Mythen im Faktencheck Die Welt der Nachhaltigkeits-ETFs erklärt

Juergen Fritzen ist einer der drei Geschäftsführer von Crossflow Financial Advisors.

Juergen Fritzen ist einer der drei Geschäftsführer von Crossflow Financial Advisors. Foto: Andreas Gebert

Nachhaltige Anlagekonzepte sind sowohl bei klassischen Fonds, als auch bei ETFs schon lange keine Produktinnovation mehr. Neu ist allerdings, dass sie voll im Trend liegen und Investoren sie mehr denn je nachfragen. Insbesondere die Planungen der EU-Kommission im Bereich Sustainability Finance dürften das Interesse angekurbelt haben.

ESG-ETFs (Environment, Social, Governance) konnten davon profitieren und verdreifachten ihr Anlagevolumen seit Anfang vergangenen Jahres auf nunmehr 34 Milliarden Euro. Aufmerksame ETF-Anbieter hatten die Zeichen der Zeit erkannt und reagierten mit zahlreichen Neuemissionen und umfangreichen Marketing-Aktionen. Inzwischen können Anleger aus einem Produktangebot von 174 Aktien- und 62 Anleihen-ETFs mit ESG-Ansatz wählen.

Komplexität bei der ETF-Auswahl

Eine große Produktvielfalt ist für Investoren grundsätzlich ein Vorteil. Allerdings wird dadurch auch die Suche und Selektion nach einem sinnvollen Indexkonzept und dem dazu passenden ETF zunehmend komplexer.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Emittenten bei der Namensgebung ihrer Produktlinien dazu tendieren, etablierte Begrifflichkeiten für zum Teil völlig unterschiedliche Indexstrategien zu verwenden. So gibt es alleine vom führenden Indexanbieter MSCI zehn unterschiedliche ESG-Konzepte auf den kapitalgewichteten Benchmark-Index MSCI World, die von diversen ETFs abgebildet werden. Dem interessierten Investor stellt sich nun die Frage, wie die einzelnen Indexkonzepte funktionieren und auf welche wichtigen Charaktereigenschaften man bei der Produktauswahl achten sollte.

Neben der Undurchsichtigkeit des ETF-Angebots gibt es weitere generelle Kritikpunkte an ESG-Investments. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die Einschränkung des Anlageuniversums durch den Ausschluss von Unternehmen, die mit unterschiedlicher Intensität in kontroversen Geschäftsfelder tätig sind. Diese sogenannte Exclusion führt nach Ansicht vieler Investoren zu einer Verschlechterung der Rendite und/oder des Risikos im Vergleich zum breiteren Benchmark-Index. Darüber hinaus würde sich durch den Ausschluss bestimmter Geschäftsbereiche auch die Länder- oder Branchenkonzentration erhöhen.

Große Unterschiede bei den ESG-Scores

Bemerkenswert ist auch der Vorbehalt einiger Kritiker, dass mit einem ESG-Stempel deklarierte Unternehmen nicht unbedingt nachhaltige Kriterien erfüllen müssen. Begründet wird diese These mit der großen Divergenz der ESG-Scores einschlägiger Rating-Agenturen. Danach werden Nachhaltigkeitskriterien in den Bewertungsmodellen unterschiedlich kategorisiert und gewichtet. Zum Beispiel können Kernkraftwerke als nachhaltig eingestuft werden, weil sie CO2 neutralen Strom produzieren. Selbst eine Greta Thunberg spricht sich deshalb für die Nutzung der Atomkraft aus. Ob die damaligen Umweltaktivisten in Wackersdorf diese Einschätzung geteilt hätten, darf auch heute noch bezweifelt werden.

In diesem Artikel werden wir die genannten Kritikpunkte analysieren und ihre Aussagekraft überprüfen. Darüber hinaus werden wir die einzelnen ESG-Varianten kategorisieren und dadurch einen einfachen Überblick zu den gängigen Indexkonzepten und ETFs ermöglichen.