Altlasten PFAS-Chemikalien – Ewigkeitsrisiken für Portfolios

Roman Limacher von Arete Ethik Invest.

Roman Limacher von Arete Ethik Invest: „Bei der Portfoliokonstruktion sollten Investoren fünf Kriterien berücksichtigen." Bildquelle: Arete

Investoren stehen vor einer neuen Herausforderung: Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) entwickeln sich zu einem systemischen Risiko, das ganze Sektoren erfassen könnte. Die Parallelen zum Asbest-Skandal sind unübersehbar – mit potenziell noch größeren finanziellen Auswirkungen.

Milliardenmarkt mit Altlasten

PFAS sind allgegenwärtig: in Textilien, Lebensmittelverpackungen, Elektronik, Medizinprodukten und Feuerlöschschäumen.  Eine in 2024 erschienene Studie geht bei der Marktgrösse für PFAS in 2024 von 8,5 Milliarden US-Dollar aus und prognostiziert in den nächsten 10 Jahren ein Wachstum bis rund 15 Milliarden Dollar – aufgrund von Regulierungen und neuen Gesetzen spürt der Markt Gegenwind, was die Suche nach Alternativen beschleunigt. Chemiekonzerne wie Chemours (Abspaltung von DuPont), Daikin Industries, Arkema und Solvay gehören zu den Hauptproduzenten.

Die besondere Eigenschaft dieser Stoffe – extreme Langlebigkeit und Beständigkeit – macht sie technisch wertvoll, aber ökologisch problematisch. PFAS weisen Öle, Fette und Wasser ab, was sie für zahlreiche industrielle Anwendungen unverzichtbar erscheinen lässt. Doch genau diese „Unzerstörbarkeit" verleiht ihnen den Namen „Ewigkeitschemikalien" – sie bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab.

Haftungsrisiken im dreistelligen Milliardenbereich

Die Geschichte wiederholt sich: Chemiekonzerne 3M und DuPont verfügten bereits in den 1960er-Jahren über interne Studien, die gesundheitliche Risiken dokumentierten, hielten diese Erkenntnisse aber zurück. Erst 1998 erhielt die US-Umweltbehörde EPA belastende Daten, 2001 wurde bekannt, dass DuPont über Jahrzehnte PFOA in den Ohio River eingeleitet hatte – während das Unternehmen mit Teflon-Produkten geschätzte eine Milliarde US-Dollar Jahresgewinn erzielte.

Finanzielle Konsequenzen sind spürbar:

  • 3M vereinbarte 2023 Vergleichszahlungen von 10,3 Milliarden US-Dollar zur Sanierung von Trinkwassersystemen in den USA
  • DuPont, Chemours und Corteva einigten sich auf 1,19 Milliarden US-Dollar für ähnliche Ansprüche
  • Weitere Sammelklagen in Höhe von geschätzten 30 Milliarden US-Dollar sind anhängig. Der bekannteste Kläger ist der US-Anwalt Robert Bilott, der Einzel- und Sammelklagen gegen DuPont und später auch gegen 3M einreichte. Laut diversen Quellen erstritt er bis 2021 Zahlungen in Höhe von über 750 Millionen Dollar von DuPont.
    Weitere Klagen sind in den USA und Europa erfolgt. Beispielsweise die Stadtwerke Rastatt verklagten einen Komposthändler wegen Verunreinigung von Grundwasser mit PFAS. Der Streitwert liegt bei 6,5 Millionen Euro.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft reagierte bereits und empfahl Versicherungsinstituten 2025, PFAS-Schäden per Klausel aus Versicherungsverträgen auszuschliessen.

 

Gesundheitsrisiken als Bewertungsfaktor

Die wissenschaftliche Evidenz verdichtet sich: PFAS reichern sich im menschlichen Gewebe an und werden mit Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht – von Immunsystemstörungen über erhöhte Cholesterinwerte bis zu Leber- und Schilddrüsenschäden. Einzelne Substanzen gelten als wahrscheinlich krebserregend. Wissenschaftler schätzen, dass 99 Prozent aller Lebewesen PFAS-Spuren aufweisen.

In Europa wurden bereits tausende kontaminierte Standorte identifiziert, darunter auch in Deutschland und der Schweiz, wo Grundwasser und Ackerböden teilweise stark belastet sind.

Regulatorischer Druck verschärft sich

Die regulatorische Verschärfung beschleunigt sich:

  • Die EU plant ein umfassendes PFAS-Verbot mit Übergangsfristen zwischen 2025 und 2030
  • Die US-EPA hat 2024 erstmals verbindliche Grenzwerte für sechs PFAS-Verbindungen im Trinkwasser festgelegt
  • Entsorgungskosten steigen exponentiell

Sektorale Exposition: Wo Investoren hinschauen sollten

Hochrisiko-Sektoren:

  • Chemie: Chemours (DuPont-Abspaltung), Daikin, Arkema – direkte Produzenten mit massiver Altlastenexposition