private banking magazin: Herr Maréchal, Sie sind seit 20 Jahren bei Pictet. Erzählen Sie uns von Ihrem Weg ins Private Equity.
David Maréchal: Ich bin 2005 zu Pictet gekommen, in das Private-Equity-Team und seither ausschließlich in diesem Bereich tätig. Zuvor war ich bei Arthur Andersen und PWC. Bei Pictet decken wir im Alternatives-Bereich vier Anlageklassen ab: Private Equity, Immobilien, Hedgefonds und Private Debt – jeweils mit zwei Ansätzen. Es gibt die Multi-Manager-Teams wie meines, die Fonds auswählen und Co-Investments tätigen. Und es gibt die Direkt-Teams, die selbst Deals sourcen und als GP auftreten. Wir sind mit unserem Multi-Manager-Team in Genf, die Direktseite sitzt in London.
Was unterscheidet die beiden Ansätze?
Maréchal: Auf der Direktseite macht man im Grunde nur eines: Deals finden und umsetzen. Man muss ein „Deal Doer“ sein. Auf der Multi-Manager-Seite ist es breiter. Wir wählen Manager wie Carlyle oder CVC aus und investieren in ihre Fonds. Gleichzeitig bestehen wir darauf, privilegierten Zugang zu Co-Investments zu erhalten. In diesen Fällen investieren wir direkt in Unternehmen – aber immer an der Seite der GPs, die die Deals sourcen und prüfen.
Welche Zyklen haben Sie in 20 Jahren erlebt?
Maréchal: Mein Einstieg 2005 fiel in Boomjahre. Doch 2008 kam die Finanzkrise und es begann eine harte Zeit. Die Presse titelte „Cash is King“, und Private Equity wurde totgesagt. Aber nichts davon trat ein. Im Gegenteil: Private Equity hat Resilienz bewiesen und gezeigt, dass gute Manager mehr als nur Kapital einbringen. Ab 2011 begann ein regelrechter Boom, der bis 2022 anhielt. Jetzt ist die Lage wieder schwieriger und das größte Problem ist der Mangel an Ausschüttungen.
Das heißt, die Exit-Märkte sind schwach?
Maréchal: Genau, das hängt zusammen. Anleger beschweren sich nicht primär über die Performance – die war in den letzten Jahren zwar schwächer als am Aktienmarkt, aber langfristig solide. Das Problem ist die fehlende Liquidität. Die Ausschüttungen bleiben aus, dadurch fehlen Mittel für neue Zusagen. Das belastet die gesamte Fundraising-Landschaft.
Wie wirkt sich das auf Volumen und Zielgrößen aus?
Maréchal: Es ist extrem schwierig geworden. Die Top-10-Prozent-Fonds können nach wie vor ihre Zielvolumina erreichen, oft auch die Hard Caps. Aber 90 Prozent kämpfen. Mittelmäßige Fonds brauchen heute zwei Jahre, um das einzusammeln, wo es früher sechs Monate waren. Fonds unterhalb des Medians werden ihre Ziele nicht erreichen und manche verschwinden ganz. Wir erleben gerade eine Marktbereinigung, die noch einige Jahre dauern wird.
Ist diese Entwicklung gesund?
Maréchal: Ja. In den Boomjahren sind Manager zum Zuge gekommen, die eigentlich nie Kapital hätten einsammeln dürfen. Jetzt gibt es einen „Flight to Quality“. Nur die guten bleiben bestehen und das ist letztlich gesund.
Welche Lehren ziehen Sie aus der heutigen Situation?
Maréchal: Die wichtigste Lehre ist: Gute Manager bringen mehr mit als als Kapital, sie werden Pate und Sparringspartner des Unternehmens. Sie verschaffen dem Unternehmen Zugang zu Talenten und Netzwerken, die dabei helfen, den nächsten Schritt zu gehen – etwa von einem nationalen zu einem europäischen Champion. Sie besetzen Schlüsselpositionen im Management, helfen bei Internationalisierung oder operativen Verbesserungen. Diese Fähigkeit zur Wertschöpfung unterscheidet exzellente von durchschnittlichen Fonds.
Hat sich dadurch auch Ihre Managerauswahl verändert?
Maréchal: Der Fokus auf Wertschöpfung war immer Teil unserer Philosophie. Aber die Branche hat sich enorm professionalisiert und spezialisiert. Vor 15 Jahren waren sektor-fokussierte Fonds eher suspekt. Heute suchen wir gezielt Manager mit einem klaren Profil – sei es Buy-and-Build, Turnaround oder Sektor-Expertise. Bei Co-Investments mit Software-Fonds bevorzugen wir Spezialisten, die solche Deals schon dutzendfach gemacht haben.
Können Sie ein Beispiel geben?
Maréchal: Ein gutes Beispiel ist Birkenstock. Eigentlich konsumernah, ein Sektor, in dem wir sehr vorsichtig sind. Aber wir investierten 2021 zusammen mit L Catterton, einem Fonds, der sich ausschließlich auf Consumer und Luxury spezialisiert hat und mit LVMH verbunden ist. Dadurch konnte Birkenstock beim internationalen Ausbau direkt auf LVMH-Ressourcen zurückgreifen. Das Investment war ein voller Erfolg, inklusive IPO.
Wie steuern Sie Risiken, gerade bei der wachsenden Konzentration auf große Fonds und Mega-Deals?
Maréchal: Diversifikation ist für uns das A und O. Zum einen, weil Anleger über Private Equity Zugang zu Unternehmen erhalten, die gar nicht an der Börse sind – in den USA sind 87 Prozent der Firmen mit über 100 Millionen Umsatz privat. Zum anderen diversifizieren wir nach Strategie – Buyout dominiert, aber auch Growth, Venture, Special Situations – und nach Geografie. 50 Prozent USA, 45 Prozent Europa und etwas Asien. Und wir schauen uns Fondsgrößen an. Wir investieren sowohl in Milliardenfonds wie CVC als auch in kleinere Fonds ab etwa 200 Millionen.
Spiegelt sich die Gewichtsverhältnis Private vs. Public auch in den Portfolios der Pictet-Kunden wider?
Maréchal: Im Schnitt liegen unsere Kunden bei 10 bis 20 Prozent Private Equity, was sie deutlich von vielen anderen Märkten unterscheidet. In Deutschland sind es oft nur zwei bis fünf Prozent. 87 Prozent illiquide Assets sind unrealistisch – aber 15 Prozent Private Equity kann sich praktisch jeder unserer Kunden leisten. Manche sehen es auch bewusst als Vermächtnis für die nächste Generation.
Welche Rolle spielt KI inzwischen im Private-Equity-Geschäft?
Maréchal: KI ist allgegenwärtig. Sie verändert die Art, wie Deals gescreent werden, und ist Teil jeder Due Diligence. Die entscheidende Frage lautet: Ist KI für ein Unternehmen ein Enabler oder ein Disruptor? Gerade Software-Firmen profitieren oft enorm, weil KI Routineaufgaben wie Code-Schreiben übernimmt. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen eigene Datenbestände besitzt. Wer Daten kontrolliert, kann mit KI enorme Werte schaffen. Wer keine hat, läuft Gefahr, überflüssig zu werden.
Zur Person:
David Marechal ist stellvertretender Leiter Private Equity & Co-Leiter Europa bei Pictet.