Es gibt Karrieren, die man sich nicht ausdenken kann. Marcel Remus ist am 23. August 2006, einem Mittwochmittag, aus Nordrhein-Westfalen nach Mallorca ausgewandert. Im Gepäck: Geld für vier Monate Miete, kein Netzwerk, keine Ausbildung im Immobilienbereich, keine Kontakte. Zuvor war er als 19-Jähriger bei der Pferdegala Appassionata durch Europa geritten. Heute, fast 20 Jahre später, erzielt er jährliche Transaktionsvolumina von über 100 Millionen Euro, hat zuletzt eine Finca für 24,5 Millionen Euro vermittelt und lehnt Angebote für sein Palma-Penthouse – damals für 650.000 Euro gekauft – mittlerweile bei 2,5 Millionen ab.
Das Gespräch mit ihm entstand am Pool im Country- und Tennisclub in Santa Ponza, am Rande eines Padelturniers, das Malte Dreher vom private banking magazin gemeinsam mit Aquis Capital, Natixis und dem Padel FC – gegründet vom Klopp-Sohn Marc – organisiert hatte. Etwa 40 Banker und Family Officer spielten dort zwei Tage lang gegeneinander. Ein Rahmen, der zum Thema passt: Mallorca ist längst kein reines Touristenziel mehr, sondern ein funktionierender Marktplatz für liquides Kapital.
„Erst belächelt, dann bekämpft, heute kopiert"
Wer verstehen will, wie Marcel Remus tickt, muss verstehen, wie er gestartet ist. Der Einstieg verlief klassisch unglamourös: Im Zara-Anzug und mit „dick gebundener Krawatte" lief er bei zwei großen Maklerbüros in Palma herein, bekam bei einem eine Stelle und verkaufte im ersten Jahr zehn Immobilien. 2009 machte er sich selbstständig – mit einer Prämisse, die bis heute seine Firmenphilosophie definiert: „Alles anders als alle anderen" – die fünf As, wie er es nennt.
Konkret bedeutete das: keine Werbung für einzelne Objekte, sondern konsequentes Personal Branding. Remus druckte sein Gesicht auf Plakate, lange bevor das in der Branche üblich war, baute professionelle Haustouren auf Youtube auf und wuchs auf Instagram auf heute 167.000 Follower – während er selbst nur fünf Accounts folgt, darunter seinen eigenen. „Ich überzeuge die Leute von mir als Person. Wenn sie anrufen, wissen sie, dass ich da bin. Und im besten Fall kaufen sie bei mir."
Die Reaktion der etablierten Konkurrenz folgte einem vorhersehbaren Muster. „Erst belächelt, dann bekämpft, heutzutage kopiert", sagt Remus ohne Bitterkeit. Über 1.500 Makler tummeln sich auf der Insel. Dass inzwischen fast jeder auf Social Media setzt, sieht er pragmatisch: „Ich bin halt der Größte in der Reichweite."
Neue Käufergruppen aus Amerika und Polen
Für Finanzprofis und Family Officer ist die eigentliche Frage eine andere: Welche Kapitalströme bewegen sich gerade nach Mallorca, und was bedeutet das für den Markt?
Die Kernkäufergruppe ist nach wie vor deutschsprachig – Österreich, Schweiz, Deutschland. Doch das Bild verändert sich. Seit zwei bis drei Jahren kommen Amerikaner hinzu, befeuert durch Direktflüge von New York nach Palma. Neu in diesem Jahr: eine Verbindung von Toronto. Und über Etihad gibt es jetzt auch eine direkte Verbindung von Abu Dhabi. „Es gibt ganz andere Zielgruppen, ganz andere Kundengruppen und noch mehr Geld, das hier auf die Insel kommt“, sagt Remus. Dazu kommen polnische Käufer, die in den vergangenen Jahren erheblich Vermögen aufgebaut haben und dieses zunehmend in Südeuropa anlegen.
Der durchschnittliche Verkaufspreis in seinem Portfolio lag im vergangenen Jahr bei knapp sieben Millionen Euro. Das Gesamtvolumen 2024: 118 Millionen Euro. Das Rekordjahr war 2023 mit 134 Millionen Euro.
