Welge: Wir haben mal zu einem Wahltermin in Italien 2014 Aktien-Investments teilweise über Derivate abgesichert. Die Aktien liefen nach der Wahl weiterhin im Plusbereich. Alles gut also. Die Derivate lagen natürlich im Minus, hätten aber im Fall der Fälle die Absicherung geliefert. Das ist dem Kunden beim nächsten Gesprächstermin dann nicht so einfach ersichtlich.
Meyer: Dennoch sollte man den mühsamen Weg gehen – und klar kommunizieren, was man tut und wieso. Nur so entsteht Verständnis. Meiner Erfahrung nach scheitert das nicht immer am Endkunden, sondern immer mal wieder am Berater. Wenn dieser den Eindruck hat, er versteht das Thema selbst nicht, und er wird es auch deshalb nie dem Kunden erklären können, dann wird er Ihnen sagen: Der Kunde versteht das nicht, der will das nicht wissen. Das ist ein systemisches Problem, das in der ganzen Branche besteht. Es bedarf einer entsprechenden Lernbereitschaft der Berater und Ausbildungsbereitschaft seitens der Vermögensverwaltung.
Ist das Risikomanagement in der privaten Vermögensverwaltung heutzutage besser als vor der Finanzkrise?
Pfingsten: Das ist der Bereich, der sich am weitesten den institutionellen Anforderungen angenähert hat. Vor der Finanzkrise ging es im Risikomanagement noch darum, die Anlagerichtlinien einzuhalten und dafür in der Compliance-Abteilung gut aufgestellt zu sein. Hervortun konnte man sich bereits, wenn man ein Eskalationsverfahren im Sinne eines Ampelsystems hatte. In den vergangenen Jahren hat es bei vielen Adressen große Bemühungen gegeben, das Risikomanagement als integralen Bestandteil des Investmentprozesses zu sehen.
Was heißt das?
Welge: Dass das Risikomanagement nicht mehr nachgelagert ist, sondern vor die Klammer gezogen wird. Bereits im Anlageprozess stellen sich fortlaufend Fragen, beispielsweise wie ich meine Risiken zwischen Asset Allocation und Titelauswahl aufteile oder wie ich erkenne, wo meine Risiken liegen. Welches Risiko ist eigentlich mit meinen Ertragszielen verbunden? Hinzu kommt, dass die Szenarioanalyse heute eine viel größere Bedeutung hat.
Meyer: Ich habe grundsätzlich mit dem Begriff Risikomanagement ein Problem. Er legt nahe, dass man die Risiken managt, dass der Vermögensverwalter automatisch auf Risiken reagiert und diese verhindert. Oft wird das von Kundenseite als Leistungsversprechen wahrgenommen, dass deren Vermögen an steigenden Märkten partizipiert und an fallenden nicht. Das versuchen natürlich alle, es lässt sich aber nicht immer bewerkstelligen. Lieber spreche ich daher von Risiko-Controlling oder Monitoring, dies ist ein kontinuierlicher Prozess.