Das nukleare Investment-Trilemma Was Investoren bei Kernenergie beachten müssen

Gösta Jamin, Matthias Schnegelsberg

Gösta Jamin (links) und Matthias Schnegelsberg Bildquelle: Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen am Rhein

Kernenergie steht wieder im Fokus der globalen Energiepolitik. Rechenzentren und Künstliche Intelligenz verwandeln Strom in eine knappe Ressource der Digitalwirtschaft und Technologiekonzerne schließen langfristige Abnahmeverträge direkt mit Kernkraftbetreibern. Energiepolitiker – zumindest außerhalb von Deutschland – erkennen den Nutzen einer CO2-freien grundlastfähigen Energiequelle im Zusammenspiel mit wetterabhängigen Energiequellen wie Wind und Sonne.

Der Boom der Kernenergie

Regierungen verlängern Laufzeiten, die auf der Weltklimakonferenz formulierte Absicht, die globale Nuklearkapazität bis 2050 zu verdreifachen, findet wachsende Unterstützung, und in Europa entstehen erstmals seit Jahrzehnten wieder ernstzunehmende Neubauprogramme – von Polen über Tschechien und die Niederlande bis Schweden. Die EU fördert Kernenergie durch ihre Klassifizierung als „grün“ in der EU-Taxonomie.

Der Kapitalmarkt hat das längst bemerkt: Uran- und Nuklearaktien haben den breiten Weltaktienmarkt über die vergangenen fünf Jahre um ein Vielfaches geschlagen (Abbildung 1). Wenn Aktienkurse die Schwarmintelligenz der Investoren widerspiegeln scheint die Erwartung eines künftig deutlichen Wachstums der Branche zu bestehen.

Zum Gesamtbild gehört allerdings auch, dass sich Nuklearaktien vor dem betrachteten Zeitraum eher schwach entwickelt hatten – ein Spiegelbild der jahrzehntelangen Stagnation der Branche in der Phase niedriger Preise für fossile Energie und vor dem Fokus auf Klimaschutz und Dekarbonisierung.

 

Selbstverständlich können wir keine Aussagen über die künftige Wertentwicklung von Nuklearaktien machen. Der Fokus der folgenden Betrachtung soll Anlegern und Beratern, die gezielt in Kernenergie investieren wollen – sei es, weil sie von weiteren Kurssteigerungen ausgehen, sei es als Teil einer nachhaltigkeitsbasierten Anlagestrategie die Kernenergie als Schlüsseltechnologie für den Energiefortschritt fördern will – ein paar Überlegungen geben, mit welchen Kapitalmarktinstrumenten man am zielgerichtetsten in die nukleare Wertschöpfung investieren kann.

Keine reinen Portfolios

Branchen-ETFs sind ein einfaches und kostengünstiges Instrument, um in die Zukunftsaussichten einer bestimmten Branche zu investieren. Im Falle der Kernenergie ist das erstaunlich unpräzise: Denn was unter dem Nuklear-Etikett gehandelt wird, ist häufig etwas anderes als Kernenergie.

Ein Blick in die Portfolios führender Nuclear-ETFs zeigt ein wiederkehrendes Muster: Neben Uranproduzenten dominieren breit diversifizierte Versorger, deren Nuklearanteil am Umsatz oft im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich liegt, dazu Industriekonglomerate, die Komponenten für viele Branchen fertigen – und deren Kursentwicklung entsprechend von vielem getrieben wird, nur nicht primär von der Kernkraft.

Verrechnet man den nuklearen Umsatzanteil der Einzelpositionen mit ihren Indexgewichten, bleibt von der vermeintlichen Themenwette deutlich weniger übrig, als das Etikett verspricht. Im schlimmsten Fall investiert man bei einem Versorger zum Beispiel in Kohle- und Gaskraftwerke, was Nachhaltigkeitsinvestor möglicherweise gerade nicht möchte.

Wir haben eine Verwässerungsanalyse für den Vaneck Uranium and Nuclear Technologies Ucits ETF (NUKL) durchgeführt, der seit seiner Auflegung im Jahr 2023 eine annualisierte Performance von 41 Prozent erwirtschaftet hat. Demnach beträgt das effektive Nuklear-Umsatzexposure der enthaltenen Unternehmen lediglich 39,2 Prozent, während der Rest auf andere Aktivitäten entfällt.

Dieser Befund zeigt, dass die Anlageperformance des nuklearen Ökosystems sogar noch stärker ist als in den Kursen zum Ausdruck kommt, da die entsprechenden Unternehmen noch eine Vielzahl anderer Aktivitäten verfolgen.

Das Nuclear Investment Trilemma

Drei Eigenschaften wünschen sich Anleger von einem Nuklear-Investment: Reinheit des Exposures – die Wertentwicklung soll tatsächlich an der Kernenergie hängen. Diversifikation – das Risiko soll nicht an einem einzelnen Unternehmen kleben. Und Zugänglichkeit – das Investment soll liquide und ohne Sonderstatus erwerbbar sein.

Die unbequeme Beobachtung: In der Praxis lassen sich typischerweise nur zwei dieser drei Eigenschaften gleichzeitig maximieren, je nachdem mit welchem Anlagevehikel man in die Kernenergie investieren möchte.

