Axel Angermann, Chefvolkswirt der Feri-Gruppe
Drastisch steigende Ölpreise waren in der Vergangenheit immer wieder Auslöser weltweiter Rezessionen. Die weitgehende Schließung der Straße von Hormus infolge der Eskalation des Iran-Konflikts beeinträchtigt etwa 20 Prozent der globalen Ölversorgung und hat deshalb wenig überraschend zu einem spürbaren Anstieg des Ölpreises geführt. Wie gefährlich ist das für die globale Konjunktur?
Dauer des Konflikts als entscheidender Faktor
Die Antwort auf diese Frage hängt zunächst entscheidend davon ab, ob es sich um ein temporäres Ereignis handelt, oder ob die Unterbrechung der Ölversorgung über die Straße von Hormus von längerer Dauer ist. Die erste Reaktion der Märkte signalisiert, dass die Marktteilnehmer überwiegend von der ersten Option ausgehen, und tatsächlich gibt es gute Gründe dafür.
Zwar verfügt der Iran vermutlich über ausreichende militärische Mittel, den Öltransport durch die Straße von Hormus zu unterbinden – insbesondere Drohnen dürften hier eine wesentliche Rolle spielen. Drohnenangriffe wirksam zu bekämpfen ist ein schwieriges Unterfangen, weil ihr Einsatz dezentral erfolgen kann und die Abwehrraketen um ein Vielfaches teurer sind als die Drohnen selbst.
Das iranische Regime scheint allerdings unter dem Druck der militärischen Angriffe deutlich geschwächt. Dass die Opposition im Iran selbst die Macht übernehmen kann, erscheint aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlich, aber auch das aktuell herrschende Triumvirat als unmittelbarer Nachfolger des bisherigen Führers Khamenei sollte angesichts der eigenen militärischen Unterlegenheit gegenüber den USA und Israel ein Interesse daran haben, die militärische Auseinandersetzung so bald wie möglich zu beenden.
Der Tod von Khamenei öffnet im Grundsatz die Möglichkeit zu einer pragmatischeren und primär am eigenen Machterhalt orientierten Herangehensweise. Dies würde bedeuten, dass die iranische Führung zumindest vorerst auf die Forderungen der USA und Israels eingeht. Trump könnte dies als Erfolg verbuchen, zumal er angesichts der Stimmung unter seinen Anhängern kein Interesse an einer länger andauernden Auseinandersetzung haben kann.
Wir gehen deshalb in unserem Basisszenario von einer baldigen Beendigung der unmittelbaren militärischen Auseinandersetzung und einer Normalisierung des Ölpreises aus. Negative Folgen für die weltweite Konjunktur wären in diesem Falle zwar vorhanden, dürften aber überschaubar bleiben.
Ölpreis weniger gravierend als in früheren Zyklen
Auch im Falle eines anhaltend hohen Ölpreisniveaus könnten die Folgen zumindest weniger gravierend sein als in früheren Zyklen. Zwar wirkt ein höherer Ölpreis wie eine zusätzliche Konsumsteuer und dämpft damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Weil aber die pro Einheit Wirtschaftsleistung eingesetzte Menge an Öl in den zurückliegenden Jahrzehnten vor allem in den hoch entwickelten Industrieländern gesunken ist, fällt dieser Effekt geringer aus.
Hinzu kommt: Die Notenbanken dürften auf steigende Inflationsraten infolge höherer Ölpreise nicht mit Zinserhöhungen reagieren, sondern im Gegenteil eher versuchen, mit Zinssenkungen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren. Eine weitergehende Eskalation der Krise im Nahen Osten mit der Folge drastisch höherer Ölpreise, die zum Auslöser einer globalen Rezession werden, ist aus heutiger Sicht ein signifikantes Risikoszenario, das fortlaufend Beachtung verdient. Es gibt aber gute Gründe, dies nicht als Basisszenario anzusehen.
Kernpunkte:
- Anstieg des Ölpreises infolge der Eskalation im Nahen Osten fällt bislang moderat aus
- Politische Führung im Iran sollte eigenes Interesse daran haben, auf US-amerikanische Forderungen einzugehen
- Baldiges Ende der militärischen Auseinandersetzung und Normalisierung des Ölpreises möglich
- Basisszenario: Abschwächung der globalen Konjunkturdynamik, aber keine Rezession
Über den Autor:
Axel Angermann analysiert als Chefvolkswirt die konjunkturellen, geldpolitischen und strukturellen Entwicklungen aller für die Asset Allocation wesentlichen Märkte.
Robert Greil, Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten – insbesondere der US-Militärschlag gemeinsam mit Israel gegen Iran – hat die Märkte bewegt, aber nicht in Panik versetzt. Die Ölpreise zogen spürbar an, Aktien gerieten etwas unter Druck und klassische sichere Häfen wie Gold verzeichneten leichte Zuflüsse. Entscheidend für Anleger ist jetzt weniger die Frage nach kurzfristigen Reaktionen als nach der Robustheit der eigenen Portfoliostruktur.
Rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Rohöls läuft durch die strategisch wichtige Straße von Hormus. Schon begrenzte Störungen können daher erhebliche Auswirkungen auf Energiepreise, Inflation und globale Lieferketten haben. Daraus ergeben sich nicht nur kurzfristige Preisänderungen an den Finanzmärkten, sondern handfeste realwirtschaftliche Effekte. Wie stark diese ausfallen, entscheidet sich nicht aus den Ereignissen dieser Tage, sondern wird sich aus dem Verlauf des Konflikts ergeben.
Vorhersagen lässt sich dieser Verlauf naturgemäß nicht. Für langfristig orientierte Investoren heißt dies einmal mehr: Konstante Diversifikation ist effektiver als kurzfristige Reaktion auf Krisen. Verluste in einzelnen Segmenten – etwa bei Aktien, die besonders sensibel auf geopolitische Spannungen reagieren – können durch Gewinne in anderen Anlageklassen wie Rohstoffen oder Edelmetallen abgefedert werden. Der Nutzen einer breiten Diversifikation zeigt sich damit einmal mehr in der Praxis.
Selektiv Chancen nutzen statt hektisch reagieren
Wir haben bereits in den vergangenen Monaten unsere Kundenportfolios auf unruhige Zeiten vorbereitet: Engagements im US-Aktienmarkt wurden teils abgesichert und Kreditrisiken haben wir gesenkt und dafür in sicherere Staatsanleihen umgeschichtet.
Aus dieser breiten Aufstellung heraus haben wir die Entwicklungen im Nahen Osten zum Anlass für taktische Anpassungen in unserer Allokation genommen. So haben wir beispielsweise unsere ohnehin vorhandene strategische Gold-Allokation weiter aufgestockt und diesen Kauf finanziert durch den Verkauf von US-Staatsanleihen, deren Kurse sich seit unserer Aufstockung sehr positiv entwickelt haben. Bedacht haben wir dabei auch, dass die Fiskalausgaben in den USA - nicht zuletzt im Umfeld der Zwischenwahlen - weiter steigen könnten und die Kurse damit unter Druck bringen könnten.
Auch innerhalb unserer Aktien-Allokation haben wir Veränderungen vorgenommen. Unser Engagement im breiten US-Aktienmarkt haben wir reduziert und stattdessen attraktiv bewertete Small Caps in Industrieländern inklusive der USA zugekauft. Diese Unternehmen sind stärker auf ihre Binnenwirtschaft ausgerichtet und damit weniger unmittelbar von globalen Schocks abhängig. Gleichzeitig könnten sie überdurchschnittlich von staatlichen Konjunkturimpulsen profitieren.
Diversifikation bleibt Trumpf
Mit solchen ausgewählten Anpassungen der Allokation können plötzlich entstehende Chancen und Risiken im Portfolio adjustiert werden. Phasen erhöhter Unruhe an den Finanzmärkten sind aber selten der ideale Moment, die Ausrichtung des Portfolios grundsätzlich zu hinterfragen. Die Devise sollte lauten: investiert und diversifiziert bleiben.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört.
Christian Subbe, Chief Investment Officer von HQ Trust
Der militärische Konflikt führt zu erheblichen geopolitischen Spannungen. Von zentraler Bedeutung für Weltwirtschaft und Kapitalmärkte ist die Frage, wie lange die Kampfhandlungen anhalten und ob es zu einer anhaltenden Störung der Straße von Hormus kommt.
