Nach Donald Trump, Kylie Jenner und Co. Forbes nimmt sich Möchtegern-Milliardär zur Brust

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Forbes nimmt sich Möchtegern-Milliardär zur Brust
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Steve Forbes (li.), kann stolz auf seine Mitarbeiter sein

Steve Forbes (li.), kann stolz auf seine Mitarbeiter sein: Nach Kylie Jenner, Donald Trump und weiteren, wurde nun auch einem besonders dreistem Geschäftsmann aus Hongkong ein Platz in der Forbes-Liste verwehrt. Foto: Imago Images / Upi Photo / Media Punch / Zuma Wire

Calvin Lo ist nach eigenen Angaben Chef der Lebensversicherungsmaklerfirma seiner Familie, R.E. Lee International, spezialisiert auf wohlhabende Kunden. Wohlhabend ist Lo selbst auch, deshalb würde er gerne in einem Zungenschlag mit Warren Buffett, Barnard Arnault, Elon Musk und Co. genannt werden. Gut möglich ist das, über die jährlich erscheinende Forbes-Liste. Lo weiß das, versucht deshalb seit Jahren, einen Platz darauf zu ergattern und ist dabei extrem dreist,  wie das US-Magazin jetzt berichtete.

Demnach bestellt Lo einen Redakteur von Forbes in seine Firmenräume, um die Liste der Milliardäre der Welt zu besprechen. Er sei „neugierig“, wie andere Milliardäre in Asien die Rangliste sehen, erklärte, er stecke in einem "Dilemma", ob er Forbes zusätzliche Unterlagen über seinen Reichtum zur Verfügung stellen solle, damit er in die Liste aufgenommen werden könne. Ältere, traditionellere Tycoons wollten ihre Privatsphäre bewahren, erklärte er laut Forbes, während die Reichen der zweiten und dritten Generation offener seien, und einige, die er kenne, hätten ihn ermutigt, in die Liste aufgenommen zu werden.  Er wies zudem darauf hin, dass die Aufnahme in die Liste seiner Meinung nach gut für sein Hauptgeschäft wäre: den Verkauf von Versicherungspolicen an sehr vermögende Personen.

Der Forbes-Redakteur wurde zurecht misstrauisch. Mittlerweile steht fest, dass Lo´s Dilemma ein ganz anderes ist. Er ist einfach nicht wohlhabend genug, um aufgenommen zu werden, will dies aber anscheinend nicht akzeptieren. Zum Zeitpunkt des Treffens mit dem Redakteur hatte er laut Forbes bereits mehr als zwei Jahre damit verbracht, sich in die Liste zu mogeln. Seit 2020 haben sich mindestens sieben Personen bei mehr als 20 Gelegenheiten an elf verschiedene Forbes-Reporter gewandt.

Sie stellten ihn als den „unauffälligsten Milliardärs-Philanthropen“ und als den „privatesten und schwer fassbaren Milliardärs-Investor der Welt“ vor, schickten mehr als ein Dutzend Dokumente, von denen einige mit dem Stempel PRIVAT UND VERTRAULICH versehen waren, die angeblich für seinen Ruf und seinen Reichtum bürgten.

Zunächst nahmen die Verantwortlichen bei Forbes das alles nicht allzu ernst. Der Grund: Jedes Jahr versuchen erstaunlich viele Menschen, sich auf die Milliardärsliste zu mogeln. Doch das Werben war hartnäckig, und im Laufe der Zeit erschienen in einer Reihe von Medien wie BBC, CNBC, Daily Express, Daily Mirror, Financial Times, Independent, Nikkei Asia, Reuters und South China Morning Post Artikel, in denen Lo als Milliardär bezeichnet wurde und seine Ansichten über alles Mögliche, von Champagner bis zu Kryptowährungen, dargestellt wurden. In vielen dieser Artikel wurde Forbes als Quelle genannt, und einer von Lo's Publizisten schickte E-Mails, in denen er behauptete, er stehe auf der Forbes-Milliardärsliste.

 

 

 

Auf der Website von Forbes Middle East, einer unabhängigen Lizenzausgabe des US-Magazins, war sogar ein Artikel erschienen, in dem er als Milliardär bezeichnet wurde. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Artikel um ein bezahltes "Advertorial" von Lo's Team handelte, es wurde umgehend entfernt. Das brachte für die Verantwortlichen von Forbes das Fass zum überlaufen. Lo stand nie auf der Liste und die Zeit war gekommen, das richtig zu stellen.

