Neue Sterbetafeln von Heubeck Warum die steigende Lebenserwartung auch Schattenseiten hat

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Einfluss des Einkommens auf Lebenserwartung

Erstmals werden darin auch sozio-ökonomische Faktoren berücksichtigt. „Verschiedene Studien haben bestätigt, dass die Lebenserwartung einer Personen signifikant von deren Gesamteinkommen und damit verbunden den sozio-ökonomischen Lebensumständen abhängt“, sagt Hanne Borst, Leiterin Actuarial Consulting bei Willis Towers Watson Deutschland. „Bezieher hoher Einkommen weisen demnach eine niedrigere Sterblichkeit und somit eine längere Lebenserwartung auf als Personen mit einem geringen Gesamteinkommen.“ Nach Daten der Deutschen Rentenversicherung differierte die mittlere Lebenserwartung eines 65-jährigen männlichen Altersrentners im Jahr 2006 je nach Einkommensniveau zwischen 15 und 19 Jahren. 

„Aus Sicht der Träger von Versorgungseinrichtungen ist es gut, dass Heubeck diesen sozio-ökonomische Aspekt bei der Anpassung der Richttafeln aufgegriffen und integriert hat“ so Borst. „Denn man muss im Ergebnis auch die jeweilige Betriebsrentenverpflichtung sehen, die dahinter steht. Wurde früher die durchschnittliche Lebenserwartung nach Zahl der Köpfe in einem Unternehmen gewichtet, so wird nunmehr ein Rentenhöhe-gewichteter Durchschnitt ermittelt.

„In den neuen Richttafeln wird unterstellt, dass sich die Belegschaft gleichermaßen aus Personen mit geringer und hoher Einkommensstruktur zusammensetzt. Je nach Personalstruktur des jeweiligen Unternehmens ist dieser Ansatz mehr oder weniger passgenau“, erläutert Expertin Borst. „Für Firmen, die einen hohen Anteil an Personen mit geringem Gesamteinkommen im Personalbestand haben oder bei denen überdurchschnittlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hohem Einkommen arbeiten, könnte es unter Umständen sinnvoll sein, individuelle Kalkulationen vorzunehmen.“

Abschwächung des Trends?

Solche Überlegungen bekommen zusätzliches Gewicht vor dem Hintergrund, dass sich der Trend zu einer höheren Lebenserwartung in den kommenden Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn auch mitunter verlangsamt, fortsetzen wird. Fraglich indes ist, ob er über alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen fortzuschreiben ist. In einzelnen Industrieländern wie zum Beispiel den USA ist zudem seit einigen Jahren in einigen Altersbereichen eine Reduktion der Lebenserwartung auch von vermeintlich gut verdienenden Bevölkerungsgruppen zu beobachten.

In Großbritannien wird der Anstieg der Sterblichkeit mit Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen in Verbindung gebracht. Dazu steigt ganz allgemein die Zahl der Zivilisationskrankheiten etwa in Folge mangelnder Bewegung. So verzeichnen Mediziner in Deutschland nicht nur eine stetige Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach einem starken Rückgang von Todesfällen um fast die Hälfte seit 1990 steigt nach Zahlen, die auf dem Kardiologen-Kongress im vergangenen Jahr vorgelegt wurden, seit 2015 die Mortalität wieder leicht an.

„Allerdings ist der Beobachtungszeitraum, in dem es zu diesem Rückgang der Lebenserwartung gekommen ist, vergleichsweise kurz“, so Borst. „Das darf man nicht überbewerten. Die Zahlen für Großbritannien belegen ja auch, dass es dort nur zu einer Abschwächung des Trends gekommen ist und sich das Niveau stabilisiert hat. Daraus eine Trendwende abzulesen, halte ich für verfrüht.“

Fazit

Sterbetafeln sind unentbehrliches Werkzeug für Aktuare, die Prämien und Planvermögen in der betrieblichen Altersversorgung so realistisch wie möglich zu kalkulieren, um Zahlungsströme planbar zu machen. „Das, was ein Unternehmen oder eine Versorgungseinrichtung für seine Betriebsrenten zahlt, wird dadurch nicht beeinflusst – egal, welche Sterbetafeln verwendet werden“, sagt Expertin Borst. „Am Ende geht es um die Frage: Finanziert man die Rente vorweg oder lässt man sich später von den höheren Kosten sozusagen überraschen.“ 


Über den Autor:
Thomas Luther ist freier Journalist, Autor und Dozent.

Der Artikel wurde dem private banking magazin von Willis Towers Watson zur Verfügung gestellt.