Die Erwartungen von institutionellen Investoren an Index- beziehungsweise Benchmark-Lösungen veränderten sich in den vergangenen Jahren. Zunehmend strengere regulatorische Anforderungen sowie Ansprüche von verschiedenen Stakeholdern führten dazu, dass immer mehr Asset Owner wie beispielsweise Versicherungen und Pensionskassen ihre eigenen ESG- und Klimakonzepte definieren, um individuelle Schwerpunkte zu setzen.
Auch ETF-Emittenten, Vermögensverwalter und Family Offices kommunizieren zunehmend eigene Anforderungen an Indexkonzepte, die individuelle Lösungen erfordern. Diese Vorgaben zusammengenommen erfordern entsprechend angepasste Benchmarks. Da die definierten Kriterien je nach Anwendung, Investorenprofil und steuerlichen Ausgangsvoraussetzungen jedoch äußerst unterschiedlich ausfallen, existieren hierfür in der Regel keine standardisierten Lösungen, weshalb Custom-Indizes dabei helfen können, individuelle Anforderungen in einer Benchmark abzubilden.
I. Art und Ausprägung
Die konkrete Gestaltung eines Custom-Index kann anhand verschiedener Parameter vorgenommen werden. So können unter anderem folgende Kriterien definiert werden:
- Ausschluss bestimmter Länder (beispielsweise Europa exklusive Großbritannien)
- Ausschluss bestimmter Sektoren (beispielsweise Industrials, Materials, Utilities)
- Ausschlüsse basierend auf der Beteiligung eines Unternehmens an bestimmten, als kontrovers angesehenen Geschäftsfeldern (beispielsweise Alkohol, Tabak, kontroverse Waffen)
- Währungs-Hedging
- Capping (beispielsweise 5 Prozent Issuer Weight Cap, 50 Prozent Country Weight Cap)
- Begrenzung der Portfolio-Kohlenstoffemissionsintensitäten
- Reduzierung des Tracking Errors oder Turnovers
- Portfolioziel oder Mindest-MS-CI-ESG-Rating festlegen. (beispielsweise A oder AA)
- Kombination eines ESG- oder Klimakonzepts mit einem Faktoransatz
In der praktischen Umsetzung können sowohl einzelne als auch Kombinationen der bereits beispielhaft genannten Kriterien zum Einsatz kommen. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass den Wünschen und Vorstellungen zur Individualisierung keine Grenzen gesetzt sind. Auch hochkomplexe Konzepte mit mehreren Parametern, die unterschiedlich definiert sind und nicht immer miteinander zusammenhängen, lassen sich in diesem Rahmen umsetzen.
Bevor die von Investorenseite definierten Kriterien implementiert werden können, wird zunächst ein Ausgangsuniversum (Parent Index) festgelegt. Dieses orientiert sich an dem jeweils zugrundeliegenden Investmentuniversum (MSCI ACWI, MSCI World, MSCI Emerging Markets etc.).
Für die Auswahl des Ausgangsuniversums müssen folgende Aspekte beachtet werden:
- Welcher geografische Fokus soll gesetzt werden (beispielsweise eine bestimmte Region oder bestimmte Länder)? Sollen einzelne vordefinierte Regionen oder Länder gut aggregierbar sein?
- Welche Unternehmensgrößen sollen berücksichtigt werden (Large-, Mid-, Small-Caps)?
- Soll eine bestehende Standardindex-Methodik modifiziert werden (bei- spielsweise ein Standard MSCI ESG & Klima- oder ein Faktorindex)?
Anschließend wird der Custom-Index mit den Kriterien erstmals simuliert, und die Ergebnisse kritisch bewertet.
In der folgenden Grafik sind die einzelnen Schritte sowie erforderlichen Überlegungen visualisiert. Neben dem Investmentuniversum werden auch Kriterien wie Währungs-, Quellensteuer- oder Rebalancing-Frequenz festgelegt. Darüber hinaus kann der Kunde festlegen, über welchen Kanal die Datenlieferung stattfinden soll.
Das Team des Indexanbieters simuliert einen maßgeschneiderten Index und arbeitet eng mit Kunden und Investoren zusammen, um sicherzustellen, dass der Index die Ziele des Kunden widerspiegelt und ein realistisches Anlageuniversum darstellt.
II. Erstellung mit Beispiel
Um den Prozess der Entwicklung eines neuen Custom-Index genauer darzustellen, möchten wir dies anhand eines Beispiels illustrieren. Hierfür haben wir den MSCI World Index als Ausgangspunkt gewählt und zwei Anpassungen vorgenommen:
- eine 50 Prozent-Länderkappung (Country Capping), sowie
- ein ESG-Mindest-Rating von AA
Der MSCI World bildet das investierbare Aktienuniversum aller Mid- und Large-Caps in 23 entwickelten Ländern ab. Er gehört zu den meistverbreitetsten Investmentuniversen von MSCI und besitzt durch die Abbildung der streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung (Free Float-adjusted Market Capitalization) ein USA-Gewicht von knapp 70 Prozent (Stand: 31. Juli 2024). Diese hohe Konzentration in einem Land ist für manche Investoren nicht optimal und sie möchten das Gewicht daher regelgebunden reduzieren. Durch das oben genannte 50-prozentige Country Capping wird das Gewicht auf maximal 50 Prozent im neuen Index begrenzt – und der relative Anteil der anderen 22 Länder erhöht sich entsprechend.