private banking magazin: Herr Chemouny, Natixis hatte im vergangenen Jahr ein außergewöhnlich starkes Geschäftsjahr. Wie blicken Sie darauf zurück – und welche Herausforderungen sehen Sie für das laufende Jahr?
Fabrice Chemouny: 2025 war für uns vermutlich das beste Jahr überhaupt, was das Neugeschäft betrifft – insbesondere in meinem Verantwortungsbereich, also international außerhalb der USA. Und das war keineswegs selbstverständlich. Wir waren stark mit der Fusion der Generali beschäftigt, deshalb war es mir wichtig, dass sich der Vertrieb auf die wirklich relevanten Themen konzentriert: Größe, Substanz und vor allem darauf, die besten Lösungen für die Endkunden zu liefern.
„In einem Umfeld aus Volatilität, strukturellem Wandel und neuen Anlageformaten geht es nicht darum, Produkte zu pushen, sondern langfristige Lösungen zu entwickeln – am Ende erwarten unsere Kunden, dass wir verlässlich Alpha liefern.“
Fabrice Chemouny
Das Erfolgsrezept besteht aus zwei zentralen Zutaten. Erstens: die mit uns verbundenen Unternehmen (Affiliates) sind sehr stark. Natixis steht im Kern für aktives Management. Und gerade in einem Umfeld hoher Volatilität sowie geopolitischer Unordnung war das der perfekte Zeitpunkt, um die Bedeutung von Forschung und Alpha-Generierung zu unterstreichen.
Zweitens: unser globales Vertriebsteam. Wir arbeiten mit Menschen, die sehr nah an den Märkten und an den Bedürfnissen der Kunden sind. Wie wir es auch schon bei unseren Treffen in Paris, Frankfurt oder Köln besprochen haben: Ich möchte keinen Vertrieb, der Produkte drückt. Unser Fokus liegt auf Lösungen für den Endkunden. Kurzfristige Beziehungen interessieren mich nicht – wir denken langfristig.
Das Ergebnis war beeindruckend. Mit dem DNCA Alpha Bonds (ISIN: LU1694789451) hatten wir einen der größten Blockbuster unserer Geschichte. Der Fonds ist heute hervorragend positioniert, insbesondere auch in Deutschland. Zudem sind wir bei Renten weiterhin sehr stark, mit zwei klaren Franchises wie der Investmentgesellschaft Loomis Sayles oder dem Vermögensverwalter Ostrum.
Interessant war auch, dass sich einige Kunden bewusst gegen Private Debt und für klassische Anleihen entschieden haben – wegen der Liquidität, aber auch wegen Risiken, die im Private-Debt-Segment sichtbar wurden. Genau hier konnten wir überzeugende Lösungen liefern.
Und schließlich Aktien: Auch dort hatten wir ein sehr starkes Jahr. Ich bin überzeugt, dass Aktien auch 2026 ein wichtiger Erfolgsfaktor bleiben werden – etwa mit einem Haus wie der Immobilienagentur WCM. Wir fokussieren uns nicht auf die Magnificent Seven, erzielen aber dennoch sehr gute Ergebnisse und unterstützen unsere Kunden bei ihren Anlagezielen. Das war 2025 und jetzt beginnt ein neues Kapitel.
Lassen Sie uns über die strukturellen Veränderungen in der Branche sprechen: ETFs, aktive ETFs, die Demokratisierung privater Märkte. Wie positioniert sich Natixis in diesem Umfeld?
Chemouny: Die von Ihnen genannten Punkte sind absolut zentral. Unsere Industrie verändert sich rasant und es vergeht kein Tag ohne neue Ankündigungen. Private Anlagen dominieren seit zwei Jahren die Schlagzeilen und werden das auch weiterhin tun.
Bereits vor zehn Jahren haben wir entschieden, uns von einem rein langfristigen Manager weiterzuentwickeln. Wir haben gezielt in neue Bereiche investiert: Private Equity mit Flexstone, Infrastruktur mit Mirova, Immobilien mit AEW. Unser Multi-Affiliate-Modell gilt ausdrücklich auch für private Anlagen.
Anfangs waren diese Strategien klar institutionell geprägt. Heute bewegen wir uns in Richtung Großkundengeschäft – und perspektivisch Standard-Privatkunden (Retail). Regulatorische Rahmenwerke wie ELTIF 2.0 eröffnen mit offenen Fonds (Evergreen) neue Möglichkeiten, stellen uns aber auch vor Herausforderungen, insbesondere beim Thema Liquidität.
Ein Beispiel ist unser Fonds Navigator, ein Multi-Asset-Private-Markets-Fonds, den wir vor rund anderthalb Jahren aufgelegt haben. Er ist inzwischen marktreif und wird europäischen Investoren angeboten, auch in Deutschland. Weitere Produkte, etwa mit Flexstone im Evergreen-Format, sind in Vorbereitung. Private Assets sind gekommen, um zu bleiben.
