Megatrend Gesundheit China und Indien entfalten die größte Innovationskraft

Ärzte verordnen mehr Biosimilars: Der auslaufende Patentschutz befeuert den Biotech-Sektor. | © Getty Images

Ärzte verordnen mehr Biosimilars: Der auslaufende Patentschutz befeuert den Biotech-Sektor. Foto: Getty Images

Herr Kornfeld, bei Forschung und Entwicklung im Bereich von Wirkstoffen ergeben sich immer große Risiken. Oft lässt sich schwer abschätzen, was am Ende einer Forschungsreihe steht. Außerdem gibt es einen spezifischen Umsatzzyklus. Wie sieht dieser aus?

Stephen Kornfeld, Franklin Templeton

Stephen Kornfeld: Der Umsatzzyklus eines Medikaments kann etwa 20 Jahre dauern. Aber es braucht gut sechs bis zehn Jahre, um ein therapeutisches Molekül zu entwickeln, auf den Markt zu bringen und Umsätze zu erwirtschaften. In den ersten Jahren entstehen durch Investitionen in Forschung und Entwicklung und Versuche nur Kosten. Dann erst erhält das Unternehmen die Arzneimittelzulassung, etwa von der FDA in den USA, und bringt die Arznei auf den Markt. Erst im Verlauf einiger Zeit wird die Qualität der Arznei oder ihre Besonderheit bei Ärzten und Patienten Bekanntheit erlangen. Die Verkaufszahlen steigen – bisweilen drastisch – an, wenn die Arznei positiv wirkt. Aber nach einiger Zeit gehen diese Umsätze zurück, abhängig von der Komplexität der Arznei.

Es dauert im Allgemeinen acht, zehn oder zwölf Jahre, bis die Absatzzahlen entweder drastisch zurückgehen oder sich langsamer entwickeln: Wettbewerber brauchen längere Zeit, um ähnliche Präparate einzuführen und zugleich Gesundheitsdienstleister und Verbraucher zu überzeugen, dass es sich um sichere Nachbildungen handelt.

Die Einführung von Biosimilars – das sind Nachahmerprodukte eines Biopharmazeutikums, beispielsweise eines biotechnologisch erzeugten Proteins, das nach Ablauf der Patentzeit des Originalwirkstoffs zugelassen wird – unterscheidet sich zudem zwischen den USA und Europa aufgrund der Art der Arzneien und der Einbindung staatlicher Stellen. Wenn das Patent für eine Arznei oder ein Biologikum in Europa ausläuft, verliert das jeweilige Markenunternehmen oft 80 bis 85 Prozent seines Umsatzes. In den USA hatten wir das bisher in dieser Form noch nicht, denn die Biosimilar-Branche hinkt der europäischen Entwicklung fünf oder sechs Jahre hinterher.

Unterscheiden sich die Umsatzzyklen in den Schwellenländern insbesondere im Bereich Generika?

Krzysztof Musialik, Franklin Templeton

Krzysztof Musialik: Die Arzneimittelpreise sind sowohl bei Originalen als auch bei Generika in den Schwellenländern niedriger. Generika sind wirkstoffgleiche Kopien von Arzneimitteln, deren Patentschutz abgelaufen ist. Wegen der deutlich niedrigeren Preise fallen Patentprobleme nicht so heftig ins Gewicht wie in den USA.

Beim Stichwort Innovation in der Gesundheitsbranche denkt man zumeist nicht zuerst an Schwellenländer. Aber es gibt hier offenbar im großen Umfang Forschung und Entwicklung. Was tut sich derzeit in den Schwellenländern im Sektor Biopharma?

Musialik: Es gibt einige Schwellenländer, die sich gut entwickeln und viel Kraft in die Innovation im Pharmabereich stecken. Beispiele sind Indien, China, Südkorea und Taiwan. Nehmen wir als Beispiel Indien: Vor 15 Jahren begannen indische Unternehmen mit der Eroberung des US-Marktes. Das Land produziert überwiegend Generika und beliefert den US-Markt damit. Doch über die Jahre sind die Preise gefallen, und die USA als Markt nicht mehr attraktiv genug. Daher versuchen indische Unternehmen, innovativer zu sein.

Bisweilen überrascht die Innovationskraft von Indien und China in der Biopharma-Branche viele Beobachter in den Industrieländern. Womit hängt diese Innovationskraft zusammen?

Musialik: Beginnen wir mit China: In der Vergangenheit verdienten westliche Firmen in China Geld, indem sie einfache chemische Arzneien verkauften, für die im Westen keine Patente mehr bestanden. Doch große Pharmaunternehmen konnten diese Arzneien in China immer noch zu ansehnlichen Preisen verkaufen. Das hat sich allerdings geändert, denn der chinesische Regulierer zwang lokale Produzenten zu höherer Qualität. Inzwischen kaufen die Patienten und Krankenhäuser in China mehr dieser vor Ort produzierten Generika.

Daher steht insgesamt in China mehr Geld für innovative Arzneien zur Verfügung. Das lockt wiederum westliche Unternehmen an, denn auch wenn die Preise nicht so attraktiv sind wie in den USA, ist das Volumen bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen gewaltig.

Ist die Entwicklung in Indien ähnlich?

Musialik: Nach der Ära der Generika versucht Indien nun einen neuen Wachstumsbereich zu entwickeln. Es geht daher mit Macht in Richtung der so genannten komplexen Generika. Komplexe Generika sind chemische Arzneimittel, die oft schwierig herzustellen sind. Aber bei manchen – vielleicht fünf bis 15 Prozent – ist die Herstellung ausgesprochen schwierig. Und auf diese konzentrieren sich die indischen Akteure.

Der Verbrauch von Biosimilars erscheint in den USA im Vergleich zu Europa ziemlich niedrig, während Generika – viele davon in Indien hergestellt – in den USA weit verbreitet sind. Warum haben Generika in den USA eine solche Bedeutung erlangt?

Kornfeld: Als 1982 die Gesetze verabschiedet wurden, um die Einführung von Generika zu fördern, hatten wir jahrelang keine Durchdringung mit Generika. Es brauchte seine Zeit. Ähnlich bei den Biosimilars: Es braucht seine Zeit, bis der Markt sich mit den Präparaten vertraut macht, genauso wie bei den Generika vor 30 bis 35 Jahren. Bei den Anbietern will niemand etwas überstürzen, Fehler machen und die Genehmigung der FDA aufs Spiel setzen. Hinzu kommt die kommerzielle Seite: Hier braucht es wirtschaftliche Anreize, die sich aus dem staatlichen Rahmen ergeben.

In den USA gibt es aktuell eine intensive Diskussion über die Zukunft des Gesundheitswesens. Was muss man dazu wissen?

Kornfeld: Wir beobachten eine existenzielle Diskussion, die früher ungefähr alle vier Jahre aufkam – inzwischen jedoch viel häufiger hochkocht. Die USA geben vermutlich doppelt so viel für Gesundheitsversorgung aus als der Rest der entwickelten Welt, aber die Ergebnisse sind nicht unbedingt besser. Die USA hervorragend aufgestellt im Kampf gegen die kompliziertesten Krankheiten und bei Innovationen. Doch bei einigen Aspekten der Grundversorgung sind wir nicht besser als Europa, Japan oder Südkorea. Das ist eine Gewissheit, über die wir nachdenken müssen.