Was Mallorca über die Weltwirtschaft verrät
Remus hat eine interessante These: Globale Unsicherheit wirkt nicht dämpfend auf den Mallorca-Markt – sie befeuert ihn. „Was man schon merkt, ist, dass die Unsicherheit in der gesamten Welt Mallorca nochmal beflügelt hat. Corona zum Beispiel – da gingen die Preise nochmal richtig durch die Decke. Und jetzt gerade, alles was in der Welt passiert, ist eigentlich immer nochmal ein Plus für Mallorca." Der Grund: Die Insel bietet europäische Sicherheit, erstklassige Infrastruktur, Nähe zu anderen Metropolen und ein Klima, das Lebensqualität mit Investmentsicherheit verbindet.
Als konkreten Undervalued-Tip nennt er zwei Regionen. Erstens: Wohnungen an der Playa de Palma, auch Ballermann-Bereich, in erster Meereslinie. Der emotionale Reflex vieler Käufer ist negativ, aber die Preisentwicklung spricht eine andere Sprache. Zweitens: Son Vida, das sogenannte Beverly Hills von Mallorca, wo Remus aufgrund konkreter Entwicklungsprojekte mit weiter stark steigenden Preisen rechnet.
Auf der anderen Seite: Port d'Andratx, lange das Aushängeschild für altes Geld auf der Insel, verliert an Schwung. „Andratx war das alte Geldschüler-Viertel, wo der Opa mit 65, 70 ein Haus oben auf dem Berg gekauft hat. Total toll. Aber der typische Enkel, der jetzt 25 bis 40 ist, will halt nicht da oben auf dem Berg sitzen." Die neue Präferenz: Son Vida, Bendinat, Costa de la Calma, Santa Ponsa – näher an Palma, näher am Flughafen, näher am Lebensgefühl einer jüngeren, mobileren Käuferklientel.
Do's and Don'ts für Mallorca-Investoren
Für Finanzprofis, die Mallorca als Assetklasse betrachten, hat Remus klare Empfehlungen. Auf der Positivliste: Häuser im Radius von 30 Minuten um das Zentrum Palma, mindestens drei Schlafzimmer als Mindeststandard für Wiederverkaufsfähigkeit, und im Zweifelsfall lieber renovieren als kaufen und hoffen. Absolutes Muss: ein lokaler Rechtsanwalt, der Deutsch spricht, vor Ort ist und das Objekt vollständig prüft – Kataster, Grundbuch, Lizenzen, Genehmigungen. „Kauf dir nichts, was einfach zu weit vom Schuss ist, was du nachher nie mehr wieder weiterverkaufst."
Sein eigenes Investmentverhalten ist dabei konsequent mono-assetklassisch: Er kauft ausschließlich Immobilien, hat mit Aktien nach eigener Aussage „keine Ahnung" und versteht das als Feature, nicht als Bug. Aktuell schaut er sich auch in Miami um. Die Kombination Mallorca–Miami nennt er „unschlagbar".
Der Preis des Erfolgs
Was Remus von einem klassischen Erfolgsstory-Erzähler unterscheidet, ist seine Bereitschaft, auch die Kehrseiten zu benennen. Das Privatleben sei „ein bisschen auf der Strecke geblieben“. Vor einigen Jahren wurde er mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. „Erfolg kann ganz schnell kommen und ganz schnell gehen.“ Heute beschäftigt er einen eigenen Koch, fliegt Business Class oder Privatjet, wohnt in Son Vida – aber der eigentliche Luxus, sagt er, sei etwas anderes: „Dass ich mir immer wieder mal Auszeiten gönne und nicht immer nur ackere.“
Was ihn täglich antreibt, ist nicht mehr das Geld. „Mein Antrieb ist es, die anderen Maklerkollegen zu ärgern – indem ich schneller verkaufe oder das Haus schneller an den Mann bringe.“ Ein Satz, der bemerkenswert ehrlich ist. Und der erklärt, warum jemand, der es sich leisten könnte aufzuhören, um 6 Uhr morgens aufsteht und Klinken putzt.