Der zweite große Block sind ETFs. Ursprünglich ein rein passives Vehikel, hat sich das Bild deutlich gewandelt. Der ETF ist heute viel mehr als nur ein technischer „Wrapper“, sondern wird mehr und mehr zu einer regelrechten Marke. Von daher gewinnen ETFs insbesondere im Vertrieb an Privatkunden zunehmend an Bedeutung. Dieses Momentum wollen wir nutzen, ohne zu einem passiven Vermögensverwalter zu werden.
Wir setzen vielmehr auf aktive ETFs, die gerade massiv an Bedeutung gewinnen. Auch hier gehen wir strukturiert vor: Wir haben unsere ETF-Plattform aufgebaut und werden in Kürze eine neue Produktpalette ankündigen. Erste Strategien sind bereits sehr erfolgreich, gerade in Deutschland. Unser Ziel ist klar: Unsere Affiliates sollen perspektivisch aktive ETFs integrieren können.
Heißt das, alle Affiliates werden künftig Active ETFs anbieten?
Chemouny: Ja und nein. Unsere Aufgabe bei Natixis ist es, die Infrastruktur bereitzustellen. Das bedeutet: Wir bauen die gesamte Wertschöpfungskette so auf, dass wir jederzeit die Produkte lancieren können, die unsere Kunden benötigen. Wir werden aber nicht den Branchentrend imitieren in Form einer eigenen ETF-Marke oder separaten Vertriebseinheiten.
Unser Ziel ist, einerseits unsere Dachmarke zu stärken und andererseits die Spezialität unserer Affiliates zu betonen. In diesem Jahr werden wir vier Fonds auflegen, vor allem für unsere europäischen Affiliates. Ab 2027 werden wir dann in der Lage sein, sehr flexibel neue Strategien umzusetzen. Aktuell bauen wir die Basis – ab 2027 rollen wir sie global aus.
Könnte es also bald aktive ETFs für Anleihen von DNCA geben?
Chemouny: Absolut. Ich hoffe, ich greife nicht zu weit vor, aber bis zum Jahresende rechne ich mit mindestens zwei aktiven ETFs für festverzinsliche Wertpapiere: einen von Ostrum und einen von Loomis Sayles.
Was bedeuten diese Entwicklungen für die Asset-Management-Landschaft insgesamt?
Chemouny: Sie verändern sie grundlegend. Auf der Käuferseite sehen wir einen klaren Generationswechsel. Junge Anleger investieren zunehmend über digitale Plattformen und Neo-Broker – und diese vertreiben fast ausschließlich ETFs. Wer diese Kundengruppe erreichen will, muss präsent sein.
Bei privaten Anlagen ist die Akzeptanz inzwischen breit. Die entscheidende Frage bleibt die Liquidität. Deshalb haben wir vor anderthalb Jahren unsere Private Asset Academy gegründet. Aufklärung ist essenziell. Ich glaube nicht an aggressiven Produktverkauf. Es geht um Vermögen, um Vertrauen. Fehlallokationen oder Missverständnisse dürfen nicht passieren.
Welche Auswirkungen hat das auf die wirtschaftliche Struktur der Branche und auf Natixis selbst?
Chemouny: Private Assets wirken sich positiv auf die Ertragsstruktur aus – zumindest aktuell. Während Margen bei traditionellen Assetklassen unter Druck stehen, sind sie bei privaten Märkten noch stabil. Langfristig wird sich auch das angleichen, aber für uns ist dieser Bereich wichtig, um unsere Profitabilität zu sichern.
ETFs verändern vor allem die Distribution. Rückvergütungen verschwinden, regulatorischer Druck steigt. Das betrifft eher die Vertriebspartner als uns selbst. Entscheidend ist: Wir müssen dort sein, wo unsere Kunden uns erwarten. Generell sind die Kosten im Asset Management stark gestiegen – durch Regulierung, Reporting, Digitalisierung und KI.
Das erklärt die zunehmende Konsolidierung. Große Anbieter werden größer, spezialisierte Boutiquen überleben – die Mitte hingegen verschwindet. Das ist ein Trend, der sich fortsetzen wird.
Zum Abschluss: Wie wollen Sie den Erfolg aus dem vergangenen Jahr wiederholen?
Chemouny: Indem wir nah am Kunden bleiben. Beziehungen sind entscheidend. Wenn es Probleme gibt, müssen wir sie früh adressieren. Und natürlich müssen wir weiter Alpha liefern – das ist unser Kernversprechen. Unser Modell mit unabhängigen, hochspezialisierten Boutiquen ist dafür ideal. Die Volatilität wird bleiben, ebenso Währungsbewegungen. Wir sind gut ins Jahr gestartet – und wenn wir weiter hart arbeiten und kundennah bleiben, bin ich zuversichtlich.
Über den Interviewten:
Fabrice Chemouny ist seit 2003 in diversen leiteneden Positionen bei Natixis tätig. Seit 2023 leitet er den globalen Vertrieb. Vorherige Karrierestation war unter anderem bei BNP Paribas und Mazars.