Krypto-Assets Was Vermögensverwalter bei den Micar-Anforderungen beachten müssen

Christoph Wronka (li.), Baker Tilly, und Tim Zölitz, Crypto Risk Metrics

Christoph Wronka (li.), Baker Tilly, und Tim Zölitz, Crypto Risk Metrics: Welche neuen Pflichten Micar bringt Bildquelle: Baker Tilly / Crypto Risk Metrics

Für Crypto Asset Service Providers (CASPs) ist die EU-Verordnung weit mehr als eine reine Pflichtübung: Wer ESG-Standards strategisch nutzt, kann sich nicht nur regulatorisch absichern, sondern auch als zukunftsfähiger Marktteilnehmer positionieren.

Micar und ESG: Finanzdienstleister unterschätzen das Nachhaltigkeitsreporting

Doch auch für Privatbanken im Private Wealth Management und unabhängige Vermögensverwalter wird die Regulierung relevant, insbesondere wenn sie in Krypto-Assets investieren oder diese für ihre Kunden verwalten.

ESG-Standards: Ein neues Spielfeld für Krypto-Unternehmen und Vermögensverwalter

Anleger und Regulierungsbehörden fordern zunehmend belastbare ESG-Daten – eine Entwicklung, die nun auch Krypto-Unternehmen erfasst. Ihr oft kritisierter Energieverbrauch rückt in den Fokus. Die Micar-Verordnung verpflichtet sie zur Offenlegung relevanter Umweltkennzahlen und schafft neue Transparenzstandards. Doch die Umsetzung gestaltet sich komplex, da die heterogene Beschaffenheit von Krypto-Assets individuelle Analysen und Methodiken impliziert.

 

Seit dem 29. Juni 2023 ist Micar in Kraft, ab dem 30. Dezember 2024 gelten die für das ESG-Reporting relevanten Regelungen verbindlich. In Deutschland müssen bereits heute Krypto-Unternehmen mit einer Micar-Lizenz die ESG-Daten veröffentlichen. Während für einige Unternehmen aktuell noch Übergangsfristen gelten, sind die Vorschriften spätestens ab 31.12.2025 verpflichtend.

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) definiert vier zentrale Berichtskategorien pro Krypto-Asset:

  • Grundinformationen: Emittentenidentität, Beschreibungstexte für die verwendete Technologie.
  • Pflichtangaben: Jährlicher Energieverbrauch in Kilowattstunden (kWh). Während die Grund- und Pflichtangaben von jedem Crypto Asset Service Provider und unabhängig von dem Krypto-Asset bereitgestellt werden müssen, sind die folgenden Informationen nur dann zu veröffentlichen, wenn der Energieverbrauch des Assets einen Grenzwert überschreitet und der CASP bestimmte Services erbringt.
  • Zusatzinformationen: CO₂-Emissionen, Anteil erneuerbarer Energien Nachhaltigkeitsindikatoren pro Transaktion des Krypto-Assets.
    Der vierte Kategorie sind aktuell rein freiwillig zu veröffentlichen:
  • Optionale Angaben: Weitere Nachhaltigkeitsindikatoren, Nachhaltigkeitsstrategien und -ziele.

Die Daten müssen nicht nur frei zugänglich und aktuell sein, sondern auch einer jährlichen Prüfung unterliegen. Fehlerhafte oder manipulierte Angaben könnten Sanktionen nach sich ziehen. Zudem entstehen in der Praxis weitere operative Anforderungen an CASPs, da neben der Verpflichtung zur jährlichen Überprüfung zudem ein Monitoring auf „material changes“ erfolgen muss – in diesem Fall müssen die Daten ad-hoc geupdatet werden.

Dadurch wird aus einem one-time-effort ein operativer Prozess, der die dauerhafte Compliance sichern muss.

Wann sind Privatbanken und Vermögensverwalter betroffen?

