Focam-Expterten über das Jahr 2012 Aktien sind unverzichtbar

Thorsten Querg, Focam-Vorstand

Thorsten Querg, Focam-Vorstand

„In welche Richtung wir uns auch bewegen, manchmal müssen wir mit dem Wind segeln, und manchmal gegen den Wind. Aber segeln müssen wir, und nicht treiben, noch am Anker liegen.“ (Oliver Wendell Holmes)

Früher hieß es: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Diese Zeiten sind vorerst vorbei. Inzwischen sind die Beine länger geworden und die Entscheidungen und vor allem Nichtentscheidungen der Regierungen müssen laufend berücksichtigt werden, da sie großen Einfluss auf die Marktentwicklung haben. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre zeigten, dass die Aktienmärkte dazu neigen, vor politischen Gipfelbeschlüssen anzusteigen, nur um nach einem Gipfel die aufgelaufenen Gewinne wieder abzugeben. Die eigentliche Unternehmensberichterstattung trat häufig in den Hintergrund.

Das Jahr 2011 war ein Jahr der Schaukelbörse und es war für Aktionäre im Resultat ein negatives Jahr. Der Euro STOXX 50 erlitt 2011 acht zwischenzeitliche Kursstürze von 10% oder mehr. Aber der Index legte im gleichen Zeitraum auch acht Kursanstiege von mindestens +10% auf das Parkett. Dieser permanente Stimmungswechsel zwischen Risikobereitschaft und -aversion zerrte am Nervenkostüm der Anleger. Am Ende von 2011 liegt die Jahresperformance des Euro STOXX 50 bei -18%. Deutschland schnitt mit einem DAX von -15% nicht viel besser als Europa ab. Gleiches gilt für japanische Aktien (Nikkei: -17%), die durch die Katastrophe von Fukushima belastet waren.

Am besten entwickelten sich US-amerikanische Aktien (S&P 500: 0% und Dow Jones Index: +6%) und die Verfechter der Theorie, dass sich alle Märkte im Gleichlauf entwickeln und miteinander verbunden sind (positive Korrelation) sind in diesem Fall zumindest auf dem falschen Fuß erwischt worden. Auf europäischer Branchenebene wurden Investoren mit Bank- (-33%), Rohstoff- (-30%) und Autoaktien (-24%) mit heftigen Verlusten bestraft. Die drei Branchen Pharma (+12%), Nahrungsmittel (+5%) und Energie (+1%) brachten dagegen zumindest ein leichtes Plus ein. Auch im Falle der Sektoren zeigt sich also, dass eine breite Streuung (Diversifikation) und die Vermeidung bestimmter Branchen immer noch sinnvoll ist.

Aktienmärkte der Schwellenländer litten am stärksten unter der Euro-Krise
 
Auffällig war, dass nicht etwa der europäische Markt am meisten unter der Eurokrise und den Rezessionsängsten gelitten hat, sondern die Aktienmärkte der Schwellenländer. Der Preisindex MSCI Emerging Markets hat dieses Jahr 21% verloren. Dies mag überraschen, da diese Länder vis-à-vis der Industrieländer eigentlich in einer komfortablen Ausgangslage sind. Sie weisen weniger Schulden auf, haben oftmals Überschüsse in der Leistungsbilanz und auch die Wirtschaft wächst stärker. Auch die dicken Währungsreservepolster sind ein Pluspunkt der Region.

Doch das Offensichtliche und Modische ist an der Börse nicht immer das Richtige, wie ein Blick auf die Preisentwicklung des vergangenen Jahres zeigt. Bereits in der ersten Jahreshälfte kamen viele Emerging Markets nicht so recht in Schwung, weil die Notenbanken wegen der Überhitzungsanzeichen und der Inflationsprobleme auf die Bremse treten mussten.

Nach dem Investitionshunger in 2009 und 2010, als die Anleger kräftig in die Emerging Markets investiert hatten, hatte sich das Blatt nun gewendet. Die Mittelabflüsse aus den sogenannten Schwellenländern sind in 2011 sogar stärker ausgefallen als im Krisenjahr 2008.

