Michael Hasenstab „China bleibt auf Kurs“

Hochgeschwindigkeitszug am Bahnsteig in Harbin, Nordostchina. Durch die Urbanisierung des Landes wächst auch der Eisenbahnsektor rasch | © Getty Images

Hochgeschwindigkeitszug am Bahnsteig in Harbin, Nordostchina. Durch die Urbanisierung des Landes wächst auch der Eisenbahnsektor rasch Foto: Getty Images

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Die globalen Märkte waren in den ersten Wochen des Jahres 2016 von der gleichen Volatilität geprägt wie schon im dritten Quartal 2015, und zwar aus den gleichen Gründen: Sorgen um die Nachhaltigkeit und die weitere Entwicklung des chinesischen Wirtschaftswachstums. Im Januar sind die chinesischen Aktienmärkte erneut deutlich gefallen, was an den weltweiten Finanzmärkten heftige Turbulenzen ausgelöst hat.

Währungsabwertung verunsichert Anleger

Im Verlauf seiner relativ kurzen Geschichte neigte der inländische Aktienmarkt Chinas zu extremen Schwankungen. Dies liegt unter anderem daran, dass er für internationale Anleger nicht zugänglich ist. Zudem spielt er noch immer eine relativ geringe Rolle für die chinesische Volkswirtschaft – weder als Kapitalquelle für Unternehmen noch als Anlagemöglichkeit für Privatinvestoren. Seine Bedeutung hat jedoch in beiderlei Hinsicht zugenommen.

Im vergangenen Sommer führte die chinesische Regierung eine Reihe von administrativen Maßnahmen ein, um den Fall der Aktienkurse zu stoppen, nachdem eine Korrektur Anleger rund um die Welt aufgeschreckt hatte.

Die People’s Bank of China (PBoC) ist außerdem eingeschritten, um eine Abwertung des Yuan herbeizuführen. Manche Beobachter sehen die Abwertung als Signal dafür, dass die Politik weiterhin stark besorgt über die Wachstumsverlangsamung ist. Sie fürchten, dass die chinesischen Behörden eine deutliche Abwertung mit dem Ziel einer Stärkung des Wachstums durch mehr Exporte herbeiführen wollen. Dies könnte zu Währungskriegen führen, die wiederum Störungen für das weltweite Wachstum und das weltweite Finanzsystem auslösen. Wir sind jedoch anderer Ansicht.

„Wir teilen den Pessimismus in Bezug auf Chinas Wirtschaftswachstum nicht“

Wir glauben, dass die chinesische Führung ihren Kurs beibehalten wird. Anzumerken ist, dass die Währung des Landes in den zwölf Monaten vor der Abwertung im August 2015 real um effektiv 12 Prozent aufgewertet hatte. Zudem gab es in China in der ersten Jahreshälfte einige Abflüsse von heißem Geld, was die Entscheidungen der Politik ebenfalls beeinflusste. Seitdem hat der Renminbi etwas an Wert verloren. Wir haben jedoch nicht das Gefühl, dass dies der Vorbote einer umfangreicheren unkontrollierten Abwertung ist, wie es die Märkte befürchten.

Wir teilen den Pessimismus nicht, der am Markt in Bezug auf das chinesische Wirtschaftswachstum herrscht. Die jüngste Abschwächung des Wachstums in China halten wir vielmehr für eine unvermeidliche Normalisierung in einer Wirtschaft dieser Größenordnung. Das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist heute fünfmal so groß wie vor zehn Jahren. Auch eine niedrigere Wachstumsrate steht demnach noch für einen gewaltigen Beitrag zur globalen Gesamtnachfrage.

Konsum wird zum Anker des Wachstums

Nach unserer Einschätzung hat sich die Wachstumsqualität in China in den letzten Jahren verbessert. Zwar sind durch die steigenden Arbeitskosten und Zinsen die Unternehmensgewinne unter Druck geraten. Jedoch beflügeln die höheren Löhne den Konsum, der unseres Erachtens immer mehr zum Anker des chinesischen Wachstums wird. Wir schätzen den Konsumanteil auf knapp 60 Prozent des BIP – mit steigender Tendenz.

Durch die neue Zinsliberalisierungspolitik kann zudem Kapital in die Gesamtwirtschaft umgelenkt werden, vor allem in den Privatsektor, den wir für den künftigen Wachstumsmotor halten. Die chinesische Privatwirtschaft trägt heute mehr zum Beschäftigungswachstum bei als der staatliche Sektor. Das hat es seit rund 30 Jahren nicht gegeben.

Außerdem wird die rasche Urbanisierung des Landes entsprechende Entwicklungsprojekte erforderlich machen. Zurzeit werden Pläne für Infrastrukturinvestitionen umgesetzt. Der Eisenbahnsektor dürfte wachsen, ebenso wie die Nachfrage nach flächendeckender Wasseraufbereitung und ökologischen Projekten. Derartige Projekte dürften Wachstumsbelastungen durch Kontraktion in der Produktion und Überkapazitäten im Immobiliensektor in gewissem Umfang abfedern. Zudem scheinen die Immobilienpreise durch frühere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen nun die Talsohle durchschritten zu haben.