Ein Nuclear-ETF ist diversifiziert und jederzeit handelbar – um den Preis verwässerten Nuklear-Exposures. Ein Einzeltitel kann hohe Reinheit mit Börsenzugang verbinden – um den Preis der Konzentration und mangelnden Diversifikation. Und die strukturell attraktivste Kombination, Reinheit plus Diversifikation, findet sich vor allem dort, wo der gewöhnliche Anleger nicht hinkommt: in privaten Infrastrukturvehikeln, Club Deals und öffentlich-privaten Partnerschaften.

Das Muster ist nicht neu. Wer in den vergangenen fünfzehn Jahren in Windenergie investieren wollte, machte dieselbe Erfahrung: Die attraktivsten Windparks lagen in Spezialfonds und den Händen institutioneller Investoren – was an der Börse handelbar blieb, war selten das beste Stück der Wertschöpfung.

 

Bei der Kernkraft verschärft sich dieses Muster. Wesentliche Teile der erwarteten Wertschöpfung – Neubauprojekte, SMR-Entwicklung, Infrastruktur – sind am öffentlichen Kapitalmarkt kaum abgebildet. Vieles liegt in staatlicher Hand oder in privaten Strukturen.

Fallstudie Studsvik: das Trilemma in einem einzigen Titel

Dass hohe Reinheit am Kapitalmarkt existiert, zeigt der schwedische Nukleartechnik-Spezialist Studsvik (Nasdaq Stockholm – Hinweis der Autoren: die genannten Unternehmen, Fonds und Indizes sind keine Anlageempfehlung und dienen allein der Illustration): rund 75 Jahre Branchenhistorie und eine nahezu vollständig nukleare Erlösbasis – Brennstoff- und Materialtests, Software für Reaktoranalyse, Technologien für radioaktive Abfälle.

2026 wandelt sich das Unternehmen zudem vom Dienstleister zum Projektentwickler: Mit der Übernahme der SMR-Projektentwicklung Kärnfull Next und Anträgen für neue Reaktorkapazität an den Standorten Nyköping und Valdemarsvik gehört Studsvik zu den wenigen börsennotierten Zugängen zur Ökonomie des Neubaus. Hinzu kommt ein mehrjähriger Brennstofftest-Vertrag mit Kepco und SCK CEN.

Zugleich zeigt der Fall die Grenze: Mit einem Jahresumsatz von umgerechnet rund 80 Millionen Euro und gut 500 Mitarbeitern ist Studsvik ein Small Cap – begrenzte Liquidität, Projekt- und Genehmigungsrisiken sowie hohe Kursvolatilität inklusive. Reinheit und Zugänglichkeit, aber keine Diversifikation: Wer so investiert, trifft eine bewusste Trilemma-Entscheidung.

Was Anleger und ihre Berater daraus machen können

Das Trilemma lässt sich nicht auflösen. Die ehrliche Frage an jedes Nuklear-Investment lautet: Welche zwei Ecken priorisiere ich, und welche gebe ich auf?

  • Wer Diversifikation und Zugänglichkeit wählt, kauft den ETF – sollte ihn aber als das behandeln, was er ist: ein verwässertes Beta auf das Thema, kein fokussiertes Investment in die Renaissance der Kernenergie. Das ist legitim, solange man weiß, was man hält.
  • Wer Reinheit und Zugänglichkeit wählt, landet bei selektiven börsennotierten Pure Plays entlang der Wertschöpfungskette – vom Brennstoffkreislauf über Komponenten bis zu Technologie- und Serviceanbietern. Der Preis: Einzeltitelrisiko, oft geringe Marktkapitalisierung und Liquidität. Diese Ecke verlangt Research und Risikobudget, nicht Bauchgefühl.
  • Wer Reinheit und Diversifikation sucht, muss über die Aktienseite hinausdenken: Anleihen und Private-Credit-Strukturen können projektnahe Renditeprofile zugänglich machen, und mit dem europäischen Eltif-2.0-Rahmen entsteht perspektivisch ein Kanal, über den auch Privatanleger an Infrastrukturprojekten partizipieren könnten – mit den entsprechenden Illiquiditäts- und Komplexitätskosten. Für die Beratungspraxis heißt das: Der Mehrwert liegt nicht darin, „das“ Nuklearprodukt zu finden – sondern darin, den Zielkonflikt explizit zu machen, statt ihn mit einem Etikett zu überdecken.

Für den weiteren Aufbau des Kernenergie-Ökosystems stellt sich zudem die Frage, wo genau die künftigen Engpassfaktoren der Wertschöpfung liegen werden – mögliche Kandidaten könnten Anreicherungskapazitäten, Brennstoffherstellung oder nuklearqualifizierte Komponenten sein, was aber keinesfalls eine vollständige Aufzählung darstellt. Wer in Unternehmen investiert, die über diese Engpassfaktoren verfügen, könnte erhebliche ökonomische Renten generieren.


Über die Autoren:

Gösta Jamin lehrt als Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Zudem begleitet Jamin als Berater Banken und Finanzdienstleister bei der digitalen Transformation.

Matthias Schnegelsberg hat an der Bocconi-Universität in Mailand Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Gründer des Software-Unternehmens Route Core. Er beschäftigt sich intensiv mit der Investitions- und Technologielandschaft der Kernenergie. 

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