Was der Blick in den Rückspiegel zeigt:
Aus historischer Sicht zeigten die Kriegsausbrüche in Regionen mit eingeschränkter wirtschaftlicher Relevanz oft nur moderate Rückgänge. Es kam anschließend häufig zu zügigen Erholungsbewegungen.
Wobei hier die Öl- und Gaslieferketten natürlich eine Rolle spielen. Daher kommt es sehr auf die zeitliche Ausprägung und gegebenenfalls auf die Reaktion der OPEC+ Staaten beziehungsweise Anrainerstaaten an.
Wie wir die Situation einschätzen:
Aktuell gehen wir davon aus, dass es sich um einen kurzfristig begrenzten Konflikt handelt. Eine länger anhaltende oder stark eskalierende Entwicklung halten wir aktuell für weniger wahrscheinlich. Die Kapitalmärkte reagieren bislang moderat – im Einklang mit historischen Mustern.
Was das für das Portfolio bedeutet:
Wir sehen unser Portfolio mit der aktuell leichten Aktien-Untergewichtung angemessen positioniert. Mit der Allokation in Gold profitieren wir von seiner Funktion als Krisenmetall. Unsere konservative Ausrichtung im Anleiheportfolio sowie die Übergewichtung im Geldmarkt stabilisieren unser Portfolio zusätzlich.
Da sich ähnliche Konflikte historisch meist auch nur sehr kurzfristig auf die Kapitalmärkte auswirkten, halten wir uns die Option offen, bei weiteren Kursrückschlägen antizyklisch zuzukaufen.
Was Investoren eine zusätzliche Absicherung bringt
Von einer zusätzlichen Absicherung etwa über Put‑Optionen raten wir ab. Die Absicherungskosten sind aufgrund der bereits stark erhöhten impliziten Volatilität sehr hoch. Zudem ist eine wirksame Strukturierung einer solchen Absicherung, etwa was Laufzeit, Basispreis und Umfang angeht, erfahrungsgemäß komplex und fehleranfällig.
Über den Autor:
Christian Subbe ist Chief Investment Officer von HQ Trust.
Sören Hettler, Leiter Anlagestrategie und Privatkunden der DZ Bank
Der Dax bleibt wegen der Eskalation in Nahost unter erheblichem Abgabedruck. Seit Freitag hat der deutsche Leitindex rund sechs Prozent nachgegeben. Insbesondere die Sperrung der Straße von Hormus treibt den Anlegern Sorgenfalten auf die Stirn, weil die Meerenge ein Nadelöhr der globalen Energieversorgung ist.
Dax auf Tauchstation: Psychologisch wichtige Marke im Blick
Nach dem Rutsch unter die Marke von 24.000 Punkten bieten im Falle einer weiteren Abwärtsbewegung 23.400 Zähler den nächsten nennenswerten Unterstützungsbereich. Nächste entscheidende Schwelle wäre die psychologisch wichtige Marke von 23.000 Punkten. Im Juni letzten Jahres rund um den US-Militärschlag auf die iranischen Nuklearanlagen war dieser Bereich das Ende einer ausgeprägten Abwärtsbewegung.
Wie es mit dem Dax kurzfristig weitergeht, hängt von der Dauer des Kriegs und der Beeinträchtigung der Energielieferungen ab. Nachhaltig deutlich höhere Energiekosten belasten nicht nur die Konjunktur, sie würden auch für einen Inflationsschub sorgen. Die Notenbanken könnten dann über einen restriktiveren Kurs als bisher nachdenken. An den Geldmärkten ist dies bereits angekommen.
Wurde für die Europäische Zentralbank vor kurzem noch mit einer weiteren Leitzinssenkung bis Jahresende geliebäugelt, ist jetzt von einer möglichen Erhöhung die Rede. Die Attraktivität von Aktien würden höhere Zinsen und eine schwächere globale Konjunktur schmälern. Klar ist aber auch: Derartige Negativszenarien sind nur ein Ausschnitt aus diversen möglichen Entwicklungen in den nächsten Wochen und Monaten.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein militärischer Konflikt zeitnah an Schärfe einbüßt und mit Blick auf die weltweiten ökonomischen Konsequenzen wieder in den Hintergrund rückt.
Über den Autor:
Sören Hettler ist Leiter Anlagestrategie und Privatkunden der DZ Bank.
