Andreas Hilka, Pensionskasse Hoechst Nachhaltigkeit bedeutet für mich ...

Netzwerker: Andreas Hilka engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersversorgung, der Vereinigung der Firmenpensionskassen und im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung.

Netzwerker: Andreas Hilka engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersversorgung, der Vereinigung der Firmenpensionskassen und im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung. Foto: Pensionskasse der Mitarbeiter der Hoechst-Gruppe

Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass unser heutiges Handeln unsere Bedürfnisse als Individuum und als Gesellschaft in einer Art befriedigt, dass wir die Handlungsspielräume zukünftiger Generationen nicht beschneiden und uns achtbar und respektvoll gegenüber der Schöpfung und im zwischenmenschlichen Umgang miteinander verhalten. Realistisch kann dies nur gelingen, wenn wir einen langfristigen Strukturwandel in unseren Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen mit dem Ziel anstoßen, den heutigen Umwelt- und Ressourcenverbrauch auf ein Maß zu beschränken, das nicht zur Erschöpfung der planetaren Ressourcen führt („Earth Overshoot Day“).

All dies erfordert abgestimmtes, gemeinsames und solidarisches, systematisches sowie zukunftsgerichtetes Handeln auf allen Ebenen der Gesellschaft und über die Landesgrenzen hinweg. Probleme bereitet dabei die zeitliche Inkongruenz: einerseits der in naher Zukunft zu treffenden, im Einzelfall einschneidenden Maßnahmen, und andererseits die nur über längere Frist zu beobachtenden positiven Wirkungen auf die anvisierten Zielgrößen. Beispielsweise die Deckelung eines globalen Temperaturanstiegs auf die Ziele des Klimaabkommens von Paris. Treibhausgas-Neutralität kann und darf nicht erst schlagartig im Jahr 2050 erreicht werden.

Es braucht kontinuierlich steigende Anstrengungen von allen Akteuren, der Realwirtschaft, den Privathaushalten und der öffentlichen Hand, die realistisch anfänglich zu Wohlstandsverlusten einzelner der genannten Akteure führen werden. Konfliktlinien und ablehnende Haltung sind in dieser Hinsicht vorgezeichnet beziehungsweise bereits Teil des öffentlichen Diskurses. Der öffentlichen Hand kommt daher eine wichtige Rolle in der Gestaltung dieser Transformation zu. Eine klare politische Ziel- und Rahmensetzung in inhaltlicher und zeitlicher Sicht ist zwingend geboten.

Gegenläufigkeit überbrücken

Wissenschaftliche Fundierung und Transparenz im Sinne verbesserter Daten und Methoden, die die Wirkmechanismen beschreiben und messbar machen, sind eine weitere notwendige Voraussetzung, zusätzlich Akzeptanz zu erzeugen. Letztlich gilt es aber auch, die Chancen herauszustellen. Es muss gelingen, die zeitliche Gegenläufigkeit zu überbrücken, die den schnell und auf kurze Sicht spürbaren Einbußen die längerfristige Zukunftsfähigkeit und Wohlstandssicherung deutlich gegenüberstellt. 

Die Transformation im obigen Sinne löst einen umfassenden Finanzierungsbedarf aus, der meines Erachtens – unabhängig von der in Zeiten der Pandemie gestiegenen Staatsverschuldung – maßgeblich vom Finanzsektor zu erbringen ist. Hierfür fehlt es aber noch an den notwendigen Rahmenbedingungen. Dazu zählt auch ein die Transformation unterstützendes, stabiles ordnungspolitisches und aufsichtliches Regime. Für viele Finanzinstitute spiegelt sich in den aktuellen aufsichtlichen Anforderungen ebenfalls die oben schon beschriebene „Tragedy of the Horizon“ wider: kurzfristige Orientierung von Liquiditäts- und Solvenzanforderungen stehen der Notwendigkeit langfristiger Risikoübernahme gegenüber.

Hinzu treten das Fehlen einer breiteren, prognosefähigen Datenbasis und zu verbessernde, zukunftsgewandte Simulations- und Szenarioanalysen. Ohne die Beseitigung der skizzierten Defizite erscheint eine objektivierte, die Folgen abschätzende und systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in Kreditvergabe- oder Anlageentscheidungen massiv erschwert.


Über den Autor:
Andreas Hilka ist seit Juli 2016 als Vorstandsmitglied der Pensionskasse der Mitarbeiter der Hoechst-Gruppe sowie der Höchster Pensionskasse für das Asset Management und damit 8,5 Milliarden Euro zuständig. Zudem engagiert er sich zu Kapitalanlagethemen in der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersversorgung, der Vereinigung der Firmenpensionskassen und im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung.