Mit Fallbeispiel Custom-Index – Vorteile, Fallstricke und konkrete Gestaltung

Stefan Hüttermann, Yuliya Plyakha Ferenc  und Tobias Scheiper von MSCI.

Stefan Hüttermann, Yuliya Plyakha Ferenc und Tobias Scheiper von MSCI (v.l.). Bildquelle: MSCI

Die Erwartungen von institutionellen Investoren an Index- beziehungsweise Benchmark-Lösungen veränderten sich in den vergangenen Jahren. Zunehmend strengere regulatorische Anforderungen sowie Ansprüche von verschiedenen Stakeholdern führten dazu, dass immer mehr Asset Owner wie beispielsweise Versicherungen und Pensionskassen ihre eigenen ESG- und Klimakonzepte definieren, um individuelle Schwerpunkte zu setzen.

Auch ETF-Emittenten, Vermögensverwalter und Family Offices kommunizieren zunehmend eigene Anforderungen an Indexkonzepte, die individuelle Lösungen erfordern. Diese Vorgaben zusammengenommen erfordern entsprechend angepasste Benchmarks. Da die definierten Kriterien je nach Anwendung, Investorenprofil und steuerlichen Ausgangsvoraussetzungen jedoch äußerst unterschiedlich ausfallen, existieren hierfür in der Regel keine standardisierten Lösungen, weshalb Custom-Indizes dabei helfen können, individuelle Anforderungen in einer Benchmark abzubilden.

I. Art und Ausprägung

Die konkrete Gestaltung eines Custom-Index kann anhand verschiedener Parameter vorgenommen werden. So können unter anderem folgende Kriterien definiert werden:

  • Ausschluss bestimmter Länder (beispielsweise Europa exklusive Großbritannien)
  • Ausschluss bestimmter Sektoren (beispielsweise Industrials, Materials, Utilities)
  • Ausschlüsse basierend auf der Beteiligung eines Unternehmens an bestimmten, als kontrovers angesehenen Geschäftsfeldern (beispielsweise Alkohol, Tabak, kontroverse Waffen)
  • Währungs-Hedging
  • Capping (beispielsweise 5 Prozent Issuer Weight Cap, 50 Prozent Country Weight Cap)
  • Begrenzung der Portfolio-Kohlenstoffemissionsintensitäten
  • Reduzierung des Tracking Errors oder Turnovers
  • Portfolioziel oder Mindest-MS-CI-ESG-Rating festlegen. (beispielsweise A oder AA)
  • Kombination eines ESG- oder Klimakonzepts mit einem Faktoransatz

In der praktischen Umsetzung können sowohl einzelne als auch Kombinationen der bereits beispielhaft genannten Kriterien zum Einsatz kommen. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass den Wünschen und Vorstellungen zur Individualisierung keine Grenzen gesetzt sind. Auch hochkomplexe Konzepte mit mehreren Parametern, die unterschiedlich definiert sind und nicht immer miteinander zusammenhängen, lassen sich in diesem Rahmen umsetzen.

 

Bevor die von Investorenseite definierten Kriterien implementiert werden können, wird zunächst ein Ausgangsuniversum (Parent Index) festgelegt. Dieses orientiert sich an dem jeweils zugrundeliegenden Investmentuniversum (MSCI ACWI, MSCI World, MSCI Emerging Markets etc.).

Für die Auswahl des Ausgangsuniversums müssen folgende Aspekte beachtet werden:

  • Welcher geografische Fokus soll gesetzt werden (beispielsweise eine bestimmte Region oder bestimmte Länder)? Sollen einzelne vordefinierte Regionen oder Länder gut aggregierbar sein?
  • Welche Unternehmensgrößen sollen berücksichtigt werden (Large-, Mid-, Small-Caps)?
  • Soll eine bestehende Standardindex-Methodik modifiziert werden (bei- spielsweise ein Standard MSCI ESG & Klima- oder ein Faktorindex)?

Anschließend wird der Custom-Index mit den Kriterien erstmals simuliert, und die Ergebnisse kritisch bewertet.

In der folgenden Grafik sind die einzelnen Schritte sowie erforderlichen Überlegungen visualisiert. Neben dem Investmentuniversum werden auch Kriterien wie Währungs-, Quellensteuer- oder Rebalancing-Frequenz festgelegt. Darüber hinaus kann der Kunde festlegen, über welchen Kanal die Datenlieferung stattfinden soll.

Das Team des Indexanbieters simuliert einen maßgeschneiderten Index und arbeitet eng mit Kunden und Investoren zusammen, um sicherzustellen, dass der Index die Ziele des Kunden widerspiegelt und ein realistisches Anlageuniversum darstellt.

