Wie in den 1920er Jahren Das Endspiel um die Inflation

Christian Gerlach ist Portfoliomanager für Rohstoffe bei der Schweizer Fondsgesellschaft GAM. | © GAM Investments

Christian Gerlach ist Portfoliomanager für Rohstoffe bei der Schweizer Fondsgesellschaft GAM. Foto: GAM Investments

Weltweit ist der Inflationsdruck überraschenderweise verhalten geblieben – trotz zuletzt deutlicher ökonomischer Verbesserungen. Besonders besorgniserregend ist dabei, dass die meisten Konsumentenpreisindizes sogar immer noch auf eine Deflation hinweisen würden, wäre das Angebot an den Rohstoffmärkten nicht so deutlich verringert worden. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und andere Akteure verschaffen so dem Rest der Welt die bequeme Illusion eines tatsächlichen Fortschrittes hin zu einer tragfähigen inflationären Erholung – knapp ein Jahrzehnt nach der Weltwirtschaftskrise. 

Doch der eigentliche Kampf um eine langfristige Reflation liegt immer noch vor uns. Das Endspiel um die Inflation wird aus einer Kombination der aktuellen Angebotskürzungen sowie drei weiteren, zentralen Maßnahmen bestehen müssen: weit über den Einnahmen liegende Staatsausgaben, Handelsprotektionismus und bewusste Währungsabwertungen. Wenn wir jedoch auf diese heilige Trias setzen, um die Überschusskapazitäten zu beseitigen, wird das unser Zeitalter der liberalen Globalisierung zu Grabe tragen.

 Quelle: GAM, Bloomberg

Nullsummenspiel mit klaren Gewinnern und Verlieren

Die heutige globalisierte Wirtschaft ist entgegen dem Anschein kein natürliches Phänomen, sondern vielmehr ein Meisterstück der Staatskunst. Sie entspringt dem Streben eines Staates nach modernem Wachstum innerhalb einer großen, geopolitischen Ordnung. Großmächte entwickeln solche übergeordneten Strategien typischerweise nach einem weitreichenden hegemonialen Krieg. Bevor die liberale Globalisierung den friedlichen wirtschaftlichen Wettbewerb begründete, der die Menschheit insgesamt besser stellte als je zuvor, war der Merkantilismus die beliebteste der großen Strategien. 

Bis hinein in das späte 18. Jahrhundert erschien die Möglichkeit, dass alle Parteien von einem friedlichen Handel profitieren können, vollkommen abwegig. Chaos und zwischenstaatliche Konflikte waren an der Tagesordnung. Das Streben nach Wohlstand und Handel wurde als Hobbessches Nullsummenspiel gesehen, an dessen Ende klare Gewinner und Verlierer stehen. Damaliges Wirtschaftswachstum und kriegstreibende Geopolitik waren einem faustischen Pakt unterlegen – Kriege zu gewinnen war alles, was zählte.

Ungebremstes Wachstum

Das änderte sich mit der industriellen Revolution. Allmählich erkannten Staaten, dass internationaler Handel sehr wohl modernes Wachstum hervorbringen kann. Bald wurde eine friedliche geopolitische Ordnung zur Vorbedingung für Wohlstand. Während der sogenannten Pax Britannica veränderten sich die Volkswirtschaften grundlegend. Sie strebten nun ein Wachstum durch Spezialisierungen durch internationalen Handel an, nach der Theorie Adam Smiths.

Dazu kam ein Fokus auf Akkumulation von weltweitem Wissen und Know-How, entsprechend des späteren Ansatzes von Joseph Schumpeter, der zu gesteigerter Produktivität und Innovationsbereitschaft führte. Diese moderne Art des Wachstums verweigerte sich der kriegslustigen Gedankenwelt des Merkantilismus. Sie verlangte dagegen eine internationale Ordnung, die einen friedlichen Austausch von Waren und Ideen länderübergreifend begünstigte.

Während der 1930er Jahre brach diese fragile Form der Globalisierung zum letzten Mal zusammen. Eine vorangegangene deflationäre Phase in den frühen 1920er Jahren hatte zunächst dazu geführt, dass eine extreme Verschärfung des Innovationswettbewerbs einsetzte. Die Konsequenz dieser unerbittlichen schöpferischen Zerstörung war einerseits ein dramatischer Innovationsschub, der eine neue Art von intensiver Techno-Globalisierung hervorbrachte – der heutigen nicht unähnlich.

Anderseits aber erschien die sich nun überschießende Globalisierung so robust, dass sich vielerorts ein neuer Wunschtraum festsetzte, nach dem niedrige Zinsen und kontinuierliches, stabiles Wachstum für Jahrzehnte gesichert seien. Diese grobe Fehleinschätzung der späten 1920er Jahre führte letztendlich zur katastrophalen Schuldendeflation der Großen Depression.