Passiv investieren Die Kontrolle im Portfolio behalten – mit Faktor-ETFs

Peter Scharl, Head of iShares Sales Germany, Austria, Eastern Europe

Peter Scharl, Head of iShares Sales Germany, Austria, Eastern Europe

„Diversification“, sagte Nobelpreisträger Harry M. Markowitz, „is the only free lunch“. Nur ein über verschiedene Wertpapiere oder Anlageklassen gestreutes Portfolio also bietet Investoren einen Zusatzertrag über die Marktentwicklung hinaus. Oder anders ausgedrückt: Mit Diversifikation kann ein Anleger bei geringeren Risiken den gleichen Ertrag erwirtschaften oder bei gleichem Risiko einen höheren Ertrag. Bislang fand diese Diversifikation im Aktienbereich vor allem nach Ländern und Branchen statt. Doch Untersuchungen legen nahe, dass das nicht der Schlüssel zum Erfolg ist.

Stattdessen entscheiden bestimmte Charakteristika von Wertpapieren darüber, ob Investoren langfristig besser abschneiden als der Markt. Wegweisend für diese Erkenntnisse waren, neben dem in den sechziger Jahren entwickelten Capital Asset Pricing Model, Untersuchungen der Ökonomen und Nobelpreisträger Kenneth French und Eugene Fama [Link zu: http://de.wikipedia.org/wiki/Fama-French-Dreifaktorenmodell]. Demnach sind es bestimmte Faktoren, die Risiko und Ertrag von Wertpapieren maßgeblich bestimmen und damit für die langfristig bessere Wertentwicklung gegenüber ihrem jeweiligen Markt verantwortlich sind.

Faktoren sorgen für Mehrertrag

Ein solcher Faktor ist Value, also die niedrige Bewertung einer Aktie. Das heißt, wer gezielt nach solchen Titeln sucht, erhöht seine Chance, langfristig besser abzuschneiden als der Markt. Der Grund: Die tiefe Bewertung ist eine Prämie, die ein Anleger dafür erhält, dass er mit seinem Investment ein größeres Risiko eingeht. Schließlich gibt es oftmals einen Grund dafür, warum eine Aktie billig ist. Dies erklärt auch, warum die Suche nach Value eigentlich zu einer Domäne der aktiven Fondsmanager zählt. Wer die guten von den schlechten Value-Titeln trennen kann, erzielt langfristig einen Mehrwert gegenüber dem Markt. Ähnlich verhält es sich mit anderen Faktoren wie einer niedrigen Volatilität, Momentum, gering kapitalisierten Unternehmen, den so genannten Small Caps, sowie Qualitätsaktien.

Inzwischen haben die Index-Anbieter aber Indizes entwickelt, die die Titel nach solchen Faktoren auswählen. Das heißt, aus einem Aktienindex, der nach Marktkapitalisierung gewichtet ist, filtern die Indexanbieter jene Titel heraus, die dem jeweiligen Faktor entsprechen. Dies können Titel sein, die geringe Kursschwankungen oder niedrige Kurs-Gewinn- oder Kurs-Cashflow-Verhältnisse haben. Diese Titel werden in dem neuen Index dann nicht nach Marktkapitalisierung gewichtet, sondern nach der Ausprägung, in der sie die jeweilige Charaktereigenschaft besitzen. Die schwankungsärmste oder am günstigsten bewertete Aktie bekommt also das größte Gewicht.

Faktor-Indizes mit besserer Wertentwicklung

Wie sich das auswirkt, zeigt eine beispielhafte Rückrechnung des MSCI World nach traditioneller und nach alternativer Berechnungsmethode. Seit dem Jahr 2000 hat der Mutterindex MSCI World knapp 200 Prozent zulegt. Die Value-Variante des MSCI World, der zwar nur die Value-Titel aus dem Index enthält, diese aber nach Marktkapitalisierung gewichtet, kommt ebenfalls auf rund 200 Prozent Zuwachs. Die nach dem Faktor Value gewichtete Variante aber, der MSCI World Enhanced Value, legte in dem Zeitraum fast 400 Prozent zu.



Das beweist: Mit Exchange Traded Funds (ETFs) auf solche Faktor-Indizes können Anleger ihre Portfolio-Allokation verbessern. Dabei gibt es verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Zum Beispiel entwickelt sich nicht jeder Faktor in jeder Phase des konjunkturellen Zyklus gleich. Momentum- oder Value-Strategien laufen in der Frühphase eines Aufschwungs in der Regel besonders gut. Investoren könnten mit ETFs, die diese Faktoren abbilden, in dieser Phase somit den Schwerpunkt auf diese Faktoren legen. In einem Abschwung dagegen können Aktien mit niedriger Volatilität die Verluste gegenüber dem breiten Markt reduzieren. Ein entsprechender ETF kann also dazu beitragen, das Portfolio vor zu kräftigen Kurseinbrüchen zu schützen.


Durch Faktor-ETFs Renditechancen verbessern

Portfolios können ferner bestimmte unerwünschte Faktor-Neigungen enthalten. So können in einem globalen Aktienportfolio Titel mit hohen Kursschwankungen ein zu starkes Gewicht haben. Durch die entsprechende Beimischung von Low-Volatility-Faktor-ETFs kann dies ausgeglichen und das Risiko reduziert werden. Umgekehrt kann in einem ausgeglichenen Portfolio die Tendenz in Richtung eines gewünschten Faktors, zum Beispiel die Erhöhung des Small-Cap-Faktors, erhöht werden, um die Renditechancen zu verbessern.

Schließlich kann es auch sinnvoll sein, ein Portfolio nach verschiedenen Faktoren zu diversifizieren. Auf diese Weise kann ein Anleger, indem er Faktoren wie niedrige Volatilität, Value und Qualität kombiniert, ein im Vergleich zum MSCI World defensiveres Portfolio aufbauen. Ebenso ist es möglich, durch die Kombination anderer Faktoren ein offensiv ausgerichtetes oder ein ausgeglichenes Portfolio zu schaffen. Gegenüber dem reinen Investment in den MSCI World ergeben sich damit neue Schwerpunkte und eine bessere Diversifikation. Seit 2009 brachte ein nach defensiven Faktoren zusammengestelltes Portfolio zum Bespiel eine etwas bessere Wertentwicklung als der MSCI World – und das  bei geringeren Risiken. Es lohnt sich also, stärker auf Faktoren zu achten und nicht nur eine breite Streuung über Länder und Branchen in den Vordergrund seiner Anlagestrategie zu stellen.