Nachhaltige Anlagen Was Anleger bei ESG-Ratings beachten sollten

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Ein weiteres kontrovers diskutiertes Problem der Ratingagenturen ist die Anwendung ein und derselben Methode für die Bewertung von Unternehmen („one size fits all“). Die Folge für das Ergebnis der einzelnen Ratings lässt sich anhand von drei Tendenzen bei der Bewertung von ESG-Investments verdeutlichen:

  • Größere Unternehmen haben potentiell bessere ESG-Ratings als kleinere Unternehmen. Dies liegt vermutlich überwiegend an dem größeren Anteil der zur Verfügung stehenden Ressourcen bei Konzernen, um ESG-Aspekte zu behandeln und zu kommunizieren (dezidierte Corporate Social Responsibility Reports).
  • ESG-Ratings aus dem europäischen Raum fallen in der Regel besser aus als solche aus dem amerikanischen oder asiatischen Raum. Dies liegt aber nicht zwangsläufig an den ESG-Aktivitäten der Unternehmen in diesen Ländern, sondern vermehrt an den höheren Offenlegungspflichten in Europa im Vergleich zu den USA oder Asien.
  • Oftmals ordnen ESG-Ratings gesamten Industrien ein spezielles Risiko zu, anstatt dezidiert auf die einzelnen Unternehmen innerhalb einer Industrie abzustellen. Dies ist irreführend, da nicht alle Unternehmen innerhalb einer Branche demselben Risiko ausgesetzt sind. Die Gefahr dieser standardisierten Vorgehensweise unterstreicht die Notwendigkeit eines maßgeschneiderten und transparenten Ansatzes für den Ratingprozess.

 

Die drei beispielhaft genannten potentiellen Gefahren bei der Anwendung einer standardisierten Methode für die Bewertung von ESG-Aspekten der Ratingagenturen verdeutlichen, wie wichtig die dezidierte Betrachtung der Nachhaltigkeitsaspekte der einzelnen Unternehmen ist, um ein insgesamt qualitativ aussagekräftiges Rating zu generieren.

Ein weiteres Problem der noch vergleichsweise jungen ESG-Ratingindustrie ist der prozentuale Misserfolg bei der Identifizierung von potentiellen Risiken. Dies wird am Beispiel Volkswagen besonders deutlich: Im September 2015 wurde der Dieselskandal um VW publik und die bis dato guten ESG-Werte des Konzerns lagen auch nach dem Bekanntwerden des Skandals weiterhin über dem Durchschnitt der Industrie und erst in Q1 2018 im Durchschnitt des Industriescores (58 Punkte). Dies verdeutlicht die Subjektivität der Ratingagenturen bei der Gewichtung der Bewertungsparameter.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die ESG-Ratingindustrie derzeit mit den Folgen fehlender Objektivität bei der Festlegung der Nachhaltigkeitskriterien ebenso wie mit fehlender Transparenz konfrontiert ist. Nichtsdestotrotz ist der Ansatz, ESG-Investments anhand eines Kriterienkatalogs und einer festgelegten Skala, analog zu den Bond-Ratings zu bewerten, durchaus sinnvoll, um in einem wachsenden Markt an nachhaltigen Investmentprodukten eine Bewertung und Vergleichbarkeit der einzelnen Investments zu ermöglichen. Mit zunehmender Transparenz und Standardisierung der noch frühen Phase der ESG-Ratingindustrie wird ein ESG-Rating zukünftig nicht nur wertvoll, sondern im wachsenden Markt auch unabdingbar sein.


Über die Autorin:

Dr. Pia Lena Karrenbrock ist studierte Betriebswirtin. Sie ist seit 2017 bei der Family Office Bank Marcard, Stein & Co beschäftigt und arbeitet dort im Investment Office.