Auch in den anderen wichtigen Anlageklassen konnte man interessante Entwicklungen beobachten: Die Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen fiel von 2,9% zu Jahresbeginn auf 1,7% im September. Der aktuelle Stand ist 1,8%. Der REXP erzielte eine Jahresperformance von +8,3% und das ist das zwölfte Jahr in Folge ein positives Ergebnis. Inzwischen zahlen die Anleger sogar dafür, dass sie dem Bund ihr Geld anvertrauen. Eine komfortable Situation für Deutschland, aber was macht die Regierung daraus?
 
Das sich immer mehr zum Mainstream und Titelbild Investment entwickelnde Gold verteuerte sich in US-Dollar zwar um 10% (in Euro: +14%). Aber wer spät einstieg, den bestrafte die Kursentwicklung, denn Gold und vor allem Silber fielen zwischenzeitlich auch mal sehr deutlich. Rohöl stieg angesichts der politischen Spannungen und des Krieges in Libyen um 9% (in Euro: +12%). Der breite Rohstoffindex CRB-Index lieferte ein negatives Ergebnis von -9% (in Euro: -6%) und hielt sich angesichts der weltwirtschaftlichen Abkühlung noch erstaunlich gut. Negative Ausreißer waren allerdings neben Erdgas (-45%), Weizen (-27%) vor allem die zyklischen Industriemetalle wie Nickel (-26%), Zink (-25%) und Kupfer (- 23%).

>>Vergrößern


Die Staatsschulden- und Bankenkrise in Europa

Die größte Kreditblase seit den 1930er Jahren ist bekanntlich bereits 2008 und nicht erst 2011 geplatzt. Während Unternehmen und private Haushalte seitdem kontinuierlich ihren Verschuldungsgrad reduzieren, sind bei vielen Staaten die Schuldenberge unübersehbar geworden. Die Staaten waren es, die viele Banken vor dem Aus retteten. Heute schwimmen viele Retter von damals selbst verkrampft und mit hektischen Bewegungen. Es stellt sich zunehmend die Frage wer reißt wen mit sich nach unten: die Staaten die Finanzunternehmen oder umgekehrt?

Ins Zentrum des Sturms am Staatsanleihemarkt sind vor allem die europäischen Regierungen gerückt, die nun auch noch über das Gemeinschaftsprojekt Euro ins Stolpern kommen. Ab Mai 2010 stand Griechenland stark im Fadenkreuz. Später nahm der Kapitalmarkt die sogenannten Peripherie Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien ins Visier. Ab etwa Juli 2011 infizierte die Peripherie dann aber auch den Kern Europas. Dies betraf zuletzt vor allem Frankreich, das im November 2011 im 10-Jahres-Bereich 1,9% mehr an Zinsen zahlen musste als Deutschland (zum Vergleich: im Jahr 2007 betrug die 10-Jahres-Zinsdifferenz durchschnittlich 0,07%).
 
Die Staatsschuldenkrise hat sich mit einem enormen Rückkoppelungseffekt auf die europäischen Finanzinstitute übertragen. Da Banken Bestände in Staatsanleihen halten und diese an Wert verlieren, schwindet das Vertrauen in die betroffenen Institute. Die Spreads (d.h. die Zinsunterschiede zur 10-jährigen Bundesanleihe) der europäischen Banken haben sich in Kollektivhaftung mit den Spreads der Euro-Staatsanleihen in 2011 ausgeweitet. Die Prämien für Kreditausfallversicherungen sind für viele europäische Banken inzwischen auf einem höheren Niveau als in der Großen Finanzkrise 2008/2009. Die Bankenrefinanzierung ist damit deutlich schwieriger geworden und in einigen Fällen fast gänzlich ausgetrocknet.

