DAS INVESTMENT: Aktuell drängen immer mehr Player – von Neobrokern bis Großbanken – in den Bereich Private Markets. Was treibt diesen Trend an?
Robin Binder: Wir erleben hier ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen. Auf der Nachfrageseite sehen wir, dass Privatanleger nicht länger akzeptieren, dass viele Anlageklassen institutionellen Investoren vorbehalten bleiben. Die Anlegenden streben zunehmend Diversifikation über den Kapitalmarkt hinaus an, da die geopolitische Lage und die hohen Aktienbewertungen bei vielen zu Verunsicherung führen.
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DAS INVESTMENT: Aktuell drängen immer mehr Player – von Neobrokern bis Großbanken – in den Bereich Private Markets. Was treibt diesen Trend an?
Robin Binder: Wir erleben hier ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen. Auf der Nachfrageseite sehen wir, dass Privatanleger nicht länger akzeptieren, dass viele Anlageklassen institutionellen Investoren vorbehalten bleiben. Die Anlegenden streben zunehmend Diversifikation über den Kapitalmarkt hinaus an, da die geopolitische Lage und die hohen Aktienbewertungen bei vielen zu Verunsicherung führen.
Gleichzeitig haben wir heute die technologischen Möglichkeiten, um Private Markets überhaupt skalierbar und in kleinen Losgrößen anzubieten. Digitale Plattformen, automatisierte Prozesse und standardisierte Reportings senken die Einstiegshürden drastisch. Dadurch wird eine Anlageklasse zugänglicher, die bislang als exklusiv galt.
Und natürlich ist das auch für die Finanzindustrie ein attraktives Geschäftsfeld. Im klassischen Wertpapiergeschäft sind die Margen unter Druck, während Private Markets langfristige Kundenbeziehungen und durch die meist höhere Gesamtrendite auch höhere Gebührenstrukturen ermöglichen.
Hinzu kommt: Viele Anleger haben erkannt, dass Private Markets über Jahre hinweg bewiesen haben, dass sie neben der sinnvollen Ergänzung zur Diversifikation eines Portfolios auch attraktive Renditen liefern können. Und eine hohe Renditechance reizt bekanntlich viele Anleger.
Ist das nur ein Hype, oder stehen wir vor einer strukturellen Verschiebung im Investmentmarkt?
Binder: Ich bin überzeugt: Das ist keine Modeerscheinung, sondern eine grundlegende Veränderung. Institutionelle Investoren haben ihre Allokationen in Private Markets über Jahrzehnte kontinuierlich ausgebaut. Nicht aus Trendgründen, sondern weil Rendite und Risiko dort langfristig attraktiv für die eigene Allokation sein können.
Was wir jetzt erleben, ist die Öffnung dieser Anlageklasse für eine breitere Zielgruppe. Die technologische Infrastruktur ist vorhanden, die regulatorischen Rahmenbedingungen sind besser denn je und die Produktlandschaft entwickelt sich rasant weiter.
Hinzu kommt ein Wandel in der Unternehmensfinanzierung: Immer mehr Unternehmen bleiben länger privat, bevor sie an die Börse gehen oder verzichten ganz auf einen IPO. Denken Sie an Open AI oder an die Schwarz Gruppe (Lidl). Die sind nach wie vor nicht börsennotiert, aber enorm wertvoll. Ein großer Teil des Wachstums findet heute außerhalb der öffentlichen Märkte statt. Wer hier keinen Zugang hat, verpasst wichtige Chancen.
Die Bewegung hin zu einer breiteren Verfügbarkeit von Private Markets ist unumkehrbar. Die Frage ist nicht, ob sie sich durchsetzt, sondern wie schnell und in welcher Form. Extrem wichtig ist jedenfalls, dass eine hohe und institutionelle Qualität der Investments garantiert werden kann. Nur so wird diese Öffnung auch nachhaltig sein und zu einem positiven Erlebnis bei den Anlegern führen.
Die News, dass Trade Republic Private-Market-Investments ab 1 Euro anbietet, hat große Wellen geschlagen. Nao hat diese Möglichkeit bereits zuvor angeboten. Haben Sie sich geärgert, dass Nao nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommen hat?
