Notenbankpolitik Übertreiben Sie nicht, Herr Draghi

Marc-Oliver Lux ist Geschäftsführer von der Vermögensverwaltung Lux & Präuner

Marc-Oliver Lux ist Geschäftsführer von der Vermögensverwaltung Lux & Präuner

Die Anzeichen mehren sich, dass die Federal Reserve (FED) die (angekündigte) Zinswende abermals aufschiebt. Mit Blick auf die nachlassende Konjunktur außerhalb der USA, so etwa der stellvertretende FED-Chef Stanley Fischer, könnten weitere Geldspritzen notwendig bleiben.

Fischer und andere Geldpolitiker meinen die Deflationsgefahr in Europa. Schon zuvor hatte die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt, in großem Umfang Wertpapiere von Banken aufzukaufen. Was ist davon zu halten?

Die entscheidende Frage: Droht wirklich eine deflationäre Rezession in Europa? In der Tat ist die Inflationsrate rückläufig, im August lag sie nur noch bei 0,3 Prozent. Die EZB strebt eigentlich 2 Prozent an. Trotzdem spricht wenig für ein echtes Deflationsszenario.

Entscheidend dafür sind Inflationserwartungen. Hier zeigen die meisten Indikatoren, dass man für 2015 und 2016 steigende, nicht fallende Inflationsraten erwarten kann.

Und Umfragen unter Konsumenten zeigen, dass derzeit lediglich 2,9 Prozent der Befragten fallende Preise erwarten. Das ist mehr als der langjährige Durchschnittswert von 1,9 Prozent, aber immer noch wenig – fast 10 Prozent der Befragten erwarten sogar stark steigende Preise.

Finanzmarktteilnehmer, Prognostiker und Konsumenten mögen irren, aber was erwartet die EZB selbst? Auch sie prognostiziert keine Deflation, sondern eine Inflation von 0,7 Prozent in 2014 und 1,2 Prozent in 2015, in den Jahren danach eine langsame Steigerung auf Werte nahe bei 2 Prozent.

Niemand scheint Deflation oder auch nur eine weiter fallende Inflation zu erwarten. Nun kann man argumentieren, dass die EZB auch ohne drohende Deflation handeln sollte, weil sich die Konjunktur in Europa im Sommer eingetrübt hat.

Dieses Argument überzeugt aus drei Gründen nicht. Erstens hat die EZB erst vor drei Monaten nicht nur die Zinsen gesenkt, sondern auch ein zusätzliches Liquiditäts-Programm aufgelegt.

Es bietet Banken Refinanzierungsmöglichkeiten, die umso großzügiger gestaltet sind, je mehr die Banken Unternehmen und privaten Haushalte Kredite für Investitionen und Konsumausgaben gewähren. Die Vergabe von Hypotheken für Hauskäufe wird nicht gefördert, in diesem risikoarmen Bereich ist die Kreditvergabe gut.

Ziel des Programms ist es, unternehmerische Investitionen zu fördern und die Konsumnachfrage zu steigern, um die Konjunktur zu stärken. Die EZB sollte abwarten, ob das Programm wirkt, bevor sie zu neuen Instrumenten greift.

Zweitens kann man bezweifeln, dass Quantitative Easing die Konjunkturschwäche in der Euro-Zone beheben kann. Es spricht viel dafür, dass die Ursache nicht im fehlenden Kreditangebot liegt, sondern in fehlender Kreditnachfrage.

Viele private Haushalte und Unternehmen in den Krisenstaaten der Euro-Zone sind bereits zu hoch verschuldet. Sie bemühen sich derzeit, ihre Schulden abzubauen, was ihnen nur teilweise gelingt.

Gleichzeitig halten viele Banken Kredite an überschuldete Unternehmen und Haushalte in ihren Büchern. Es ist notwendig, diese Kredite abzuschreiben; kurzfristig ist es jedoch bequemer, sie zu verlängern und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Den Banken würde es helfen, wenn die EZB ihnen faule Kredite zu überhöhten Preisen abnehmen würden, aber damit würde der Bereich der Geldpolitik verlassen, die Steuerzahler in Europa würden geschädigt. Mario Draghi hat deshalb versichert, dass die EZB nur Papiere höchster Qualität kaufen wird. Das Überschuldungsproblem wird so nicht gelöst.

Drittens hat Quantitative Easing negative Nebenwirkungen. Vor allem droht eine Preisblase auf den Aktien- und Anleihemärkten, die den nächsten Finanzcrash verursachten könnte.

Irgendwann übersteigen die Risiken immer neuer Liquiditätsspritzen den Nutzen. Das rechte Mass ist mittlerweile überschritten. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Euro-Zone ist es entscheidend, dass faule Kredite und andere versteckte Risiken in den Bankbilanzen offengelegt und Kapitallücken geschlossen werden.

Damit würde die EZB ihrer Aufgabe als Zentralbank gerecht und würde die Gesundung des europäischen Finanzmarktes fördern, statt zusätzliche Verwerfungen hervorzurufen.

Zum Autor: Marc-Oliver Lux ist Geschäftsführer der Lux und Präuner Vermögensverwaltung in Grünewald bei München.