Nach Informationen von Barclays Capital wurden im Zeitraum Juli bis November 2011 nur 17 Milliarden Euro an ungesicherten Bankanleihen emittiert. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es noch 120 Milliarden Euro. Auch misstrauen sich die Banken wieder untereinander und vergeben damit nicht mehr so einfach Geld an andere Institute. Wie soll da der Anleger noch diesen Adressen vertrauen?

Die europäischen Banken müssen zudem nach Angaben der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) 115 Milliarden Euro frisches Kapital aufnehmen, um der Staatsschuldenkrise stand zu halten und ihr Eigenkapital bis Mitte 2012 auf 9% zu erhöhen. Nach Berechnungen von Morgan Stanley müssen europäische Banken in den nächsten eineinhalb Jahren ihre Bilanzen um 1,5 bis 2,5 Billionen Euro verkleinern. Dies dürfte dazu führen, dass Banken eigene Vermögenswerte verkaufen müssen und/oder ihr Neukreditgeschäft einschränken. Dies dürfte ein Belastungsfaktor für die europäische Wirtschaft in 2012 darstellen und könnte zu einer Kreditklemme führen.
 
Die große Gefahr der Kreditklemme wurde gegen Ende des Jahres von der Europäischen Zentralbank (EZB) erkannt. Diese nahm im November und Dezember 2011 den Leitzins auf das Rekordtief von 1,0% zurück, nachdem sie diesen zuvor aufgrund von vermeintlichen Inflationsgefahren in zwei Schritten von 1,0% auf 1,5% angehoben hatte. Bedeutsamer ist jedoch die Entscheidung der EZB, den europäischen Banken unbegrenzt Geld zu günstigen Konditionen auszuleihen. Am 21. Dezember 2011 hat die EZB mehr als 500 europäischen Banken 489 Milliarden Euro ausgeliehen. Die Kredite laufen für einen Zeitraum von drei Jahren und der Zins dafür liegt bei 1,0%, was dem aktuellen Leitzins entspricht.

Dies ist das erste Mal in der Geschichte der EZB, dass sie Banken Liquidität mit einer so langen Laufzeit leiht. Die EZB erachtete diesen Schritt für notwendig, da die europäischen Banken im Jahr 2012 ein Refinanzierungsvolumen von 725 Milliarden Euro zu stemmen hätten (d.h. Rückzahlung und Verlängerung von Schulden). Diese Summe ist sehr hoch in einem Umfeld, bei dem sich die Institute gegenseitig misstrauen und der Markt für Bankanleihen (mit denen die Häuser Fremdkapital aufnehmen) fast ausgetrocknet ist. Erneut standen einige Finanzunternehmen am Abgrund.

Wie sieht in diesem schwierigen Umfeld die nähere Zukunft Europas aus? Mit dem letzten EU-Gipfel Anfang Dezember scheint es mit steigendem Tempo in Richtung Fiskalunion zu gehen.

Der Rettungsschirm bleibt länger aufgespannt, Eurobonds wird es auf Wunsch der deutschen Regierung zunächst nicht geben und verschuldete Staaten sollen Teile ihres Hoheitsrechtes über den Staatshaushalt bei Budgetüberschreitungen an die EU abtreten. Im März 2012 soll dann analysiert werden, ob die Volumina für die European Financial Stability Facility (EFSF) und den European Stability Mechanism (ESM) reichen oder ob weiter aufgestockt werden muss. Den Weg aus der Krise soll eine strikte und formalisierte Haushaltsdisziplin ebnen. Damit erhofft man sich, das Vertrauen der Märkte sukzessive zurückzugewinnen.

Großbritanniens Veto ist ein Problem

Großbritanniens Veto gegen die Schaffung einer Fiskalunion stellt ein Problem dar, da ein einstimmiges Votum aller 27 Mitgliedsländer (inklusive Großbritannien) notwendig wäre, um die EU-Verträge anzupassen. Eine vereinfachte Version der Fiskalunion soll daher als zwischenstaatliche Übereinkunft der 17 Mitglieder der Eurozone realisiert und spätestens im März 2012 unterzeichnet werden.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat im Dezember angekündigt, die Kreditwürdigkeit in der Eurozone auf eine Herabstufung hin zu prüfen: Fünfzehn Mitglieder der Währungsunion wurden auf den Status “Creditwatch negative“ gesetzt. Damit ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% bis in drei Monaten mit einer Herabstufung zu rechnen. Stuft S&P die Staaten der Eurozone herab, verkleinert sich der Kreis der Triple-A-Emittenten von sechzehn auf zehn: Australien, Dänemark, Großbritannien, Hongkong, Kanada, Liechtenstein, Norwegen, Schweden, Schweiz und Singapur. Inzwischen hat S&P die Zahl vermeintlich sicherer Häfen weiter reduziert.

Eurozone in der Rezession, USA robust und Schwellenländer kühlen ab
 
In der Eurozone sind die Auftragseingänge in der Industrie im September gegenüber dem Vormonat um 6,2% eingebrochen. Dies ist der stärkste Rückgang seit Dezember 2008, als Europa mitten in einer Rezession steckte. Der Einkaufsmanagerindex der Eurozone befindet sich bereits seit vier Monaten unterhalb der kritischen Marke von 50, was auf eine Wirtschaftskontraktion hindeutet. Der „OECD Leading Indikator“ ist im Oktober 2011 zum zehnten Mal in Folge gefallen. Während die aus 17 Ländern bestehende Eurozone noch im dritten Quartal 2011 mit 0,2% gegenüber dem Vorquartal wachsen konnte, erwartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihren jüngsten Prognosen, dass die Wirtschaftskraft im 4. Quartal 2011 um 1% fallen wird. Im 1. Quartal 2012 rechnet die OECD dann nochmals mit einer Schrumpfung um 0,4%.

Für die globale Konjunktur erwartet die OECD ein Wachstum in 2012 von noch 3,4% nach 3,8% im Jahr 2011. In zwei Dritteln der zwanzig wichtigsten Staaten befinden sich die Einkaufsmanagerindizes allerdings bereits unter der wichtigen Marke von 50. Die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, beweist zuletzt immerhin Widerstandskraft. Der US-amerikanische Einkaufsmanagerindex für das produzierende Gewerbe war im November 2011 sogar der weltweit höchste. Es sinken die Erstanträge für Arbeitslosenhilfe (in einer Rezession steigen diese wöchentlich erhobenen Daten normalerweise an). Zudem fallen die publizierten Konjunkturdaten seit Mitte 2011 im Durchschnitt besser aus als die Erwartungen (ablesbar am steigenden Citigroup US Economic Surprise Index).

Leider wächst die US-Wirtschaft noch nicht so stark, dass die Arbeitslosenquote deutlicher zurückgeht. In 2011 schuf die US-Wirtschaft von Januar bis November netto 1,7 Millionen Stellen (durchschnittlich 155.000 pro Monat). Das ist zu wenig und deckt sich nur mit dem Zuwachs der Erwerbsbevölkerung. Von den in der Großen Finanzkrise 2008/2009 verlorenen 8,8 Millionen Jobs sind bis heute erst wieder 3 Millionen neue Stellen geschaffen worden.

Wie sieht es in den Wachstumsregionen dieser Welt aus? Die Schwellenländer verzeichnen im Schnitt eine Wachstumsverlangsamung. Der Index für die Tätigkeit im produzierenden Gewerbe ist in China erstmalig seit 2009 im Kontraktionsbereich. In Brasilien stagnierte das BIP-Wachstum im 3. Quartal. In Indien fällt die BIP-Wachstumsrate seit dem 1. Quartal 2010 kontinuierlich und liegt inzwischen bei „nur noch“ 6,9% (zum Vergleich: Q1 2010: +9,4%). Solange die Wachstumsdynamik jedoch nicht drastischer einbricht, dürften die Schwellenländer weiterhin einen Großteil des globalen Wirtschaftswachstums stemmen. Ein positiver Nebeneffekt der Verlangsamung des Wachstums ist, dass die Inflationsraten in diesen Regionen seit dem Sommer zurückgehen und sich folglich die Geldpolitik nicht mehr restriktiv verhalten muss.
 
