Nachverdichtung Höher, enger, ab in die Gärten

Nachverdichtung: Höher, enger, ab in die Gärten

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Rund 1,5 Millionen Wohnungen könnten bundesweit durch Aufstockung entstehen, hat eine Studie der Technischen Universität (TU) Darmstadt und des Pestel-Instituts aus Hannover ergeben. Und zwar genau dort, wo Wohnraum heute schon knapp und dementsprechend teuer ist: in Großstädten, Ballungsräumen und Universitätsstädten. Allein durch den Aufbau einer Etage auf rund 580.000 Mehrfamilienhäusern aus den Jahren 1950 bis 1990 würden schon 1,12 Millionen Wohnungen entstehen, haben die Forscher berechnet. 420.000 weitere passen auf Gebäude, die vor 1950 gebaut wurden.

Bei der Auswahl der Mehrfamilienhäuser, die für eine Dach-Aufstockung in Frage kommen, wurden Denkmalschutz und Erhalt des Stadtbildes bereits berücksichtigt. Die Forscher gingen bei ihrer Studie zudem von einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 85 Quadratmetern aus. „Das Potenzial ist enorm“, so Architektur-Professor Karsten Tichelmann von der TU Darmstadt. Die Dach-Aufstockung habe viele Vorteile: Es werde kein zusätzliches Bauland gebraucht, die nötige Infrastruktur wie Kanal- oder Versorgungsleitungen sei bereits vorhanden und der Energiebedarf des darunter liegenden Geschosses werde gesenkt. Das spart viel Geld.

Architektin Almut Skriver von Luczak Architekten aus Köln ist trotzdem skeptisch: „Ich wüsste nicht, wie das realisiert werden soll.“ Aufstockungen in der Innenstadt auf kleinen Parzellen von Privateigentümern hält sie für schwierig. „Die Baustellen sind eng, kompliziert und teuer.“ Für ein fünftes Geschoss beispielsweise brauche man laut Baurecht einen Aufzug. Skriver: „Das rechnet sich nur in Top-Lagen und ist für nennenswerte Zuwächse an Wohnraum keine wirtschaftliche Lösung.“

Darum soll auch Vater Staat unterstützen. Matthias Günther, Ökonom vom Pestel-Institut, wünscht sich ein Bundesprogramm Dachaufstockung. Die von der Regierung geplante Sonderabschreibung für Neubau sollte seiner Meinung nach auch für Aufstockungen und Dachausbau gelten. Außerdem sollte das Baurecht gelockert werden – was auch Architektin Skriver fordert. Vor allem die vorgeschriebenen Pkw-Stellplätze sind ihr ein Dorn im Auge: „Die müssen einfach weniger werden.“ In der Stadt Köln beispielsweise heißt es inzwischen: Wenn Sie an einer guten Nahverkehrsanbindung bauen, bekommen Sie einen Abschlag von bis zu 30 Prozent bei den Stellplätzen. Skriver. „Man muss also nur noch 0,7 statt einen Pkw-Stellplatz pro Wohnung nachweisen. Aber die Stadt Bochum etwa verlangt bei einem unserer Projekte satte 1,5 Stellplätze pro Wohnung. Wir müssen darum unter das komplette Gelände eine Tiefgarage bauen.“ Das Skurrile daran: Viele der künftigen Bewohner wollen gar kein eigenes Auto haben und machen lieber Car-Sharing. „Ich denke, es werden in Deutschland zu viele Tiefgaragen gebaut, die sich später nur sehr schwer oder gar nicht umnutzen lassen.“