Micar und Co. Europas Stablecoins sind reguliert, aber nicht positioniert

Simon Seiter, Finanzvorstand Allunity

Simon Seiter, Finanzvorstand Allunity: „Nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg digitaler Assets.“ Bildquelle: Allunity

Es ist 2016 und deutsche Großbanken wie die Commerzbank führen erste Projekte auf Blockchain-Basis durch. Konsortien werden mit großen Ambitionen gegründet und die Revolution des Kapitalmarkts scheint greifbar bevorzustehen.

Zehn Jahre später und einige Erfahrungen reicher kann man räsonieren: so ganz gespürt haben wir sie noch nicht. Das schmälert aber nicht die Veränderungen, die tatsächlich stattgefunden haben, wie beispielsweise die Einführung regulierter Kryptoverwahrung oder der Emission von digitalen Wertpapieren durch das Gesetz über elektronische Wertpapiere (EWPG).

 

Europas Stablecoin-Ideen eroberten die USA

Aber was genau ist in diesen zehn Jahren passiert? Wir in Europa hatten selbst gegenüber den USA einen enormen Wissensvorsprung, der in fachlichen Diskussionen schnell sichtbar wurde. Seit Anfang der 2020er Jahre flossen dennoch in den USA und Südostasien enorme Investitionen in den Aufbau von Marktinfrastruktur für Kryptohandel.

Zudem führten große Märkte mit hohem Absatzpotenzial zum Wachstum dortiger Anbieter, wie beispielsweise Bullish und Coinbase. Wertschöpfung entstand insbesondere im Handel mit digitalen Anlageklassen oder durch die Emission von Stablecoins. Nicht, dass es solche Firmen in Europa nicht gegeben hätte – im Gegenteil: das Gründungsteam des weltweit größten Stablecoins stammt hauptsächlich aus Italien. Die Entwickler haben ihren Wissensvorsprung nach Nordamerika getragen.

Micar hinderte das Facebook-Projekt Libra 

Facebook wollte eine eigene privatwirtschaftliche Leitwährung herausbringen, das hat die Regulatoren aufgeweckt. Die Angst vor der Eroberung des europäischen Marktes durch einen US-Konzern wie Meta, oder damals noch Facebook mit dem Projekt Libra (später Diem), trieb die EU an. Die daraus entstandene Markets in Crypto Assets Regulation (Micar) adressiert genau diese Problematik und ist richtig, weil sie einen harmonisierten europäischen Markt geschaffen hat.

Jedoch verbrauchte der Prozess dorthin Jahre, in denen sich große Player wie Tether, Binance oder auch Circle bereits platziert hatten. Diese schwemmen jetzt, teilweise über vermeintlich weniger strikt regulierte Länder, mit eigenen Lizenzen den europäischen Markt. Parallel dazu erkennen wir geopolitisch immer mehr, wie wichtig europäische Souveränität ist.

Stablecoins werden dreifach reguliert

Ist die Micar deswegen falsch? Nein, sie kommt lediglich spät und ist trotzdem nicht auf den bestehenden regulatorischen Körper abgestimmt. Ein Stablecoin Emittent muss sowohl der Micar als auch der E-Geld-Richtlinie unterliegen, in Deutschland umgesetzt im Rahmen des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (Zag).

Wenn eine Firma Stablecoins handeln will, muss diese aber nicht nur ein nach der Micar lizenzierter Anbieter von Kryptowerten (Crypto Asset Service Provider – CASP) sein, sondern auf Einschätzung der Europäische Bankenaufsichtsbehörde (European Banking Authority – EBA) eine zusätzliche Lizenz als Anbieter für Zahlungsleistungen (Payment Service Provider – PSP) entsprechend der Richtlinie für Zahlungsdienstleister (Payment Service Directive – PSD) vorweisen.

So sind die Stablecoins, oder E-Money Token (EMT) wie sie in der Micar genannt werden, nicht nur ein zweifach, sondern gleich dreifach reguliertes europäisches Finanzinstrument.

Der Wust an Abkürzungen und Regulierungen zeigt das Problem: während eine Regulierung digitaler Assets, insbesondere Stablecoins, absolut sinnvoll und begrüßenswert ist, muss man feststellen, dass die Umsetzung auf europäischer Ebene kompliziert und wenig abgestimmt ist.

Unregulierte US-amerikanische Kypto-Emittenten dominieren Europa

Wie sieht es bei den mit Abstand dominierenden US-Marktteilnehmern aus? Der große Emittent Tether ist bis mindestens 2028 unreguliert, kann aufgrund dessen zwar auch eigentlich nicht mehr in Europa gehandelt werden, aber dominiert den Markt weiter massiv mit einem Volumen von über 180 Milliarden US-Dollar und fast 60 Prozent Marktanteil.

Dessen größter Konkurrent Circle ist zwar in Europa reguliert, aber vergibt unregulierte Stablecoins in den USA und regulierte Stablecoins in Europa über dasselbe Programm, den so genannten Smart Contract. Dadurch können die unregulierten und regulierten Token auf der Blockchain unter Umständen nicht mehr auseinander gehalten werden. 

Überregulierter Markt oder wilder Krypto-Westen 

Nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg digitaler Assets. Seit 2016 haben etliche Pilotprojekte gezeigt, dass die Technologie selbst einwandfrei funktioniert. Beispiele sind die Emission von Wertpapieren oder grenzüberschreitende Zahlungen.

Vielmehr ist es der ihr gesteckte Rahmen, der über Erfolge und Potenziale entscheidet. Weder ein vollständig ausregulierter Markt, auf dem kein Marktteilnehmer mehr Geschäft machen kann, noch der wilde Krypto-Westen mit Millionen von durch utopische Renditen gelockten Privatkunden, sind die Antwort für den langfristigen Erfolg digitaler Assets.

Europäische Banken sollten Wallets aufbauen

Trotz aller Piloten: Wie viele regulierte Institute selbst haben heute bereits Wallets mit dedizierten Zugriffsstrukturen? Wie viele Unternehmen können mit Stablecoins bezahlen und diese auch ordentlich buchen? Erstaunlich wenige. Wer von Tokenisierung ohne Illusionen spricht, sollte sich eines bewusst sein: die Token werden nicht einfach so zum Unternehmen fliegen.

Die Unternehmen müssen Wallets erstellen, um mit Token umgehen zu können. Sonst fliegt die nächste Evolutionsstufe der Finanzindustrie an Deutschland und Europa vorbei. Und das, während sich die Europäer auf die Schulter klopfen, weil sie Krypto so gut reguliert haben und die Technologie so gut beherrschen.


Über den Autor: Simon Seiter ist seit 2025 Finanzvorstand und Produktmanager bei Allunity, einem Fintech für fiatgestützte Stablecoins, an dem die Deutsche Bank Anteilseigner ist. Seiter war rund vier Jahre Leiter digitale Anlagen bei Hauck Aufhäuser Lampe.

Hinweis der Redaktion: Bei dem Artikel handelt es sich um keine Handlungsempfehlung. Der Gastautor hat möglicherweise Interessenskonflikte. Er gibt die Meinung der Redaktion nicht wieder.

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