Unser Fazit lautet: Die Eurozone befindet sich offenbar bereits in einer Rezession. Die USA erweisen sich derzeit als relativer Stabilitätspol in einer sich verlangsamenden Weltwirtschaft. Die Schwellenländer dürften auch in 2012 einen deutlichen Wachstumsanteil am weltweiten BIP auf sich vereinnahmen.

Sind US-Aktien aktuell teuer oder billig? Die Grafik 1 auf der folgenden Seite gibt darüber Auskunft, wie sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) darstellt. Demnach beträgt das KGV aktuell 13,8. Dies liegt geringfügig unter dem langfristigen Durchschnitt von 15,0. Das Problem in dieser Berechnungsform wird offensichtlich, wenn man sich das KGV von über 120 betrachtet, welches im Frühjahr 2009 erreicht wurde. Der Grund dafür liegt an dem Verlust im 4. Quartal 2008 (-23,25 US-Dollar). Wegen der kollabierten Gewinne in der zweiten Hälfte von 2008 ergab sich dann das astronomisch hohe KGV. Dies machte jedoch wenig ökonomischen Sinn. In 1999 vor dem Platzen der Technologie-Blase erreichte das KGV einen Wert von 34. Zwei Jahre später betrug es dann 47. Warum? Auch hier waren die Gewinne wieder schneller gefallen als die Kurse.

Nach diesen Erläuterungen dürften die Schwachstellen dieses Bewertungsmodells klar geworden sein. Ein hohes oder tiefes KGV bietet nicht genügend Hinweise darauf, ob Aktien zum jeweiligen Zeitpunkt kaufenswert sind. Bereits die beiden legendären Investoren Benjamin Graham und David L. Dodd („Security Analysis“) wiesen auf das merkwürdige Verhalten und die immanente Schwäche des auf dieser Basis berechneten KGV’s hin. Sie schlugen daher vor, mit Durchschnittsgewinnen von fünf oder sieben Jahren zu rechnen. Im rechten Teil der Darstellung ist deshalb zusätzlich die Bewertung des US-Aktienmarktes seit 1871 auf Basis des Durchschnittsgewinns über die letzten zehn Jahre aufgezeigt. Demnach beträgt das KGV aktuell 20,4. Dies liegt etwa 24% über dem langfristigen Durchschnitt von 16,4. Fazit: Werden diese beiden Modelle herangezogen, sind US-Aktien nach dem ersten Modell leicht unterbewertet und nach dem zweiten (eher relevanten) Modell als über dem Durchschnitt bewertet zu bezeichnen. Entscheidend ist daher sich die Werte in die man investieren möchte auch genau anzusehen und dies gilt nicht nur für amerikanische Unternehmen.


>>Vergrößern


Wirtschaftszyklus

 
Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs fanden elf Rezessionen in den USA statt. Das bedeutet, dass etwa alle fünfeinhalb Jahre eine Rezession zu verzeichnen ist. In den boomenden 1990er Jahren kam es lediglich zu einer Rezession, in der vergangenen Dekade lag man mit zwei Rezessionen (2001 und 2008/2009) im Durchschnitt. In der Vorkriegshistorie war es jedoch üblich, dass Amerika durchschnittlich etwa alle drei Jahre eine Rezession verzeichnete. Aufgrund der massiven Interventionen seitens der Staaten und der zunehmenden Schwankungsbreite an den Finanzmärkten ist davon auszugehen, dass die Wirtschafszyklen kürzer werden und eher denen der Vorkriegsgeschichte entsprechen.

>>Vergrößern


Die letzte US-Rezession endete im Juli 2009, also vor zweieinhalb Jahren. Würde der jetzige Konjunkturaufschwung den Erfahrungen vor dem zweiten Weltkrieg entsprechen, könnte dieser bereits nach drei Jahren, also im Sommer 2012 auslaufen. Verschärft sich die Krise in der Eurozone, dürfte sich die Weltwirtschaft bis dahin angesteckt haben.