Es folgte eine fast einjährige Recherche, in deren Verlauf Forbes-Reporter mit mindestens 40 Personen in sechs Ländern sprach und Hunderte von Seiten an Dokumenten durchforstete, um die Fakten über Lo – die nur sehr spärlich vorhanden waren – von der Fiktion über Lo zu trennen.

Und fiktiv, so Forbes, ist sehr viel in Lo´s Lebenslauf: Lo soll nach eigenen Angaben CEO und Eigentümer von R.E. Lee International, dem „weltweit größten Lebensversicherungsmakler" mit einem Prämienvolumen von rund einer Milliarde US-Dollar, und als Gründer von R.E. Lee Capital, einem Vermögensverwalter mit einem Vermögen von 8 bis 10 Milliarden US-Dollar – je nach Pressemitteilung – sein. Er wird als in Harvard ausgebildeter Investor beschrieben, der 2018 über sein persönliches Investmentvehikel R.E. Lee Octagon 1,2 Milliarden Dollar für den Kauf des Fünf-Sterne-Hotels Mandarin Oriental in Taipeh, Taiwan, gezahlt hat, als Philanthrop, der eine Wohltätigkeitsstiftung in Höhe von 250 Millionen Dollar gegründet hat, und als Besitzer eines halben Dutzends von Häusern auf der ganzen Welt. Außerdem soll er Asiens größter Investor und Sammler von Champagner und einer der ersten Besitzer eines Gulfstream G650 Privatjets in Asien sein. Zudem ist er ein Investor des legendären Williams-Formel-1-Rennstalls.

Für die meisten dieser Behauptungen konnten die Rechercheure von Forbes keine belastbaren Beweise finden. Andere sind schlichtweg gelogen. Er hat beispielsweise keinen Anteil am F1-Rennstall. Ein Sprecher von Kai Tai Fung International, dem Eigentümer des Mandarin Oriental, Taipeh, erklärte gegenüber Forbes, dass es 2019 Gespräche mit Lo geführt habe, der Verkauf aber nicht zustande gekommen sei: „Es gibt bis heute keine Übernahmen von Mandarin Oriental, Taipeh von irgendeiner Seite." Seine Häuser gehören laut den von ihm angegebenen Adressen entweder seinen Eltern oder anderen Personen. Harvard bestätigte gegenüber Forbes, dass es keine Aufzeichnungen über einen HBS-Absolventen mit diesem Namen gibt.

Weder seine wohltätige Stiftung noch R.E. Lee Octagon scheinen zu existieren, und R.E. Lee Capital stellte klar, dass Lo zwar der Sohn eines nicht geschäftsführenden Kapitalgebers des Unternehmens ist, dass aber die Beteiligung seiner Mutter Regina Lee an dem Unternehmen, dessen Vorsitzende sie ist „nicht als eine Verbindung zwischen Herrn Lo und unserem Unternehmen missverstanden werden sollte“. R.E. Lee Capital bestätigte gegenüber Forbes auch, dass das Unternehmen nicht annähernd die angeblichen 8 bis 10 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen besitzt.

Den Wert von Lo's Versicherungsgeschäft schätzt Forbes abschließend auf etwa 60 Millionen Dollar. Zweifellos ist die Familie von Lo wohlhabend, aber bei weitem nicht in dem Rahmen, wie er behauptet. Insgesamt schätzt Forbes, dass Lo und seine Eltern weniger als 200 Millionen Dollar besitzen – zusammen.

 

 

 

Forbes schickte wegen all der Ungereimtheiten eine Liste von Fragen an Lo und seine Mutter mit der Bitte um Stellungnahme. Als Antwort kam das Schreiben einer Anwaltskanzlei, in dem es heißt: „Alle Unterstellungen, dass unser Mandant unehrlich, unwahrhaftig oder anderweitig unethisch gewesen sei, werden hiermit von ihm kategorisch zurückgewiesen.“

Das US-Magazin zeigt sich davon gänzlich unbeeindruckt, schreibt, das Lo nicht der erste ist, der Forbes über die Größe seines Vermögens belügt. Zu den prominenten Finanzfabulisten gehören demnach Ex-US-Präsident Donald Trump und Reality-TV-Star Kylie Jenner.

Dennoch sticht Lo laut Forbes durch die Dreistigkeit seiner Behauptungen und die Mühe, die er sich gemacht hat, hervor. Dazu gehört nicht nur die Beauftragung von PR-Firmen und einer Reihe von Anwälten, um seine Unwahrheiten aufrechtzuerhalten, sondern wahrscheinlich auch die Fälschung von Finanzunterlagen und die Manipulation eines Fotos.

