinter sich, um sich bei Pressekonferenzen ans Pult zu stellen. Dabei blickte er leicht nach unten und schenkte den Zuschauern höchstens ein leichtes Lächeln. Kevin Warsh dagegen ist zumindest rein optisch ein Strahlemann mit weiß gebleachten Zähnen und trägt gerne modische Sonnenbrillen.
„Ich glaube, der Präsident hat heute Morgen gesagt, ich sähe aus, als sei ich direkt aus einem Hollywood‑Casting für einen Fed‑Chef gefallen", sagte Warsh während seiner Befragung im Rahmen der Nominierung auf die Frage von Senatorin Elizabeth Warren, in welchen Fällen er anderer Meinung als US-Präsident Trump sei. Und kokettierte: „Wenn das so wäre, sähe ich vermutlich älter und grauer aus – und würde hier mit einer Zigarre auftauchen."
2. Bereitschaft zu Trumps Wunsch nach sinkenden Zinsen
Jerome Powell weigerte sich kontinuierlich, die Zinssätze zu senken, und ging auf Konfrontationskurs mit dem US-Präsidenten. Powell stellte immer wieder klar, dass die Fed unabhängig von der US-Regierung agieren müsse. Kevin Warsh dagegen bügelte Trumps Wunsch nicht pauschal vom Tisch, sondern signalisierte Bereitschaft für mögliche Zinssenkungen. Die Inflationsrate, gemessen am Verbraucherpreisindex, stieg in den USA im April auf 3,8 Prozent – eine Zinssenkung könnte sie weiter in die Höhe treiben.
3. Trump-Schützling: Emotionale Beziehung zum Präsidenten
Einst galt Jerome Powell als Trumps Favorit: 2017 zog Trump Powell seinem damaligen Konkurrenten Warsh vor und nominierte ihn als Fed-Chef. Nach acht Jahren Amtszeit hat sich das Blatt gewendet. Nachdem sich Powell Trumps Forderung nach deutlichen Leitzinssenkungen widersetzte, fiel er bei ihm in Ungnade. Trump kommentierte Powells Entscheidung, bis 2028 im Fed-Rat zu bleiben, mit den Worten, er habe „nichts Besseres bekommen". Jetzt ist Kevin Warsh Trumps neuer Stern am Firmament.
4. Geldpolitisches Instrumentarium der Wahl
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der bevorzugten Steuerungsmethode der Geldpolitik. Für Kevin Warsh sind Zinssenkungen nicht das Mittel der Wahl, um die Inflation zu beeinflussen – damit unterscheidet er sich von seinem Vorgänger. Warsh möchte die Bilanzsumme der Fed verkleinern, also Anleihen auslaufen lassen oder verkaufen. Das ist eine Form der geldpolitischen Straffung, die viele Analysten zudem als Zeichen für Warshs Unabhängigkeit gegenüber politischem Druck werten.
5. „Forward Guidance"
Wo Jerome Powell Zinsschritte typischerweise weit im Voraus ankündigte, plädiert Kevin Warsh für eine reaktive, situationsabhängige Geldpolitik. Warsh spricht sich stark gegen die sogenannte „Forward Guidance" aus – er hält wenig von einer Fed, die den Märkten lange im Vorfeld ankündigt, wie Zinsschritte ausfallen könnten. Er möchte spontaner agieren und individuell auf Marktentwicklungen reagieren. Powell dagegen kündigte Zinsschritte meist Monate im Vorfeld an und blieb seinem Kurs konsequent treu.
Weniger Vorhersehbarkeit bedeutet höhere Volatilität an den Zinsmärkten – das erfordert von Wealth Managern eine Neujustierung im Risikomanagement. Die Ära gut telegrafierter Fed-Entscheidungen dürfte vorerst vorbei sein.