Gold hat in den Währungsreserven der Zentralbanken eine historische Schwelle überschritten. Wie die EZB am 2. Juni mitteilte, machte das Edelmetall Ende vergangenen Jahres 27 Prozent aller Währungsreserven aus – gegenüber 20 Prozent ein Jahr zuvor. Der Anteil von US-Staatsanleihen sank im selben Zeitraum von 25 auf 20 Prozent. Gold hat damit US-Staatsanleihen als Reserveposten erstmals abgelöst.
Für Carsten Menke, Head Next Generation Research bei Julius Bär, ist die Meldung bedeutsam – aber die Interpretation der Zahlen entscheidend. Der Rückgang des Dollar-Anteils gehe nicht auf Verkäufe durch Zentralbanken zurück. Der Nominalwert der Bestände sei in den vergangenen Jahren mehr oder weniger stabil geblieben. Getrieben werde die Verschiebung vielmehr durch den Goldpreisanstieg selbst sowie durch anhaltende Käufe aus Schwellenländern – zwei Faktoren, die nach Berechnungen von Julius Bär rund 80 Prozent des Gesamtanstiegs erklärten. Eine breit angelegte Entdollarisierung sei das nicht: Betrachte man den US-Dollar im weiteren Sinne, halte er mit mehr als 40 Prozent nach wie vor den größten Anteil an den Währungsreserven.
Bemerkenswert sei zudem, dass die EZB-Daten nur gemeldete Goldreserven erfassten. Seit 2022 habe der Anteil nicht gemeldeter Goldkäufe durch Zentralbanken und staatliche Institutionen deutlich zugenommen – und übersteige die gemeldeten Käufe inzwischen um das Dreifache. Unter Einbeziehung dieser Käufe hätte Gold US-Staatsanleihen bereits früher im vergangenen Jahr überholt.
Die Käufe aus den Schwellenländern dürften nach Einschätzung Menkes noch drei bis fünf Jahre anhalten – deren Goldanteil an den Reserven sei nach wie vor unterdurchschnittlich. Die westliche Investitionsnachfrage werde wieder anziehen, sobald Klarheit über die US-Geldpolitik zurückkehre. Insgesamt bleibe Julius Bär konstruktiv für Gold – trotz der hohen Volatilität, die der andauernde Iran-Krieg mit sich bringe.
Kai Franke, Oddo BHF: Wer treibt den Goldpreis wirklich?
Dass die EZB-Zahlen kein Selbstläufer sind, zeigt auch der Blick auf die Nachfrageseite. Kai Franke, Senior Investment Strategist Private Wealth Management bei Oddo BHF, hält beispielsweise das 8.000-Dollar-Szenario der Deutschen Bank – das PBM gemeinsam mit neun Experten von Commerzbank, Berenberg, Metzler und anderen bereits ausführlich beleuchtet hat – grundsätzlich für möglich, wenn auch ambitioniert.
Bei der Frage der Preistreiber setzt er andere Akzente als die Deutsche Bank: Die Zentralbanknachfrage wirke vor allem stabilisierend, ihr Anteil liege bei rund 20 Prozent. Die Investmentnachfrage über Barren, Münzen und ETFs sei mit über 40 Prozent deutlich größer und letztlich der entscheidende Treiber für die Preisdynamik.
Die De-Dollarisierung sieht Franke als strukturellen, wenn auch graduellen Trend – Gold gewinne als Reservewert im Zuge einer stärkeren Währungsdiversifizierung an Bedeutung und dürfte die Zentralbanknachfrage auch mittelfristig unterstützen. Ein kurzfristig dominanter Treiber sei dieser Prozess jedoch nicht.
Den Kursverlust im Zuge des US-Iran-Konflikts – Gold hatte rund zwei Drittel seiner Jahresgewinne abgegeben – deutet Franke als Beleg dafür, dass kurzfristig Zins- und Kapitalmarktfaktoren dominieren, nicht geopolitische Fundamentaldaten. Trotz der Unsicherheit seien die globalen ETF-Goldbestände laut Bloomberg seit Beginn des Konflikts leicht gesunken. Höherer Inflationsdruck spreche für eine restriktivere Geldpolitik – und die belaste Gold.
„Eine Zeitpunktprognose über fünf Jahre halten wir für rein spekulativ, da die Entwicklung wesentlicher Parameter wie Inflationsentwicklung, Zinsniveau und Investmentnachfrage über so einen langen Zeitraum nicht seriös abschätzbar ist", sagt Franke. Ein jährliches Wachstum im unteren zweistelligen Prozentbereich, was in etwa der Annahme der Deutschen Bank von rund 12 Prozent pro Jahr entspräche, schließe er gleichwohl nicht aus.
Das größte Risiko sieht Franke in einem deutlichen Zinsanstieg. Da die Investmentnachfrage aus seiner Sicht der wichtigste Preistreiber sei, wäre genau dieser bei steigenden Zinsen am stärksten gefährdet. Höhere Opportunitätskosten der Goldhaltung und attraktivere zinstragende Anlagen würden sie spürbar dämpfen. Der jüngste Anstieg der Staatsanleiherenditen habe das bereits gezeigt.
Bei der Allokation hält Franke sich bewusst zurück: Eine pauschale Empfehlung sei nicht sinnvoll, da sie stark von Anlagezielen und Risikobudgets abhänge. Stiftungen und Versorgungswerke seien auf regelmäßige Erträge angewiesen – „‚ertragsloses' Gold kommt für diese Investorengruppen eher weniger in Betracht als etwa für UHNWIs", so Franke. Nach der deutlichen Rallye der vergangenen zwölf Monate dürfte der Fokus vieler Investoren ohnehin stärker auf der strategischen Rolle von Gold liegen als auf kurzfristigen taktischen Anpassungen –die EZB-Zahlen liefern dafür den passenden Rahmen: Gold war seit jeher die Reserve. Die Daten bestätigen das.