Binder: Geärgert wäre das falsche Wort. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn unsere Pionierarbeit mehr Beachtung gefunden hätte. Aber ehrlich gesagt freue ich mich über jeden Player, der den Markt öffnet. Zum einen bestätigt das, dass wir mit Nao auf dem richtigen Weg sind. Zum anderen hilft es dem gesamten Markt: Wenn ein großer Neobroker Private Markets anbietet, erreicht das eine Zielgruppe, die wir alleine gar nicht ansprechen könnten. Das legitimiert die Anlageklasse insgesamt.
Unser Fokus liegt aber auf Tiefe statt Breite. Wir bieten nicht nur Zugang, sondern auch die Expertise, die Produktauswahl und das Verständnis für die Besonderheiten dieser Anlageklasse. Das ist unser USP und den können wir umso besser ausspielen, je mehr Menschen sich grundsätzlich für Private Markets interessieren. Ferner wird durch den Wettbewerb auch klar, was wir anders machen und wieso unser fokussierter Ansatz den Unterschied macht.
Wie unterscheiden sich die Strategien von etablierten Banken und jungen Fintechs wie Nao beim Zugang zu Private Markets?
Binder: Banken haben Private Markets traditionell als Premiumprodukt für ihre vermögendsten Kunden angeboten. Inklusive hoher Einstiegssummen, individueller Beratung und teuren Strukturen.
Wir gehen einen anderen Weg: Unsere DNA ist digital-first und skalierbar. Wir nutzen Technologie, um Prozesse zu automatisieren, Kosten zu senken und so die Mindestanlagesummen massiv zu reduzieren. Gleichzeitig setzen wir auf Transparenz und Education. Uns ist wichtig, dass Anleger verstehen, was sie kaufen und nicht nur, dass sie es können.
Banken haben den Vorteil der Marke und des Vertrauens, wir den der Agilität und Technologie. Beides hat seine Berechtigung, aber unsere Herangehensweise passt besser zur neuen Anlegergeneration. Was uns eint, ist die Qualität der Investments: Unsere Kunden investieren häufig Hand in Hand mit UHNWIs oder Family Offices, die in den Wealth Management Abteilungen von Banken beraten werden.
Auch Indexgigant MSCI will stärker auf Private Markets setzen. Was halten Sie davon?
Binder: Das ist ein starkes Signal. MSCI hat jahrzehntelang die Standards für öffentliche Märkte gesetzt. Wenn sie nun Benchmarks und Indizes für Private Markets entwickeln, wird das den Bekanntheitsgrad der gesamten Anlageklasse deutlich erhöhen.
Einer der größten Pain Points war bisher die mangelnde Vergleichbarkeit und Transparenz. MSCI bringt hier methodische Glaubwürdigkeit und kann Standards schaffen, die dem gesamten Ökosystem helfen – von Asset Managern bis zu Plattformen wie uns.
Natürlich bleibt die Herausforderung, illiquide Assets fair zu bewerten und unterschiedliche Strategien vergleichbar zu machen. Aber genau diese Entwicklungen machen den Markt erwachsener und das ist gut so.
Wie positioniert sich Nao in diesem wachsenden Feld – eher als Enabler, Plattform oder als direkter Anbieter?
Binder: Wir glauben fest daran, dass man die beste Lösung bieten kann, wenn man die komplette Wertschöpfungskette aus einer Hand abdeckt. Unser Ziel ist es, die Brücke zwischen den komplexen Produkten der Private-Markets-Welt und den Bedürfnissen von Privatanlegern zu schlagen. Wir kuratieren Produkte, schaffen Zugang, reduzieren Komplexität und stellen die technologische Infrastruktur bereit, die es braucht, um Private Markets digital und skalierbar zu machen. Bei den Investments arbeiten wir mit führenden Asset Managern und Partnern zusammen, statt alles selbst zu bauen.
Langfristig verstehen wir uns als Infrastruktur-Player, der verschiedene Marktteilnehmer verbindet. Quasi eine Art Betriebssystem für Private Markets im Retail-Bereich. Wir adressieren die Interessen der Anleger bei den Asset Managern und machen ihre Sprache transparent und verständlich. Gleichzeitig haben wir die Infrastruktur geschaffen, um die Abwicklung der Produkte stark zu automatisieren, sodass Endanleger transparent und einfach an der Entwicklung solcher Assetklassen teilhaben können.
Wie reagieren institutionelle Marktteilnehmer auf den Markteintritt von Plattformen wie Nao?
Binder: Die Reaktionen sind gemischt, aber insgesamt positiver, als man vielleicht erwarten würde. Ein großer Teil der Asset Manager sieht das als große Chance. Sie erkennen, dass Retail-Kapital die nächste große Wachstumsquelle darstellen kann.
