Resilienz statt Prognose Kein neues 2008 – aber ein neues Marktregime

Michael Hünseler, Chief Investment Officer der LBBW Asset Management

Georg Hünsler, Investmentchef von LBBW AM: „Entscheidend ist vielmehr, ob die Resilienz eines Portfolios auch für eine Bandbreite ungünstiger Szenarien ausreicht.“ Bildquelle: LBBW Asset Management

Steuern wir auf eine neue Finanzkrise zu? Diese Frage stellen sich derzeit viele Anleger. Die geopolitischen Risiken halten an, der Ölpreis reagiert hochvolatil in Echtzeit auf neue Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Angebot und Nachfrage – und bei US-Konsumentenkrediten zeigen sich neue Belastungssymptome. Gleichzeitig wird die zuletzt von Künstlicher Intelligenz getriebene Aktienrally erneut unter dem Stichwort möglicher Übertreibungen diskutiert.

Für viele ist die Dichotomie „Krise oder keine Krise" allerdings nur begrenzt hilfreich. Sie führt zu zwei problematischen Reaktionen: Entweder wird aus Unsicherheit heraus abgewartet, bis vermeintliche Klarheit eintritt – die in der Regel allerdings nie vollständig kommt. Oder es kommt zu binären Positionierungen, die Portfolios unnötig verwundbar machen.

Stattdessen ist davon auszugehen, dass wir uns nicht vor einer neuen globalen Finanzkrise befinden, sondern in einem Marktumfeld strukturell erhöhter Unsicherheit. In einem solchen Umfeld können Stresssignale schnell aufflammen, und Korrelationen steigen ausgerechnet dann, wenn Diversifikation am dringendsten benötigt wird.

 

Das war in den jüngsten Risk-off-Phasen zu beobachten – also in Marktphasen, in denen Anleger vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten gezielt Risiko reduziert haben. Die Korrektur fiel entsprechend spürbar aus, der Dax lag gemessen zum Jahreshoch zeitweise rund 14 Prozent im Minus, der Stoxx Europe 600 etwa 12 Prozent. Dennoch deuteten die Begleitindikatoren eher auf geordnete Marktreaktionen als auf panikartige Liquidationen hin. Gleichzeitig hat der Kursrückgang die Marktbewertungen reduziert, insbesondere in Europa. Genau das ist häufig eine Voraussetzung für ein neues Renditepotenzial, sofern sich die Fundamentaldaten stabilisieren.

Vom Ölpreisschock zum Inflationsrisiko

Besonders relevant bleibt in diesem Zusammenhang die Straße von Hormus – die Lage hat sich dort zuletzt noch einmal grundlegend verändert. Mit der US-Blockade iranischer Transporte über den Seeweg ist der Druck auf die Konfliktparteien hinsichtlich einer erzwungenen Einigung spürbar gestiegen.

Für Investoren bleibt die aktuelle Entwicklung vor allem aufgrund ihrer makroökonomischen Wirkung bedeutsam. Ein anhaltend erhöhtes Ölpreisniveau steigert den Inflationsdruck, schränkt den geldpolitischen Spielraum der Notenbanken ein und belastet zugleich die Wachstumsperspektiven. Die bislang verbreitete Annahme einer geldpolitischen Pause – insbesondere in der Eurozone – wird damit zunehmend infrage gestellt.

Zugleich bleibt die Lage fragil: Eine weitere Eskalation könnte die Angebotsseite stärker beeinträchtigen und den Ölmarkt in ein noch ausgeprägteres Knappheitsszenario führen. Für Anleger entsteht damit ein Umfeld, in dem geopolitische Entwicklungen unmittelbarer und schneller auf Inflation, Zinsen und Risikoprämien durchschlagen als in klassischen Marktphasen.

US-Konsumentenkredite: Relevant wird es über die Transmission

Auch die steigenden Ausfallraten bei US-Konsumentenkrediten verdienen Aufmerksamkeit. Für sich genommen sind sie jedoch noch kein Beleg für eine systemische Krise. Entscheidend ist vielmehr, ob sich diese Belastungen in das „Plumbing" der Märkte übertragen, also in Refinanzierungsbedingungen, Bankbilanzen und die Kreditversorgung der Unternehmen.

 

Für Investoren lautet die entscheidende Frage daher nicht nur, ob Delinquenzraten steigen, sondern ob daraus eine breit angelegte und anhaltende Verschärfung der Finanzierungsbedingungen entsteht. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Verbraucherbelastung und Kreditzyklus wird es relevant: bei Credit Spreads, beim Tempo von Herabstufungen, an Refinanzierungswänden und bei der Marktliquidität.

Künstliche Intelligenz bleibt generell ein struktureller Treiber von Produktivität, Margenentwicklung und Unternehmensinvestitionen – und damit ein wesentlicher Faktor für die Kapitalmärkte. Während der Megatrend weiterhin für Wachstumspotenzial sorgt, gilt besondere Aufmerksamkeit der Kombination aus hoher Marktkonzentration, ambitionierten Bewertungserwartungen und einer zunehmend engen finanziellen Verzahnung entlang der Wertschöpfungskette.