Johannes Mayr, Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz
Der Angriff auf Iran und die teilweise Sperrung der Straße von Hormus haben zuletzt zu steigenden Ölpreisen, Kursrücksetzern und erhöhter Volatilität an den Märkten geführt. Doch wie ernst ist die Lage für Anleger einzuschätzen? Die kurze Antwort lautet: Ja, die Ereignisse sind bedeutsam. Historisch betrachtet gibt es aber gute Gründe für eine ruhige Einordnung.
Was die Geschichte uns lehrt
Geopolitische Schocks führen regelmäßig zu abrupten Marktbewegungen – doch sie wirken selten langfristig. Beispiele reichen vom Irak-Kuwait-Konflikt 1990 über den 11. September 2001 bis zum Arabischen Frühling. In all diesen Fällen stiegen zwar kurzfristig die Energiepreise, während Aktienmärkte nachgaben. Doch innerhalb weniger Monate setzten Normalisierungstendenzen ein und die Märkte fanden zu ihrem vorherigen Trend zurück.
Warum ist das so?
Ölmarktmechanismen wirken stabilisierend. Öl ist fungibel, global handelbar und die Produktion kann flexibel ausgeweitet werden. Politisch motivierte Ausfälle werden häufig durch andere Förderländer oder strategische Reserven ausgeglichen. Auch alternative Transportwege mindern dauerhafte Engpässe.
Unternehmensmodelle bleiben robust. Die großen strukturellen Wachstumstreiber wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Infrastrukturinvestitionen und die demografische Entwicklung werden durch regionale geopolitische Ereignisse kaum beeinträchtigt. Ein Softwareanbieter, ein Medizintechnologieunternehmen oder ein Infrastrukturentwickler ändert ihre Ertragskraft nicht dadurch, dass kurzfristig der Ölpreis schwankt.
Kurz: Politische Börsen haben kurze Beine und die globalisierte Wirtschaft zeigt sich regelmäßig widerstandsfähiger, als es in Krisenmomenten scheint.
Volatilität als Begleiter und Chance
Erhöhte Schwankungen fühlen sich unangenehm an, sind aber ein normaler Teil des Marktgeschehens. Historisch wurden in Phasen großer Unsicherheit oftmals die attraktivsten langfristigen Renditen erzielt – gerade weil viele Anleger in solchen Momenten zu emotionalen Entscheidungen neigen. Wer besonnen bleibt, profitiert häufig davon, dass Märkte nach Überreaktionen wieder zu Fundamentaldaten zurückfinden.
Aussichten für Anleger
Für Anleger lässt sich die aktuelle Lage in drei grundsätzliche Empfehlungen übersetzen:
- Ruhe bewahren.
Geopolitische Ereignisse lösen kurzfristige Bewegungen aus, führen aber selten zu strukturellen Marktverwerfungen. Diversifizierte Portfolios sind grundsätzlich darauf ausgelegt, solche Phasen abzufedern. - Langfristig denken.
Wer für mehrere Jahre investiert, sollte kurzfristige Preissprünge bei Energie oder temporäre Korrekturen einordnen können. Entscheidend für die Wertentwicklung bleiben Produktivität, Innovation und Unternehmensgewinne – nicht die Nachrichtenlage einzelner Wochen. - Chancen erkennen, wenn Märkte überreagieren.
Sollte es zu weiteren Rücksetzern kommen, eröffnen sich erfahrungsgemäß Einstiegsmöglichkeiten. In der Vergangenheit wurden die besten Investments selten in Phasen der Euphorie, sondern in Momenten der Verunsicherung getätigt.
Der Blick nach vorn
Wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Eine schnelle Deeskalation ist ebenso möglich wie eine zwischenzeitliche Verschärfung. Was jedoch verlässlich bleibt, ist die Erfahrung: Die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte haben schon größere Spannungen überstanden und sind resilient daraus hervorgegangen.
Über den Autor:
Johannes Mayr ist Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz.
Oliver Grass, Portfoliomanager der Fürst Fugger Privatbank
Geopolitische Eskalation am Golf: Reaktion ja – Schock nein
Der bewaffnete Konflikt am Persischen Golf ist in diesen Tagen das dominierende Thema in den Nachrichten. Durch ihn entsteht ein Spannungsfeld, denn ihm gegenüber steht nach wie vor der anhaltende Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz (KI), insbesondere in den USA. An den Kapitalmärkten herrscht daher große Verunsicherung. Anleger fragen sich jetzt, ob es sich einfach um eine Phase erhöhter Volatilität handelt oder um eine strukturelle Trendwende.
