Ein interessanter Spezialfall ist die Schilderung der Digitalisierungsansätze der Credit Suisse (CS) für die International Private Clients, also Kunden, die ein liquides Vermögen von 500.000 bis 5 Millionen Schweizer Franken bei der CS anlegen, aber nicht in der Schweiz ansässig sind. Dieses stellt die Bank logischerweise vor besondere rechtliche und regulatorische Herausforderungen. Trotzdem sind diese im Kern dieselben wie die von Privatbanken, die sich auf den Heimatmarkt fokussieren: Priorisierung von Serviceleistungen, Ausgestaltung des hybriden Beratungsmodells und Change Management.
Implementierung oder die Frage, wie die Transformation erfolgen sollte
Die nächste, sich aus den geschilderten Ansätzen ergebende Frage ist, wie die Implementierung erfolgen sollte. Ein pragmatisches und erfrischendes – sprich angenehm zu lesendes – Beispiel ist der Beitrag von Christoph Hartgens aus dem Maschinenraum von Julius Bär. Hier wird die Vielzahl der Herausforderungen deutlich wie zum Beispiel die Überzeugungsarbeit beim Top Management, die Steuerung eines komplexen Projektportfolios und wiederum das Change Management. Und die ernüchternde Erkenntnis, dass der Titel eines Chief Digital Officers zwar sexy ist, aber man sich sehr genau überlegen sollte, ob man diese Aufgabe wirklich wahrnehmen möchte.
Des Weiteren werden in „Digitalisierung im Private Banking“ weitere interessante Ansätze zu Implementierung geschildert, die auf Themen wie Organisationsentwicklung und Beraterkompetenzen fokussieren. Trotz der intellektuellen Anregung gewinnt man den Eindruck, dass aufgrund der wenigen erfolgreichen Modelle auch die Erfahrungen in der Implementierung noch begrenzt sind.
Ein (Zwischen-) Fazit
Nach der Lektüre von „Digitalisierung im Private Banking“, das einen sehr guten und informativen Überblick über den Stand der Entwicklung gibt, fällt das (Zwischen-) Fazit im Sinne der Bestandsaufnahme ernüchternd aus. Die Herausforderungen und auch das resultierende Disruptionspotenzial werden erkannt, jedoch sind kaum erfolgreiche Umsetzungsbeispiele zu finden, die als Leuchttürme dienen, um der Industrie als Ganzes Orientierung zu geben. Diese Erkenntnis wird auch durch Interviews mit verschiedenen Privatbanken unterstützt, deren Ergebnisse Daniel Pehle darstellt.
Digitalisierung wird primär als Effizienzmaßnahme verstanden, während nur circa 60 Prozent der Befragten mit dem Begriff die Entwicklung neuer Produkte und Services verbinden. Zudem verfügen nur knapp 30 Prozent der Häuser über eine Digitalisierungsstrategie, was in Teilen das geschilderte (Miss-) Verständnis erklärt. Das Zwischenfazit wird noch ernüchternder, wenn man bedenkt, welche Banken sich am Sammelband beteiligt haben. Dies sind Privatbanken aus Deutschland und der Schweiz sowie die Credit Suisse. Die deutschen Großbanken sind ebenso wenig vertreten wie die Verbünde der Sparkassen und Genossenschaftsbanken, was mit Einschränkungen den relativen Digitalisierungsstand widerspiegelt.
Ein Ausblick: Strategiearbeit forcieren
Eine der Empfehlung aus der Einleitung von „Digitalisierung im Privatbanking“ ist, die Strategiearbeit zu forcieren. Das bedeutet, Digitalisierung ist kein IT-Thema, sondern ein besonders drastischer Fall sich verändernder Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen und damit eindeutig eine Aufgabe des Top Managements. Da die Veränderungen voraussichtlich radikal sein werden, aber es wie geschildert noch keine Blaupausen gibt, sollte die Transformation auf einem radikalen Zielbild beruhen, aber die Umsetzung behutsam erfolgen.
Hierbei sollten zu Anfang fokussiert die grundlegenden Annahmen der neuen Geschäftsmodelle (Stichwort: Lean Startup) verprobt werden, um ein adäquates Verhältnis von Risiken, Kosten und Nutzen sicherzustellen. Vermutlich ist dies die größte Herausforderung für die Digitalisierung im Private Banking: Die Kombination einer notwendigerweise radikalen Strategie mit einer evolutionären Umsetzung.
Über den Autor:
Dr. Norbert Paddags ist Geschäftsführer der Dr. Paddags Strategieberatung, die Banken und Dienstleister in Financial Services zu allen Fragestellungen des Digital Wealth Managements berät.