Bei PWC ist Herr Lo gar nicht als Kunde registriert

Forbes-Redakteure fanden es merkwürdig, dass Lo, ein kanadischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Hongkong vier thailändische Anwaltskanzleien beauftragt hat, für sein Vermögen zu bürgen. Auf die Frage, warum er dies tat, erklärte Lo, dass diese Anwälte bereits Zugang zu seinen Finanzen hatten, weil er in Thailand ein geheimes Geschäft aushandelte. Zwei der Kanzleien schickten im März 2020 und März 2021 Briefe an Forbes, in denen sie sein Milliardenvermögen bescheinigten. Die beiden anderen Firmen legten in diesem Frühjahr nach und behaupteten, er habe ein noch viel größeres Vermögen.

Alle vier Firmen gaben auf Nachfrage von Forbes zu, dass sie sich vollständig auf die von Lo vorgelegten Finanzberichte verließen. Keine der Kanzleien setzte sich mit den Wirtschaftsprüfern in Verbindung oder unternahm irgendwelche Schritte, um die Behauptungen ihres Mandanten unabhängig zu überprüfen. Zwei der Kanzleien gewährten Forbes Einblicke in die Finanzberichte, die Einzelheiten über die Aufschlüsselung seines Nettovermögens und seiner gemeinnützigen Stiftung, der CFL Initiative, Global, enthielten. Keiner erlaubt den Forbes-Redakteuren, Kopien der Dokumente anzufertigen.

Forbes versuchte daraufhin, die Informationen bei den Wirtschaftsprüfern zu bestätigen – ohne Erfolg. Ein Direktor von Longmeade Consult, das in Großbritannien ansässig ist und angeblich die Finanzen von Lo's Stiftung abzeichnete, sagt, dass seine Firma in keiner Weise mit Lo in Verbindung steht und dass er noch nie von einer Wohltätigkeitsorganisation namens CFL Initiative, Global gehört hat.

Merkwürdiger ist zudem, dass die Person, die als Geschäftsführer der Stiftung angegeben ist, ebenfalls noch nie von der Stiftung gehört hat. Die Erklärung, die die Anwälte Forbes vorlegten, enthielt eine eingetragene Wohltätigkeitsnummer und eine eingetragene Unternehmensnummer. Die Wohltätigkeitsnummer gehört zu einer religiösen Organisation, die nicht mit Lo verbunden ist. Die Firmennummer ist ungültig. PWC Hongkong, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die angeblich einen unabhängigen Prüfbericht über die Gesamtfinanzlage von Lo erstellt hatte, erklärte, dass Lo nicht zu ihren Kunden gehört. 

Champagner und Autos

Einer von Lo's Vertretern sagte, er habe eine Champagner-Sammlung im Wert von etwa einer Viertelmilliarde Dollar. „Ich glaube nicht, dass über 100 Millionen Dollar machbar sind. Ich halte das für unwahrscheinlich“, sagt Tim Triptree, Internationaler Direktor für Wein und Spirituosen bei Christie's in London gegenüber Forbes, und fügt hinzu, dass er in seinen 18 Jahren im Auktionshaus noch nie eine auch nur annähernd so wertvolle Weinsammlung gesehen hat.

Lo gab zudem an, dass er einen Pagani Huayra BC und andere Sportwagen besitzt. Forbes-Rechercheure fanden ein Foto von Lo, das ihn neben einem Pagani Huayra Tempesta zeigt. Das Foto wurde Berichten zufolge von einem ungenannten Leser des in Hongkong ansässigen Ming Pao Weekly Magazins geschossen und erschien 2018 in Ming Pao, Entrepreneur und Money Digest. Die Mitarbeiter von Forbes fanden genau dasselbe Foto ohne Lo. Gemacht hat es Robin Adams für eine Sotheby's-Auktion im Jahr 2017. Der Fotograf erklärte gegenüber Forbes, dass das Bild "offensichtlich" verändert und ohne Genehmigung verwendet wurde.

 

 

 

Als Forbes Lo die Erkenntnisse mitteilte, einschließlich der Tatsache, dass er kein Milliardär ist, behauptete er, das Interesse verloren zu haben. „Mr. Lo zieht es vor, von den von Forbes veröffentlichten Vermögensrankings ausgeschlossen zu werden“, schrieb sein PR-Vertreter, „Außerdem möchte er klarstellen, dass er nicht wünscht, in Forbes erwähnt zu werden.“

Auf die Frage, warum Lo sich die Mühe macht, sein Vermögen zu übertreiben, gab er laut Forbes bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen Hinweis: „Wenn ich jemanden suchen würde, der diese [Finanz-]Dienstleistungen anbietet, würde ich wollen, dass diese Person erfolgreich ist.“

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