Anlagenotstand

Die aufkommende Euro-Panik führte in der zweiten Jahreshälfte zu einer Zuflucht in die wenigen verbliebenen Sicherheitshäfen. Gefragt waren Staatsanleihen der Bundesrepublik Seite 7 von 8
Deutschland und der USA sowie Gold, aber auch Währungen wie Schweizer Franken und Japanischer Yen.

Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen reduzierte sich zwischenzeitlich auf ein Rekord-Tief von 1,67%, nochmals deutlich tiefer als das Tief von 2,89% in der letzten Großen Finanzkrise 2008/2009. Die aktuelle europäische Inflationsrate liegt bei 3,0% (November 2011). Bleiben die Renditen so niedrig und die Geldentwertung auf diesem Niveau, verlieren Anleger damit in den nächsten Jahren und das bereits vor Steuern! Es reicht dann ein minimaler Renditeanstieg von absolut 0,23% in einem Jahr, um durch Kursverlust den Kupon vollständig aufzuzehren. Bei einem Renditeanstieg von 1% in einem Jahr ist mit einem Gesamtverlust von -6,0% zu rechnen. Diese Szenarioanalyse lässt sich aber auch in die andere Richtung anstellen. Fällt der deutsche Zehnjahreszins in Richtung deflationäre japanische Verhältnisse (derzeit 0,99%), so ergibt die gleiche Bundesanleihe einen Gesamtertrag von +9,0%.

Aktuell müssen Anleger der Bundesschuldenverwaltung der Bundesrepublik Deutschland sogar dafür bezahlen, damit diese ihr Geld für drei, sechs oder zwölf Monate aufbewahrt. So muss ein Anleger für die 0% Bundesschatzanweisung 14.03.2012 an der Börse aktuell 100,11% bezahlen, obwohl dieser am Laufzeitende in zweieinhalb Monaten nur 100% zurückbekommt (Rendite: -0,56%).

Wie ist es aber, wenn man sein Geld auf dem Konto einer Bank parkt? Ist das sicher? Ganz so einfach ist die Antwort für große Vermögen nicht, denn die Bank könnte schlimmstenfalls pleite gehen oder die Inflation frisst die Erträge der Anlagen über die Zeit komplett auf. Als weiteres Risiko existiert jenes einer Währungsreform. Zur Erinnerung: Ein im Jahr 1921 in Leipzig geborener und noch heute lebender Deutscher hat bisher sechs Währungen miterlebt; im Durchschnitt wechselte sein Zahlungsmittel damit alle 15 Jahre.

Eines Tages könnten deutliche Verluste bei länger laufenden Bundesanleihen drohen. Wie zuletzt 1994 wird dann wieder das Wort „Renten Crash“ die Runde machen. Wir bevorzugen daher weiterhin kürzere Laufzeiten und vor allem Unternehmensanleihen.

Ausblick

In den nächsten Jahren müssten viele Industriestaaten ihre Schuldenstände deutlich reduzieren. Stark betroffene Staaten könnten auf ein breites Reservoir von finanziellen Repressionsmaßnahmen zurückgreifen. Droht möglicherweise ein forcierter Zwangskauf von Staatsanleihen? Kapitalsammelstellen wie Banken, Pensionsfonds und Versicherungen könnten zum Kauf gezwungen werden. Andere Maßnahmen sind Zinsobergrenzen für Bankeinlagen oder Kapitalverkehrskontrollen. Die Anlage in Edelmetallen könnte in hochverschuldeten Staaten sogar verboten werden und Immobilienbesitz deutlich höher besteuert werden. Dafür gibt es in der Historie genügend Beispiele. Wir halten dieses Szenario allerdings aktuell für unwahrscheinlich.