Quelle: Quelle:MSCI

II. Erstellung mit Beispiel

Um den Prozess der Entwicklung eines neuen Custom-Index genauer darzustellen, möchten wir dies anhand eines Beispiels illustrieren. Hierfür haben wir den MSCI World Index als Ausgangspunkt gewählt und zwei Anpassungen vorgenommen:

  • eine 50 Prozent-Länderkappung (Country Capping), sowie
  • ein ESG-Mindest-Rating von AA

Der MSCI World bildet das investierbare Aktienuniversum aller Mid- und Large-Caps in 23 entwickelten Ländern ab. Er gehört zu den meistverbreitetsten Investmentuniversen von MSCI und besitzt durch die Abbildung der streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung (Free Float-adjusted Market Capitalization) ein USA-Gewicht von knapp 70 Prozent (Stand: 31. Juli 2024). Diese hohe Konzentration in einem Land ist für manche Investoren nicht optimal und sie möchten das Gewicht daher regelgebunden reduzieren. Durch das oben genannte 50-prozentige Country Capping wird das Gewicht auf maximal 50 Prozent im neuen Index begrenzt – und der relative Anteil der anderen 22 Länder erhöht sich entsprechend.

In unserem Beispiel gibt es ein zusätzliches Ziel, und zwar eine Mindest-ESG-Bewertung des Custom-Indizes von AA zu erreichen. Solche Ziele drücken den Wunsch des Investors aus, Nachhaltigkeitsaspekte in den Anlageprozess zu integrieren.

MSCI-ESG-Ratings zielen darauf ab, ie Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens gegenüber langfristigen, finanziell relevanten ESG-Risiken zu erfassen.

Die ESG-Unternehmensratings reichen dabei von CCC bis AAA gemäß der untenstehenden Grafik.

Das Ziel eines Mindest-ESG-Ratings von AA wird üblicherweise dadurch erreicht, dass Aktien mit höheren ESG-Ratings übergewichtet und solche mit niedrigeren Bewertungen untergewichtet werden.

In den folgenden Grafiken wird der Vergleich des Ausgangsindizes (MSCI World) mit dem Custom-Index anhand einiger aussagekräftiger Kennzahlen veranschaulicht.

Dabei ist Folgendes zu erkennen:

  • Ähnliches Rendite-Risiko-Profil bei beiden Indizes
  • Weniger Konstituenten im Custom-Index (durchschnittlich 567 anstatt 1554)
  • Ein um 20 Prozent verbesserter
  • ESG-Score (8,5 anstatt 7,0) des Custom-Indizes und ein ESG-Rating im Custom-Index von AA, während das Rating der Benchmark bei A liegt.
  • Obwohl es nicht explizit angestrebt war, hat der Custom Index eine niedrigere Kohlenstoffemissionsintensität im Vergleich zur Benchmark erreicht.

III. Zusammenfassung und Ausblick

Die Nachfrage nach Custom-Indizes nahm in den vergangenen Jahren zu. Während solche Lösungen früher hauptsächlich von großen institutionellen Investoren nachgefragt wurden, sind heute auch für Mandate mit geringerem Volumen individualisierte Ansätze verfügbar. Diese Entwicklung spiegelt den Wunsch der Investoren nach einem Ansatz wider, der ihre Investitionspräferenzen berücksichtigt.

 

Gleichzeitig ermöglichen technologische Fortschritte die Gestaltung, Verwaltung und Pflege einer stetig wachsenden Zahl maßgeschneiderter Indizes und individueller Anlagelösungen, was zu nahezu unbegrenzten Umsetzungsmöglichkeiten und zahlreichen Anwendungsfällen führt.


Über die Autoren:

Stefan Hüttermann arbeitet seit 2017 bei MSCI und verantwortet die Betreuung von Pensionsfonds und Versicherungskunden in der DACH-Region. Zuvor arbeitete er für J.P. Morgan und die Credit Suisse.

Yuliya Plyakha Ferenc ist seit gut zehn Jahren bei MSCI und dort derzeit auf das Research zu Aktienlösungen spezialisiert, darunter Index- und Analytics für Asset- und Wealth-Manager. Vor ihrer Tätigkeit für MSCI arbeitete sie in der Forschung.

Tobias Scheiper war von Oktober 2022 bis Oktober 2024 bei MSCI und betreute Asset- und Wealth-Manager sowie Privatbanken und Kapitalverwaltungsgesellschaften in der DACH-Region. Vorher war er bei Scalable Capital und der Volksbank im Münsterland. Mittlerweile ist Scheiper bei State Street.

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