Für eine vorübergehende Phase spreche, dass die Eskalation nicht völlig überraschend gekommen sei. Die Spannungen hätten sich über Monate aufgebaut und geopolitische Risiken seien in vielen Anlageklassen bereits eingepreist gewesen. Dennoch sind die Reaktionen unmittelbar gewesen: gestiegene Ölpreise, mehr Volatilität und eine begonnene Umschichtung in als sicher geltende Anlagen.
Fundamentaldaten im Hintergrund behalten Gültigkeit
Eine große Sorge gelte dabei einer möglichen längerfristigen Unterbrechung der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Energietransportrouten der Welt. Ihre dauerhafte Blockade hat spürbare Auswirkungen auf Inflation, Zinsen und Konjunktur. Berücksichtigt man jedoch die schnellen militärischen Entwicklungen, ist nicht von einer nachhaltigen Störung der globalen Energieversorgung auszugehen. Nach volatileren Wochen dürfte sich der Fokus wieder stärker auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten richten. Und die sind nach wie vor konstruktiv.
So profitiert die US-Wirtschaft weiterhin von hohen Investitionen im Technologiesektor und der Arbeitsmarkt bleibt stabil, wenn auch strukturell im Wandel. Europa erhält Impulse durch staatliche Investitionsprogramme und die Unternehmensgewinne entwickeln sich insgesamt robust. Europa wirkt als Stabilitäts- und Diversifikationsbaustein. Es ist weniger stark von einzelnen Technologiewerten geprägt und profitiert zunehmend von fiskalischen Investitionsprogrammen.
Im Fokus stehen dabei Infrastruktur, Energie, Industrie und Verteidigung. Eine höhere Europa-Gewichtung wird es Anlegern erlauben, Bewertungsunterschiede zu nutzen, Abhängigkeiten vom US-Technologiesektor zu reduzieren und zyklische Erholungstendenzen abzubilden.
Kurzfristige geopolitische Schocks führen häufig zu Marktübertreibungen. Langfristig dominieren jedoch Wachstum, Produktivität und Unternehmensgewinne die Kursentwicklung. Nach einer Phase erhöhter Volatilität sollten Anleger daher wieder stärker auf die weltwirtschaftlichen Fundamentaldaten achten – insbesondere auf Innovationsdynamik, Investitionstätigkeit und fiskalische Impulse.
Über den Autor:
Oliver Grass ist Portfoliomanager der Fürst Fugger Privatbank.
Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg & CO
Die Eskalation im Nahen Osten hat die Märkte aus dem Tritt gebracht – und sie erinnert daran, wie schnell Geopolitik wieder zum Preistreiber wird. Entscheidend ist jetzt weniger die Schlagzeile als die Frage, ob aus Risiko auch ein realer Angebotsschock wird. Denn davon hängt ab, ob wir nur eine Volatilitätswelle sehen – oder den Beginn eines Inflationsrückschlags.
Nahost-Stresstest: Ölpreisschock und blank liegende Nerven
Die Ereignisse des vergangenen Wochenendes markieren eine Zäsur für die geopolitische Statik im Nahen Osten. Nach dem großangelegten Angriff der USA und Israels auf den Iran, ist die Region in eine neue Eskalationsstufe eingetreten. Irans Vergeltungsschläge gegen US-Stützpunkte sowie Angriffe auf wirtschaftliche Zentren in Dubai, Doha und Bahrain haben die Risikoprämien an den Märkten spürbar erhöht.
An den Aktienmärkten folgt in solchen Phasen meist ein vertrautes Muster: Kursverluste, gefolgt von einer „Flucht in Qualität“. Der Brent-Ölpreis stieg auf knapp 80 US-Dollar – rund zehn Prozent über dem Niveau vom Freitag. Gold und US-Dollar legten als klassische „Safe Havens“ ebenfalls zu. Europäische Aktien eröffneten deutlich schwächer; die Rückgänge von gut zwei Prozent wirken im historischen Vergleich allerdings noch moderat. Besonders unter Druck stehen Branchen, deren Kostenbasis direkt von Energie- und Treibstoffpreisen abhängt – etwa Fluggesellschaften und transportintensive Geschäftsmodelle.