Für Privatbanken und unabhängige Vermögensverwalter ist MiCAR vor allem dann relevant, wenn sie Krypto-Assets direkt für ihre Kunden halten oder Produkte mit Kryptobezug anbieten. Hier einige konkrete Szenarien:

  • Direkte Investments in Krypto-Assets: Banken und Vermögensverwalter, die ihren Kunden Kryptowerte anbieten oder verwalten, müssen sicherstellen, dass die von ihnen genutzten Anbieter Micar-konforme ESG-Daten liefern.
  • Tokenisierte Vermögenswerte: Wenn traditionelle Vermögenswerte (wie Immobilien oder Anleihen) tokenisiert werden, könnten sie unter Micar fallen. Anbieter müssen dann Transparenzpflichten erfüllen.
  • Krypto-Fonds und strukturierte Produkte: Wer Kryptoprodukte vertreibt, sollte sicherstellen, dass die zugrunde liegenden Assets Micar-konform sind, um regulatorische Risiken zu minimieren.
  • Beratung und Due Diligence: Vermögensverwalter, die Krypto-Investitionen in ihre ESG-Strategien einbinden, müssen nachhaltigkeitsbezogene Angaben in ihre Due-Diligence-Prozesse integrieren.

Für Wealth Manager bedeutet das: Die regulatorische Prüfung von Krypto-Assets wird komplexer, und eine tiefere Analyse der ESG-Kriterien ist erforderlich, um Compliance-Risiken zu vermeiden.

ESG-Bilanzierung: Ein Balanceakt zwischen Regulierung und Praxis

Die Bewertung des Energieverbrauchs von Blockchain-Technologien stellt eine Herausforderung dar. Während Proof-of-Work (PoW) als besonders energieintensiv gilt, verbraucht Proof-of-Stake (PoS) deutlich weniger Strom. Einheitliche Berechnungsstandards existieren bislang nicht. Zwei Methoden haben sich etabliert:

  • Top-Down-Analyse: Analyse empirischer Netzwerkdaten (z. B. Hash-Rate) zur Schätzung der gesamten Leistung. Diese Methode bewertet den Gesamtverbrauch umfassend, indem zentrale Parameter wie die durchschnittliche Effizienz der eingesetzten Hardware einbezogen werden.
  • Bottom-Up-Analyse: Nutzung von Crawlern und Software-Tools zur Identifikation aktiver Nodes und Berechnung des Energieverbrauchs basierend auf der eingesetzten Hard- und Software. Die Analyse einzelner Netzwerkknoten ermöglicht detaillierte Rückschlüsse auf den Energieverbrauch spezifischer Konsensmechanismen. 

Beide Ansätze bergen methodische Herausforderungen. Zentral für die Sicherstellung von hoch qualitativen Eingangsdaten sind professionell durchgeführte Messungen, möglichst innerhalb von zertifizierten Umgebunden. Zertifizierte Testverfahren oder Guidance von Seiten der ESMA könnten für mehr Standardisierung sorgen.

Insbesondere auch auf Grund von dauerhaften operativen Aufwenden durch das Monitoring, welche meist keinen Bezug zum Kerngeschäft des Anbieters haben, wird für die Erfüllung der Anforderungen auf Drittanbieter zurückgegriffen. Strategische Partnerschaften mit Technologieanbietern und Beratungsfirmen können helfen, Compliance-Prozesse effizienter zu gestalten.

ESG als Differenzierungsmerkmal: Vom regulatorischen Muss zur strategischen Chance

Während institutionelle Investoren verstärkt ESG-Kriterien einfordern, ist innerhalb der Kryptoszene das Bewusstsein für Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil noch ausbaufähig. Dabei könnte eine proaktive ESG-Strategie nicht nur regulatorische Hürden minimieren, sondern auch neue Investoren anziehen und die Reputation stärken, indem gängige Vorurteile widerlegt werden.

