Öl vs. erneuerbare Energien ESG-Strategien liegen ungebrochen im Trend

Bau einer Windkraftanlage: Der aktuelle Ölpreisverfall hat kaum Auswirkungen auf die Nachfrage nach erneuerbaren Energien. | © imago images / photothek

Bau einer Windkraftanlage: Der aktuelle Ölpreisverfall hat kaum Auswirkungen auf die Nachfrage nach erneuerbaren Energien. Foto: imago images / photothek

Die Ölpreise sind seit Ende Februar 2020 drastisch eingebrochen und haben Tiefstände erreicht wie seit den 1990er Jahren nicht mehr. Auslöser dieses Preiseinbruchs waren unter anderem Uneinigkeiten zwischen Saudi-Arabien und Russland hinsichtlich Produktionskürzungen. Die derzeitige Situation wirft etliche Fragen auf: Welche Auswirkungen haben die schwachen Ölpreise auf die Performance von ESG-Anlagen? Gibt es für Anleger weiterhin Anreize, die Energiewende zu unterstützen?

ESG-Strategien machen um Schieferöl und -gas einen Bogen

Etliche ESG-Fonds haben seit dem Beginn der Corona-Krise, die in Europa und den USA ab Anfang März einsetzte, ihre Konkurrenz aus dem Nicht-ESG-Bereich übertroffen – in einer Zeit, in der die Ölpreise abgestürzt sind.

Daher die Frage: Lässt sich mit schwachen Ölpreisen die Outperformance von ESG erklären, wenn man bedenkt, dass viele ESG-Strategien im Energiesektor untergewichtet sind? Diese markante Untergewichtung in einem Sektor mit unterdurchschnittlicher Performance hat ganz klar eine Rolle gespielt. Dennoch lässt sich damit nicht vollumfänglich die Outperformance von ESG erklären.

Öl- und Gasgesellschaften machen nur 5 Prozent des MSCI World-Index aus, obwohl Öl- und Gasgesellschaften in einigen Anlageklassen (wie beispielsweise Hochzinsanleihen) bedeutende Marktanteile besetzen. Mit dem Fortschreiten der Pandemie wurden vor allem Schieferöl- und -gasproduzenten in Mitleidenschaft gezogen. Weil ESG-Anlagen einen Bogen um die Förderung ölhaltiger Sande und Fracking machen, konnten ESG-Strategien mit Kapitalanlagen in traditionellen Energieunternehmen stärkeren ölpreisbedingten Rückgängen entgehen.

Dies war beispielsweise bei der von CANDRIAM verwalteten globalen Hochzinsanleihen-Strategie der Fall. Die meisten Strategien des Vermögensverwalters sehen keinen Ausschluss von Ölgesellschaften vor. Auf der Grundlage von ESG-Analysen wird Unternehmen mit den fortschrittlichsten Umweltpraktiken der Vorzug gewährt. Folglich wurden die Aktien dieser Öl- und Gasunternehmen von den Anlegern weniger stark abgestraft.

Niedrige Ölpreise: Ist die Energiewende bedroht?

Besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die stark gefallenen Ölpreise die Energiewende aus der Bahn werfen? Immerhin bringen die niedrigen Ölpreise es mit sich, dass die Energiegewinnung aus Öl finanziell derzeit deutlich attraktiver wird. Doch auffällig ist: Aktien im Bereich der erneuerbaren Energien korrelieren nicht stark mit den Ölpreisen.

Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der Anteil von Öl an der weltweiten Stromerzeugung relativ gering ist. Im Bereich der Stromerzeugung steht Öl in starkem Wettbewerb zu erneuerbaren Energieträgern. Das mag wie ein Widerspruch erscheinen – doch während Öl mit etwa 34 Prozent den größten Anteil des weltweiten Primärenergieverbrauchs ausmacht, beträgt sein Anteil bei der Stromerzeugung lediglich knapp 5 Prozent. Der Anteil von Kohle und Erdgas an den Energieträgern zur Stromerzeugung beträgt hingegen zusammen mehr als 60 Prozent.

Die Attraktivität erneuerbarer Energien hängt daher stärker mit den Erdgaspreisen zusammen als mit den Ölpreisen. Die Erdgaspreise wiederum korrelieren nicht mit den Ölpreisen. Das liegt an der unterschiedlichen Marktdynamik und daran, dass Verträge über die Versorgung mit Gas meist auf mehrere Jahre hinaus ausgehandelt werden. Anders als beim Ölmarkt spielen Kassakurse für Gas daher eine deutlich geringere Rolle. Deshalb ist überhaupt nicht klar, ob die in jüngster Zeit schwachen Ölpreise tatsächlich größere Auswirkungen auf die Nachfrage nach erneuerbaren Energien haben werden: Vieles wird davon abhängen, wie lange die Phase niedriger Ölpreise anhält.