Inwiefern helfen denn gedachte Risikoszenarien im Krisenfall?
Pfingsten: Es gibt ja zwei Typen von Szenarien. Erstens die sogenannten schwarzen Schwäne, die sich nicht prognostizieren lassen. Aber man kann – zweitens – abseits des Basisszenarios einige Alternativszenarien durchdenken. Damit können Sie Ihre Organisation auf mögliche Risiken einstimmen und das Basisszenario auf alternative Entwicklungen testen. Dann sehen Sie, ob extreme Asymmetrien auf der Risikoseite entstehen und man eventuell das Basisszenario adjustieren muss, beispielsweise wenn dort Klumpenrisiken bestehen, die in einem Alternativszenario aber extrem schaden würden. In Szenarien zu denken ist sehr wichtig.
Voss: Mit der Einstimmung der eigenen Mannschaft erhöht man auch die Reaktionsfähigkeit im Fall der Fälle. Das Team hat dann schon diskutiert, eine einheitliche Meinung gefunden und kann schnell entscheiden. Wer vorbereitet ist und einen Plan hat, kann im Eintrittsfall die Portfolioveränderungen direkt durchführen. Dies kann im Zweifel entscheidend sein.
Wie wichtig ist die Diversifikation im Risikokontext?
Meyer: Was man in der Vermögensverwaltung haben möchte, ist die Risikostreuung über die verschiedenen Anlageklassen. Was man nicht machen sollte, ist, sich innerhalb der einzelnen Anlageklassen zu Tode zu diversifizieren. Da bekommt man sonst schnell ein Marktportfolio, das man über passive Vehikel viel billiger hätte kaufen können. Es stellt sich vielmehr die Frage: Wie weicht man vom Vergleichsindex ab? Investiert man möglicherweise in Themen, die jenseits der Benchmark liegen, und erzielt dadurch eine Überrendite und damit einen Mehrwert für die Kunden. Zudem ist im Multi-Asset-Kontext die Streuung viel interessanter, weil die Korrelationen zwischen den Anlageklassen viel geringer sind als typischerweise zwischen einzelnen Aktien oder Rentenpapieren.
Pfingsten: Wobei die Diversifikation nicht nur die Anlageklassen, sondern auch die Anlageregionen betrifft. Man muss dem Kunden noch stärker erklären, dass globale Risikostreuung genauso wichtig ist wie die Diversifikation über Anlageklassen. Gerade der Fokus der Anleger auf ihnen bekannte Investment-Themen, der sogenannte Home Bias, ist ein Problem.
Welge: Deutschland steht börsentechnisch für 3,5 Prozent der Weltmarktkapitalisierung. Vermutlich sind deutsche Anleger, auch die Vermögenden, nach wie vor auf der Aktienseite schwerpunktmäßig in deutschen Titeln investiert. Bei entsprechenden Marktbewegungen kostet das dann Performance und erhöht im Endeffekt das Risiko, weil der Dax nun nicht gerade der risikoärmste Index ist.
Meyer: Das Problem ist doch, dass der Anleger ein Thema kauft, mit dem er sich wohlfühlt. Falls das dann mal nicht performt, behält er es dennoch. Versteht er ein Investment nicht – zum Beispiel Anlagen, die auf alternative Risikoprämien setzen –, würde er es in der gleichen Situation verkaufen.
Voss: Allerdings muss man sich auch klarmachen, dass der Dax weit davon entfernt ist, zu 100 Prozent eine hiesige Wertschöpfung widerzuspiegeln. Dazu produzieren und setzen die Unternehmen zu viel im Ausland ab. Insofern haben wir es eher mit globalen Investments zu tun, deren Listing in Deutschland ist. Aber natürlich gibt es den Home Bias.