Immer mehr Blockchain-Projekte setzen auf weniger energieintensive Technologien wie „Zero-Knowledge Proofs“ oder Off-Chain-Lösungen zur Reduktion des Energieverbrauchs. Der Markt für „grüne Kryptowährungen“, die gezielt auf nachhaltige Praktiken setzen, wächst. Auch Mining-Farmen greifen verstärkt auf erneuerbare Energien zurück, da es häufig ökonomische Vorteile gegenüber anderen Energiequellen bietet und dabei gleichzeitig ihren CO₂-Fußabdruck minimiert.

Nicht nur in der EU nimmt die Regulierung Fahrt auf. In den USA gibt es erste Debatten über nachhaltige Krypto-Richtlinien, während China bereits in der Vergangenheit regelmäßig drastische Maßnahmen gegen energieintensives Mining ergriffen hat – ob der wesentliche Treiber hier aber die Umweltbilanz oder eher politische Interessen waren, darf hinterfragt werden.

 

In Asien setzen einige Länder gezielt auf Subventionen für umweltfreundliche Blockchain-Technologien. Diese Entwicklungen unterstreichen die Notwendigkeit einer international abgestimmten Regulierung.

Handlungsempfehlungen: So bleiben Privatbanken und Vermögensverwalter wettbewerbsfähig

Um den neuen ESG-Anforderungen gerecht zu werden, sollten Vermögensverwalter und Banken folgende Maßnahmen in den Fokus rücken:

  • Datenqualität sichern: ESG-Messmethoden transparent und belastbar gestalten.
  • Zertifizierte Verfahren nutzen: Offizielle Prüfverfahren reduzieren regulatorische Risiken.
  • Monitoring-Tools implementieren: Automatisierte Systeme zur aktuellen Verbrauchserfassung einsetzen.
  • Greenwashing vermeiden: Unabhängige Audits stärken die Glaubwürdigkeit.
  • Proaktive Kommunikation: ESG-Daten gezielt in die Investoren- und Kundenkommunikation integrieren.
  • Frühzeitige Compliance-Prüfung: Abstimmungen mit Aufsichtsbehörden minimieren Unsicherheiten.
  • Technologieoptimierung: Nachhaltige Innovationen in die Infrastruktur integrieren.

ESG-Kriterien sind im Kryptosektor mehr als ein regulatorischer Trend – sie könnten zur Basis einer nachhaltigen und langfristig erfolgreichen Marktstrategie werden. Gerade für Private Wealth Manager, die ihren Kunden nachhaltige und zukunftssichere Investments bieten wollen, ist eine fundierte ESG-Analyse essenziell. Wer frühzeitig auf transparente ESG-Kennzahlen und energieeffiziente Technologien setzt, positioniert sich nicht nur als regelkonformer Akteur, sondern als Vorreiter einer neuen Ära im digitalen Finanzwesen.

Ein vielversprechendes Feld ist die Tokenisierung von Umweltzertifikaten. CO₂-Kompensationsmechanismen auf Blockchain-Basis könnten Unternehmen helfen, ihre Umweltbilanz transparenter darzustellen. Hier entsteht ein neuer Finanzmarkt, der ESG-Standards mit digitalen Innovationen verbindet.


Über die Autoren: 

Christoph Wronka ist Director und leitet das Anti-Financial Crime Team innerhalb des Bereichs Audit & Advisory bei Baker Tilly in Deutschland. Der Certified Anti-Money Laundering Specialist und Certified Internal Auditor ist Mitglied der Technical Expert Group on Crypto Asset Service Providers und Anti-Money Laundering/Countering of the Financing of Terrorism der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA sowie Mitglied des Expert-Boards beim Blockchain Bundesverband.

Tim Zölitz war zunächst CRO bei Crypto Risk Metrics, bevor er im Juli 2024 zum CEO ernannt wurde. Dort ist er für die Bereitstellung von Software- und Datenprodukte zuständig, um das Erfüllen der regulatorischen Anforderungen an Crypto-Assets auf dem Finanzmarkt zu garantieren. Darüber hinaus ist er Co-Founder und im Vorstand des Blockchain Association Schleswig-Holstein e.V. tätig.

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