Straße von Hormuz: Das Nadelöhr der Energiesicherheit
Das zentrale makroökonomische Risiko bleibt die Straße von Hormuz. Über diese Route werden rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports abgewickelt. Seit Montagabend ist die Passage laut Angaben der iranischen Revolutionsgarde gesperrt; das US-Militär dementiert diese Aussage allerdings. Iran droht, jedes Schiff unter Beschuss zu nehmen, das versuche, die Meerenge zu passieren. Wie stark die Auswirkungen auf den Weltmarkt ausfallen, wird auch davon abhängen, wie lange eine mögliche Blockade anhält.
Bislang kam es zwar nicht zu gezielten Angriffen auf Öltanker oder die Energieinfrastruktur in der Passage. Dennoch reichen die Zweifel über die Sicherheit der Route, um Reedereien zu Ausweichrouten zu bewegen oder Schiffe in Warteposition zu halten. Eine vollständige Schließung der Straße ist bislang ausgeblieben – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass dem iranischen Militär die Mittel oder die operative Fähigkeit für eine nachhaltige Blockade fehlen.
Der bisherige Ölpreisanstieg löst aus unserer Sicht noch kein globales Krisenszenario aus. Kritisch würde es erst, wenn Brent in Richtung 100 bis 120 US-Dollar steigt und dort bleibt. Dann drohen Zweitrundeneffekte: Inflationsraten könnten wieder anziehen, die Notenbanken würden weniger Spielraum für Lockerungen haben – im Extremfall müssten sie sogar straffen oder Zinssenkungen verschieben. Genau hier liegt der geldpolitische Hebel dieser Krise.
Profiteure und Verlierer: Energie, Verteidigung und zyklische Risiken
Trotz des breiteren Risk-Offs gibt es Sektoren, die sich dem Abwärtsdruck entziehen oder profitieren. Dazu zählen Öl- und Gasproduzenten: Höhere Notierungen verbessern Margen, eine potenzielle Angebotsverknappung stützt die Preissetzungsmacht. Gleichzeitig rücken Rüstungsunternehmen in den Vordergrund. Wo Sicherheitsrisiken steigen, steigen in der Regel auch staatliche Verteidigungsausgaben – das wirkt strukturell unterstützend, nicht nur kurzfristig.
Für Anleger ist entscheidend, in einer Phase dominierender Schlagzeilen die ökonomische Mechanik im Blick zu behalten. Geopolitische Schocks führen historisch häufig zu kräftigen, aber oft nur temporären Korrekturen. Sobald Klarheit über das tatsächliche Ausmaß physischer Versorgungsunterbrechungen bei Öl und Gas besteht, normalisieren sich Risikoprämien meist wieder. Kurzfristig bleibt jedoch Vorsicht bei stark zyklischen, konjunkturabhängigen Branchen angebracht. Gleichzeitig eröffnet Volatilität Handlungsspielraum: Wer Portfolios stabilisieren will, kann gezielt in Sektoren umschichten, die in diesem Umfeld robuster sind oder als Absicherung dienen. Wir setzen daher verstärkt auf Unternehmen aus den Bereichen Sicherheit und Verteidigung.
Fazit: Ruhe bewahren, Risiken sauber steuern
Die Lage im Nahen Osten ist ernst, die humanitären und politischen Folgen sind tiefgreifend. Für die Anlagestrategie gilt dennoch: Ruhe bewahren. Übereilte Verkäufe im fallenden Markt realisieren häufig Verluste, die eine spätere Erholung nicht mehr kompensiert. Sinnvoll ist es, ein diversifiziertes Portfolio beizubehalten und Positionen in Energie und Verteidigung als pragmatische Absicherung gegen geopolitische Risiken zu betrachten – ohne das Gesamtportfolio zu verzerren. Wir beobachten die Lage kontinuierlich, um auf neue Fakten schnell reagieren zu können. Die Erfahrung an den Finanzmärkten ist eindeutig: In Krisen sind Disziplin und ein kühler Kopf oft der entscheidende Renditefaktor.
Über den Autor:
Carsten Klude ist Chefvolkswirt bei der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & CO.