Auch die vom freien Kapitalmarkt hervorgerufene Kopplung von Zins und Inflation könnte auf mehrere Jahre außer Kraft gesetzt sein. Eigentlich sollte der Zinssatz über der Inflation liegen, sonst droht realer Kapitalverzehr. Dies ist aktuell z.B. in Deutschland nicht mehr der Fall. In der Historie gab es dies schon einmal. Zwischen 1945 und 1980 lag in den Industrieländern der Zins in der Hälfte der Jahre unter der Inflationsrate. Ist das ein gangbarer Weg aus der Verschuldung?

Die Eurozone scheint nach dem EU-Gipfel im Dezember 2011 nicht mehr so stark wie zuvor in einer „politischen Pattsituation“ gefangen zu sein. Eine umfassende politische Neuordnung in Europa Richtung Fiskalunion scheint auf den Weg gebracht worden zu sein. 2012 wird das Jahr, wo die Gipfelbeschlüsse vom Dezember konkretisiert und letztlich umgesetzt werden müssen. Ob dies gelingt, lässt sich unseres Erachtens leider noch nicht sagen.

Die beiden extremen Szenarien - Abschaffung des Euro oder Herausfallen einzelner Länder aus der Eurozone - könnten noch Wirklichkeit werden. Die Auswirkungen der weiteren Entwicklung Europas auf die Kapitalmärkte sind schwer abschätzbar. Die Eurokrise und die konjunkturelle Eintrübung werden uns in diesem Jahr beschäftigen. Die europäischen Staaten werden ihre Budgetdefizite drastisch senken und eine restriktive Fiskalpolitik verfolgen müssen. Ob die Privatwirtschaft dann noch in der Lage ist, die fehlende Nachfrage des öffentlichen Sektors auszugleichen, muss sich erst zeigen. Erschwerend hinzu kommt die Bilanzsanierung vieler europäischer Banken.

In diesem instabilen Umfeld weisen Aktien trotz hoher Schwankungen einen Realwertcharakter auf und deshalb ist diese Anlageklasse unverzichtbar. Für Aktien spricht außerdem, dass die derzeit soliden Bilanzen der Nichtfinanzunternehmen hohe Liquiditätsreserven aufweisen. In Europa sind Aktien zudem günstiger bewertet als in den USA. Der Euro STOXX 50 hat aktuell eine Dividendenrendite von 5,1%.

Bei der Aktienselektion sollten allerdings nur Titel berücksichtigt werden, die harte Kriterien bezüglich Bilanzsolidität, Cashflow-Fähigkeit und Dividende erfüllen. In Bezug auf Gewinnausschüttungen ist bemerkenswert, dass in den letzten vier Jahrzehnten ungefähr 40% der Gesamtperformance nur über die Dividendenzahlungen generiert wurden. Zur Einschätzung der genannten „harten“, an Zahlen messbaren, Kriterien müssen unternehmens-individuell die Marktstellung, die Innovationskraft und die Managementqualität überprüft werden. Als wichtigster Filter bleibt am Ende die Bewertung. Auch das beste Qualitätsunternehmen nützt dem Investor nichts, wenn es zu teuer eingekauft wurde. Dies gilt natürlich für alle sogenannten „Sachwerte“.

Das Denken in Szenarien ist im Investmentprozess als wichtiger Baustein zu integrieren. Droht eine Deflation, dann sind Nominalwerte gefragt, also z.B. Festgelder bei solventen Banken und erstklassige Anleihen. Umgekehrt dürften in einem inflationären Szenario Realwerte wie Gold, Immobilien, Rohstoffe, Qualitätsaktien und inflationsgeschützte Anleihen gefragt sein. Da weiter ungewiss ist, wohin die Reise geht, sollten Anlagekategorien beider Szenarien mit unterschiedlicher Gewichtung Bestandteil eines Portfolios sein.

Wenn dieses Denken von unserer Seite auch nicht neu ist und wir mit diesem Anlagestil temporäre Verluste im schwierigen vergangenen Jahr nicht gänzlich ausschließen konnten, der Fokus auf ein breit gestreutes Portfolio aus attraktiven Anleihen und Sachwerten bleibt das oberste Gebot.

Autoren: Christian Kempe und Thorsten Querg