Auf der anderen Seite sehen Superreiche zu, dass sie die Euro-Zone verlassen. Das eine oder andere Family-Office ist damit beschäftigt, den Exodus zu planen und Pässe für andere, vermeintlich attraktivere Länder zu organisieren.
Sigl-Glöckner: Warum tun die das?
Vielleicht aus Sorge, dass hier die Dinge sozusagen vor die Wand gefahren werden und dass die Steuerlast perspektivisch noch größer wird?
Sigl-Glöckner: Für mich nicht nachvollziehbar. Wir haben in Deutschland ein Problem mit Vermögensungleichheit. Die weniger Glücklichen 50 Prozent in der Geburtenlotterie besitzen nur ein Prozent des deutschen Vermögens. An der Spitze akkumuliert es sich sehr, sehr stark.
Die Konsequenz?
Sigl-Glöckner: Ich bin dafür, dass wir Vermögen stärker besteuern, um eine funktionierende Marktwirtschaft zu erhalten.
Wie das?
Sigl-Glöckner: Eine Marktwirtschaft funktioniert, wenn es Wettbewerb gibt und wenn das Geld in der Wirtschaft zirkuliert. Jeder Verkäufer braucht schließlich einen Käufer. Wenn sich bei wenigen viel Vermögen anhäuft, landet das Geld großteils in Finanzanlagen und wird nicht ausgegeben. Es fehlt Nachfrage. Und eine große Vermögenskonzentration macht den Wettbewerb kaputt, weil die Startchancen einfach so ungleich sind. Daher sollten Vermögen besteuert werden.
Ich weiß aber ich nicht, ob man deswegen Angst haben sollte. Man könnte auch stolz sein auf den eigenen Beitrag zur Gesellschaft. Um den deutlicher zu machen, könnte die Politik auch die Steuererträge explizit mit Investitionen in Erziehung und Bildung verbinden. Das müsste eigentlich auch im Interesse der sehr Wohlhabenden sein. Am Ende haben sie nichts davon, wenn sie in amerikanische Finanzmärkte investieren, um noch reicher zu werden, aber ihre Unternehmen hier leider keine ausreichend qualifizierte Fachkräfte mehr finden.
Wären Sie gern reich?
Sigl-Glöckner: Ich hatte sicher sehr viel Glück in der Geburtenlotterie und gehöre bei der Vermögensverteilung irgendwo oben hin. Ich durfte auf ein englisches Internat gehen, habe in England studiert, habe nie während meines Studiums gearbeitet, hatte alle Freiheiten. Und wenn ich dann sehe, was andere machen müssen, um an diesen Punkt zu kommen, ist das nicht fair. Gerade weil ich so viel Glück hatte, sehe ich es auch als meine Aufgabe mit dem Dezernat Zukunft an einer sozialen gestaltenden Finanzpolitik zu arbeiten, die sich an unseren Werten und Idealen orientiert und sich nicht angeblichen Marktzwängen unterordnet.
Wofür steht das Dezernat Zukunft?
Sigl-Glöckner: Wir treten ein für eine Wirtschaftsordnung, die auch zukünftige Generationen im Blick hat. Wir haben uns explizit die Werte Würde, Wohlstand und einen menschlichen Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben.
Einerseits sind Sie Unternehmerin, andererseits aber auch SPD- Mitglied. Verträgt sich das?
Sigl-Glöckner: Momentan habe ich kein politisches Amt, das über die Mitgliederbeauftragte im Orts- verein hinausgeht oder beratende Aufgaben. Deswegen bin ich auch nicht an Parteipositionen gebunden.
2020 bewarben Sie sich in München- Nord für die SPD-Bundestagskandidatur. Ergäbe ein Abgeordneten-Mandat nicht ein Zielkonflikt?
Sigl-Glöckner: Man kann man nicht Leiterin einer überparteilichen Denkfabrik sein und gleichzeitig eine Partei im Bundestag vertreten. Das muss man sauber trennen. Sollte das mal der Fall sein, dann ist es klar, dass ich hier nicht weiter die Geschäftsführung haben werde.
In unserer Parteienlandschaft braucht es vielfach Erneuerung. Sie sind jung, weiblich, international erfahren und fachlich kompetent. Sozusagen die perfekte Mixtur für eine Karriere in der Politik.
Sigl-Glöckner: Aktuell bin ich mit meiner Aufgabe sehr glücklich. Politik ist ein anspruchsvolles Feld. Deswegen möchte ich noch einiges gelernt haben, bevor ich es angehe.
Falls Sie mal ein Regierungsamt übernehmen dürften, an welches Ressort würden Sie da denken?
Sigl-Glöckner: Finanzen.
©Dieses Interview erschien zuerst in Materialist Ausgabe Nr. 27
Über die Interviewte:
Philippa Sigl-Glöckner ist Geschäftsführerin und Mitgründerin der Denkwerkstatt „Dezernat Zukunft“. Ziel des Dezernats ist darüber nachzudenken, wie eine an den Werten ‚Würde‘, ‚Wohlstand‘, und ‚Demokratie‘ ausgerichtete Finanz- und Wirtschaftspolitik aussehen sollte. Die Denkwerkstatt will diese Debatte aus den universitären Zirkeln hinaus- und in die Gesellschaft hineintragen. Zwischen 2018 bis 2020 arbeitete Sigl-Glöckner im Bundesministerium der Finanzen, zuerst als Ökonomin in der Grundsatzabteilung, dann als Persönliche Referentin und Büroleiterin eines Staatssekretärs.