Die Dynamik im KI-Sektor wird derzeit maßgeblich durch ein Ökosystem geprägt, in dem Softwareanbieter, Halbleiterhersteller und Cloud-Infrastrukturanbieter wechselseitig investieren, Kapazitäten sichern und Nachfrage generieren. Diese zirkulären Strukturen können das Wachstum beschleunigen, bergen aber auch das Risiko von Rückkopplungseffekten: Wenn Investitionen und Nachfrage teilweise innerhalb des Systems entstehen, können Bewertungen empfindlicher auf Enttäuschungen reagieren, als es die fundamentale Endnachfrage vermuten lässt.

Hinzu kommt die hohe Konzentration der Performance im KI-Sektor auf wenige Mega-Caps. Für Investoren folgt daraus kein Votum gegen Technologie – wohl aber ein klares Argument für eine breite Aufstellung entlang der Wertschöpfungskette. Zukunftsthemen gehören ins Portfolio, sollten aber nicht zu einer einseitigen Abhängigkeit von wenigen Titeln oder eng miteinander verflochtenen Geschäftsmodellen führen.

Warum die Lage nicht mit 2008 gleichzusetzen ist

Die globale Finanzkrise 2007/2008 war in ihrem Kern eine Kreditkrise, geprägt von riskanter Kreditvergabe, Verbriefung, hoher Hebelung und systemischer Ansteckung im Finanzsystem. Die heutige Risikolandschaft ist anders beschaffen. Die Bruchlinien verlaufen stärker entlang makrofinanzieller Faktoren – etwa Energie- und Inflationsschocks, verzögerte Wachstumsabschwächung und Bewertungskorrekturen, die ihrerseits die Finanzierungsbedingungen verschärfen.

 

Für die Praxis in der Vermögensverwaltung ist das eine wichtige Unterscheidung. Es geht weniger darum, den exakten Zeitpunkt einer möglichen Krise vorherzusagen. Entscheidend ist vielmehr, ob die Resilienz eines Portfolios auch für eine Bandbreite ungünstiger Szenarien ausreicht, ohne den Anleger zum ungünstigsten Zeitpunkt zu Verkäufen zu zwingen.

Overlay-Strategien als zusätzliche Steuerungsebene

Vor diesem Hintergrund stellt sich für Anleger die Frage, wie ein Portfolio strukturell für ein Umfeld erhöhter und anhaltender Unsicherheit aufgestellt sein sollte. Eine strategische Asset Allocation bleibt die notwendige Grundlage – sie reicht aber allein nicht aus, wenn Korrelationen in Stressphasen steigen und Diversifikationseffekte genau dann schwinden, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.

Für vermögende Privatkunden, Unternehmerfamilien und Stiftungen lautet die entscheidende Frage dabei nicht, ob eine zusätzliche Steuerungsebene konzeptionell sinnvoll ist – sondern ob die konkrete Umsetzung transparent, kosteneffizient und tatsächlich auf das Rendite-Risiko-Profil des jeweiligen Portfolios abgestimmt ist.

Overlay-Ansätze können hier einen Beitrag leisten: Sie ermöglichen es, Einzelrisiken wie Zins-, Währungs- oder Aktienmarktexposure gezielt zu steuern, ohne die zugrunde liegende Allokation dauerhaft verändern zu müssen. Entscheidend ist, dass Anleger von ihren Managern nachvollziehbare Antworten auf drei Fragen einfordern: Welche Risikofaktoren werden konkret gesteuert? Zu welchen Kosten? Und mit welchem nachgewiesenen Effekt auf die Portfoliovolatilität in vergangenen Stressphasen?

Fazit

Die aktuellen Stresssignale sollten weder bagatellisiert noch vorschnell als Neuauflage von 2008 interpretiert werden. Wahrscheinlicher ist ein Marktumfeld, in dem Schocks häufiger auftreten, Korrelationen instabiler werden und Untätigkeit selbst zu einem aktiven Risiko werden kann. Für Anleger bedeutet das: Strategische Asset Allocation bleibt notwendig, reicht aber allein nicht immer aus. Wer sie um eine disziplinierte, risikobudgetierte und kosteneffiziente Steuerungsebene ergänzt, erhöht die Chance, Renditen zu erzielen, die weniger abhängig sind von den aktuellen Marktentwicklungen.

 

Zugleich bleibt der mittelfristige Ausblick konstruktiv: Strukturelle Treiber wie KI, steigende Sicherheitsinvestitionen und der Umbau des Energiesystems sind intakt. Für Anleger mit entsprechendem Zeithorizont gilt deshalb: nicht Krisenrhetorik, sondern Resilienz sollte der zentrale Maßstab für die Portfolioausrichtung sein – mit einer Allokation, die Schocks aushalten kann, ohne den Anleger zu ungünstigen Zeitpunkten zu Verkäufen zu zwingen.


Hinweis: Michael Hünseler ist Chief Investment Officer der LBBW Asset Management, die Overlay- und Total-Return-Strategien als Teil ihres Produktangebots verwaltet. Der Beitrag gibt seine persönliche Einschätzung der aktuellen Marktlage wieder.

Michael Hünseler ist Investmentchef (Chief Investment Officer) der LBBW Asset Management. Zuvor leitete er das Active Fixed Income-Geschäft bei der Meag und verantwortete das Credit Portfolio Management bei Assenagon. Seine frühere Karriere umfasst leitende Positionen im Kreditbereich bei Unicredit, HVB und Deka Investment. Er ist seit 1996 in der Asset-Management-Branche tätig.

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