Das Phänomen ist auch in Studien zu Behavioral Finance, also den psychologischen Aspekten der Geldanlage, bereits öfter untersucht worden: Kracht der Aktienmarkt an einem einzigen Tag heftig ein, meldet sich bei vielen Anlegerinnen und Anlegern der Fluchtreflex: raus aus der Position, bevor der Verlust noch größer wird. Nach besonders starken Kurssprüngen nach oben passiert häufig das gleiche, nur mit anderem Hintergrund – Aktien werden verkauft, um Gewinne schnell zu realisieren.
Eine aktuelle Auswertung aus dem Multi-Family Office HQ Trust legt nahe, dass beide Reaktionen historisch betrachtet meist die schlechtere Wahl waren.
Wie HQ Trust „Extremtage“ definiert
Kapitalmarktstratege Pascal Kielkopf vom Multi Family Office HQ Trust hat sich die Handelstage des Weltaktienindex MSCI ACWI vorgenommen, an denen es besonders turbulent zuging. Als „Extremtag“ gilt dabei ein Tag, an dem die Tagesrendite des Index um mehr als zwei Standardabweichungen vom langfristigen Durchschnitt abweicht – konkret entspricht das einer Kursbewegung von rund plus oder minus 2 Prozent. Kielkopfs Datenbasis reicht bis Ende 1971 zurück und umfasst damit etwa 14.200 Handelstage.
Über den gesamten Zeitraum gab es 611 solcher Extremtage. Sie treten allerdings alles andere als gleichmäßig auf, sondern ballen sich in bestimmten Krisenphasen – Kielkopf nennt das „Volatilitätscluster“. Spitzenreiter ist das Finanzkrisenjahr 2008 mit 61 Extremtagen. Auch dass die Dotcom-Blase zu Beginn der 2000er-Jahre platzte und 2020 der Corona-Cash für Kursstürze sorgte, hinterlässt das im Chart deutliche Ausschläge.
Dazwischen liegen mitunter jahrelange ruhige Phasen mit kaum nennenswerten Ausreißern, etwa Mitte der 1990er-Jahre oder in den Jahren nach 2011 – wie die linke Grafik im Chart von HQ Trust zeigt.
Blick nach vorn: Extremtage eher Kauf- als Warnsignal
Spannender als die reine Häufigkeit ist für Anlegerinnen und Anleger die Frage, wie es an den Märkten nach solchen Ausnahmetagen weiterging. Kielkopfs Auswertung zeigt: Über alle Extremtage hinweg – positive wie negative – fiel die Wertentwicklung des MSCI ACWI in den folgenden drei, sechs und zwölf Monaten im Schnitt besser aus als nach einem gewöhnlichen Handelstag.
Besonders deutlich wird das nach negativen Extremtagen: Drei Monate danach lag die durchschnittliche Rendite bei 3,1 Prozent, nach einem normalen Handelstag waren es lediglich 2,3 Prozent. Nach sechs Monaten wuchs der Abstand auf 6,3 zu 4,7 Prozent, nach zwölf Monaten auf 13,1 zu 9,7 Prozent – die mit Abstand größte Differenz.
Nach positiven Extremtagen fällt das Bild differenzierter aus: Kurzfristig blieb die Rendite hier sogar hinter dem Durchschnitt zurück – nach drei Monaten standen 1,7 Prozent zu Buche, nach sechs Monaten 4,5 Prozent, jeweils weniger als nach einem gewöhnlichen Handelstag. Erst auf Sicht von zwölf Monaten drehte sich das Bild: Mit 11,4 Prozent lag die Rendite dann wieder über dem langjährigen Durchschnitt von 9,7 Prozent.
Was Anleger daraus mitnehmen können
Aus den Daten leitet Kielkopf eine Schlussfolgerung ab: Je dramatischer sich ein einzelner Börsentag anfühlt, desto größer ist offenbar der Drang, sofort zu reagieren. Historisch betrachtet war genau das aber selten die richtige Entscheidung für Anleger. Im Gegenteil: „Wer nach einem schwachen Tag verkauft, verpasst häufig genau die Erholungsphase, die im Anschluss folgt“, so Kielkopf. Umgekehrt gilt: Auf gute Tage folgen oft weitere gute Tage, sodass vorschnelle Gewinnmitnahmen ebenfalls Rendite kosten.
Gleichzeitig warnt Kielkopf davor, in die andere Richtung zu übertreiben und mit einem Investment gezielt auf den nächsten Extremtag zu warten. Da solche Tage selten sind, könnte Anlegern an der Seitenlinie mehr Rendite verloren gehen, als ein vermeintlich günstigerer Einstiegszeitpunkt später einbringen würde.
Kielkopfs Fazit: „Wer langfristig investiert, sollte sich von kurzfristigen Turbulenzen nicht zu sehr beeinflussen lassen.“ Entscheidender als auf einen einzelnen Handelstag zu reagieren, sei eine Strategie, die sich auch in volatilen Marktphasen konsequent durchhalten lässt.
