Nachhaltigkeitsexperte im Interview „Mehr Transparenz bei ESG wird das Marktwachstum stärken“

David Czupryna, Leiter des ESG Development bei Candriam: „Minenkonzerne sind zentral für eine sichere, umweltverträgliche und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft.“

David Czupryna, Leiter des ESG Development bei Candriam: „Minenkonzerne sind zentral für eine sichere, umweltverträgliche und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft.“ Foto: Candriam

Herr Czupryna, vielen Marktbeobachtern ist aufgefallen, dass sich auf ESG ausgerichtete Aktien in Krisenphasen besser halten als der breite Markt. Womit hängt das zusammen?

David Czupryna: Aktien mit starkem Nachhaltigkeitsbezug erfreuen sich in der Tat einer stetig hohen Nachfrage seitens der Investoren. Auch innerhalb einzelner Branchen haben Unternehmen mit besserem ESG-Profil die Unternehmen mit schlechtem ESG-Profil in den Schatten gestellt. Gegen stärkere Kursverluste sind Aktien von Unternehmen, die Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, damit nach unten abgesichert.

Welche Möglichkeiten nutzt Candriam, um Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit zu drängen?

Czupryna: Wir Portfoliomanager, die sich für ein Engagement bei Candriam entschieden haben, setzen sich für den direkten Dialog mit Unternehmen ein. Lassen Sie mich das am Beispiel erklären: Wir haben den Dialog mit BHP Group geführt, einem der weltgrößten Bergbaukonzerne. Der Minenkonzern mit einer Marktkapitalisierung von 40 Milliarden Euro unterstützt und finanziert Lobbygruppen aus der Industrie, die nicht immer auf einer Linie mit dem Pariser Abkommen sind; die Vereinbarung von 195 Vertragsparteien der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit dem Ziel des Klimaschutzes in Nachfolge des Kyoto-Protokolls. BHP Group hingegen hat sich verpflichtet, fest hinter dem im Jahr 2016 in Kraft getretenen Abkommen zu stehen. Unsere Anstrengungen haben sich gelohnt: Wir haben erreicht, dass BHP Group einzelne Lobbygruppen aus der Bergbauindustrie, die konträr zu den Zielen des Pariser Abkommens stehen, vorrangig Gruppierungen aus Australien, nicht mehr finanziert.

BHP hat darüber hinaus angekündigt, über die kommenden Jahre die Kohleförderung zur Stromerzeugung einzustellen. Die Erkenntnis, dass der Klimawandel weiter voranschreitet und verheerende Folgen erwarten lässt, sorgt im Verbund mit der Einflussnahme von engagierten Asset Managern für ein Umdenken.

Was der eine oder andere Anleger nicht weiß: Minenkonzerne sind wichtige Akteure der Energiewende, oder?

Czupryna: Um Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, bedarf es im globalen Rahmen riesiger Mengen von Metallen: Kupfer und Eisenerz aus Brasilien. Lithium und andere Metalle aus Australien und Südamerika. Minenkonzerne sind zentral für eine sichere, umweltverträgliche und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf? Wo haben Sie noch interveniert?

Czupryna: Gleichfalls haben wir bei Teleperformance interveniert, eine französische Gesellschaft, die weltweit Callcenter mit insgesamt mehr als 500.000 Mitarbeitern betreibt. Mehrere NGOs haben darauf hingewiesen, dass die Arbeitsbedingungen mit dem jeweils geltenden Arbeitsrecht nicht immer konform sind. Hier laufen die Gespräche noch. Unser Vertrauen in das ertragsstarke Unternehmen ist hoch. Wir sind der Meinung, dass sich dieses Unternehmen glaubhaft anstrengt, um allen Stakeholdern – NGOs, Gewerkschaften und Anlegern – gerecht zu werden. Mit unserem Dialog wollen wir sicherstellen, dass die Geschäftstätigkeit des Unternehmens beispielhaft bleibt.