Dann gibt es natürlich die Skeptiker, die befürchten, dass eine Öffnung für Privatanleger ihre Marke verwässert oder dass Retail-Investoren bei der ersten Krise in Panik verkaufen wollen. Bei illiquiden Produkten ist das natürlich herausfordernd, worauf die Manager mit Liquiditätsbeschränkungen reagieren.
Was ich definitiv beobachte: Die Diskussion hat sich verschoben. Vor zwei, drei Jahren war die Frage noch „Sollte man Private Markets für Retail öffnen?“ Heute ist die Frage „Wie macht man es richtig und für wen?“ Das zeigt, dass die grundsätzliche Legitimität nicht mehr infrage gestellt wird.
Wo sehen Sie den Private-Markets-Bereich in fünf Jahren? Wird der Zugang so selbstverständlich wie bei ETFs heute?
Binder: Ja und nein. Private Markets werden in fünf Jahren ein etablierter Bestandteil diversifizierter Portfolios sein, auch bei Privatanlegern. Aber sie werden nicht so selbstverständlich wie ETFs sein, und das sollten sie auch nicht. Private Markets sind komplexer, illiquider und erfordern ein anderes Verständnis.
Was ich konkret erwarte: Jede größere Bank und jeder relevante Broker wird Private-Markets-Produkte im Angebot haben. Die Mindestanlagesummen werden weiter gesenkt werden und es wird deutlich mehr Transparenz und etablierte Standards geben. Die Infrastruktur hängt hier nämlich noch weit zurück.
Die spannende Frage ist, wie schnell die potenziellen Vorteile von Private Markets in der Breite ankommen werden und dass Vertriebe wie Nao verantwortungsvoll mit ihrer Rolle umgehen. Ich sehe uns hier klar in der Pflicht, die guten Manager beim Retail-Vertrieb zu unterstützen, aber auch die schlechte Deal-Qualität von Anlegenden fernzuhalten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Industrie verantwortungsvoll mit dieser Öffnung umgehen.
Welche Segmente der Private Markets werden Ihrer Meinung nach am stärksten von dieser Entwicklung profitieren?
Binder: Ich glaube, dass alle Segmente in der Breite partizipieren werden. Kurzfristig wird Private Equity und Venture Capital stark profitieren, da viele bei Investments in alternative Anlagen nach höheren Renditen suchen. Hier kommt es aber stark drauf an, zu welchen Fonds sie Zugang erhalten, denn die Rendite-Streuung ist enorm.
Sobald das edukative Level weiter steigt, werden auch mehr und mehr Investoren Private Debt und Infrastrukturinvestitionen für sich entdecken. Die Anlagen sind zwar defensiver, aber bieten teils spannende und gering korrelierte Renditen als Ergänzung zu einem Aktienportfolio.
Gerade der Infrastrukturbereich bietet im Kontext Nachhaltigkeit eine interessante Alternative zu „grünen“ Aktien oder Anleihen. Investitionen in erneuerbare Energien oder soziale Infrastruktur verbinden Renditepotenzial mit gesellschaftlicher Wirkung.
Wo ziehen Sie als Anbieter selbst die Grenze zwischen Zugänglichkeit und Anlegerschutz?
Binder: Die Grenze liegt da, wo Anleger Entscheidungen treffen, die sie nicht verstehen oder sich finanziell nicht leisten können. Deshalb prüfen wir die Eignung genau und setzen auf Aufklärung.
Unsere Aufgabe ist es, nur die besten Angebote am Markt mit wirklichem Zugang zu institutioneller Qualität anzubieten. Wir wollen beim Zugang aber niemanden bevormunden. Wer die Risiken versteht, langfristig denkt und das nötige Kapital mitbringt, sollte investieren dürfen, unabhängig davon, ob er Millionär ist oder nicht. Transparenz und Verantwortung sind für mich zwei Seiten derselben Medaille. Nur so kann diese Öffnung nachhaltig funktionieren.
Zur Person

Robin Binder, CEO und Gründer von Nao, war zuvor mehrere Jahre bei der Unicredit Bank tätig und baute später das Family Office Zeitgeist Group und den VC-Arm Zeitgeist X Ventures auf. Mit seiner Multi-Asset-Plattform Nao ermöglicht er Investments ab einem Euro in Bereiche wie Private Equity, Venture Capital, Infrastruktur und Hedgefonds, zugänglich über eine digitale App.
