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Michael Hasenstab im Interview „Die Hoffnung auf eine V-förmige Erholung ist absurd“

Michael Hasenstab, Investment-Chef bei Templeton Global Macro: Die Verschuldung Indonesiens im Verhältnis zum BIP beträgt nur rund 30 Prozent – damit ist das Land bei einer etwaigen Abwertung des Wechselkurses weniger gefährdet. | © Franklin Templeton Investments

Michael Hasenstab, Investment-Chef bei Templeton Global Macro: Die Verschuldung Indonesiens im Verhältnis zum BIP beträgt nur rund 30 Prozent – damit ist das Land bei einer etwaigen Abwertung des Wechselkurses weniger gefährdet. Foto: Franklin Templeton Investments

Herr Hasenstab, wie wird die Welt nach Covid-19 aussehen?

Michael Hasenstab: Die Pandemie wird sich bezwingen lassen, doch wir sind noch mittendrin in der Krise. Absehbar ist: Die Welt nach der Krise wird eine andere sein als vor der Pandemie.

Sobald die Wirtschaft wieder Tritt fasst, dürfte sich die Lage etwas entspannen. Dennoch ist mit einer raschen Rückkehr zur Normalität nicht zu rechnen – sowohl aus medizinischen Erwägungen als auch wegen der gravierenden wirtschaftlichen Schäden, die durch die Lockdowns entstanden sind.

Die massiven Stützungsmaßnahmen an den Arbeitsmärkten sind unabdingbar, sie ersetzen jedoch nicht die Nachfrage. Ein dauerhafter Schaden dürfte zu erwarten sein, der sich im Konsumverhalten widerspiegelt: Die Verbraucher werden als Reaktion auf Arbeitsplatzunsicherheit und gesundheitlichen Risiken mehr sparen.

Das volle Ausmaß des Durchschlagens der Corona-Folgen auf die Wirtschaft ist noch nicht erreicht. Die wirtschaftliche Lage dürfte sich nur sehr eingeschränkt bessern. Vor allem die von vielen Marktteilnehmern gehegte Hoffnung einer V-förmigen Erholung ist absurd.

Das hängt mit den gestörten Lieferketten zusammen?

Hasenstab: Und mit einer neuen Stufe von geopolitischen Zwistigkeiten. Deren Dynamik hatte sich bereits vor der Krise beschleunigt – insbesondere mit Blick auf die Beziehungen zwischen den USA und China. Mit dem Ausbruch des Corona-Virus dürfte sich die angespannte Lage weiter verschlimmern.

Aber auch innerhalb der USA gibt es Polarisierungstendenzen – vor allem zwischen den republikanischen Staaten und den demokratischen Staaten. Besonders die Streitpunkte Einkommensungleichheit, ethnische Konflikte und die Kluft zwischen Stadt und Land polarisieren die Bevölkerung. Diese Polarisierung führte schon vor der Krise zu einer ungewohnt radikalen Wirtschaftspolitik mit nationalistischer, populistischer Ausprägung, die im Allgemeinen nicht gut für die Finanzmärkte ist. Aber nicht nur in USA, sondern auch in Europa, Lateinamerika und Asien erkennen wir derzeit starke Spannungen.

Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang in absehbarer Zukunft?

Hasenstab: Zunächst wird es an den Märkten wohl weitere Risikoanpassungen und wahrscheinlich auch einige neue Drawdowns geben – auf die Anleger vorbereitet sein müssen.

Wir setzen beim Bau unserer Portfolios daher entschieden auf Diversifikationsvorteile. Vier Bausteine sind hierbei von großer Bedeutung. Erstens konzentrieren wir uns nicht vollumfänglich auf die Duration als Diversifizierungsfaktor, weil die Zentralbanken in vielen Teilen der Welt ihre Zinsen nahe Null oder in den negativen Bereich gesenkt haben. Die Vorteile einer langen Duration verlieren daher an Gültigkeit. Gewiss werden wir uns mit der Inflationsdynamik befassen müssen – doch das wird wahrscheinlich nicht in den nächsten sechs bis zwölf Monaten der Fall sein.

Der zweite Baustein ist die Allokation in möglichst sichere Anlagen: Dazu zählen wir den japanischen Yen und den Schweizer Franken.

Als dritten Baustein ziehen wir gezielte Engagements in den Schwellenländern heran. Derzeit durchleben diese eine extrem stressige Phase – im Hinblick auf die Überlastung des Gesundheitswesens zum einen und zum anderen aufgrund des globalen Nachfrageeinbruchs. Doch im Vergleich zu den entwickelten Märkten sind Schwellenländer deutlich geringer verschuldet.

Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Hasenstab: Indonesiens Verschuldung im Verhältnis zum BIP beträgt lediglich rund 30 Prozent. Selbst wenn die Verschuldung um 10, 20 oder sogar 50 Prozent steigen sollte, bleibt der Verschuldungsgrad überschaubar, vor allem, wenn man bedenkt, dass der größte Teil davon auf Inlands- und nicht auf Auslandsverschuldung entfällt. Ähnlich wie Indonesien sind damit viele Schwellenländer weniger anfällig für Wechselkursschwankungen der eigenen Währung.