Interview mit Michael Hünseler, Teil 1 „Ein zu häufiger Strategiewechsel kann Performance kosten“

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Interview mit Michael Hünseler, Teil 1
„Ein zu häufiger Strategiewechsel kann Performance kosten“
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Michael Hünseler von der Meag

Michael Hünseler von der Meag: „Es mag derzeit noch zu früh sein, aber die Emerging-Markets-Anleihen sollten wieder kommen und gehören in ein gut diversifiziertes Portfolio.“ Foto: Meag

private banking magazin: Herr Hünseler, die vergangenen Jahre des Niedrigzinses waren nicht komfortabel für Anleihen. Sie sind in dieser Zeit, 2021, vom Asset Manager Assenagon zur Meag gekommen. Wie war vor diesem Hintergrund der Start für Sie?

Michael Hünseler: Meine Tätigkeit bei Assenagon gab mir die Möglichkeit, dass Anleihegeschäft für einen spezialisierten mittelständischen Asset Manager aufzubauen. Dabei lag der Fokus auf Investmentprodukten mit Nischencharakter. Die Meag hingegen verfügt über eine sehr breite Produktpalette, einen effizienten arbeitsteiligen Investmentprozess und Expertise ihrer Portfoliomanager und Analysten. Diese Kombination schafft viel Raum für neue Ideen, um risikoadjustiert attraktive Mehrrenditen für unsere Investoren zu erzielen. Das eröffnet wiederum Potential, das Geschäft weiter auszubauen. Die Verantwortung für das aktive Anleiheinvestmentgeschäft eines der größten deutschen Asset Manager und die damit verbundenen Herausforderungen sind sehr reizvoll. Hinzu kommt, dass nicht zuletzt aufgrund des Zinsanstieges in diesem Jahr aktives Anleiheportfoliomanagement wieder zurück im Rennen ist.

Und wie sieht ihr Arbeitstag heute aus?

Hünseler: Wir haben Ende 2021 den beginnenden geldpolitischen Regimewechsel, der inflationsbedingt die Zentralbanken zur Kursumkehr zwingen und so das Geschehen an den Kapitalmärkten bestimmen würde, rechtzeitig erkannt. Was dann aber folgte, waren beispiellose Turbulenzen an den Kapitalmärkten, die selbst für Portfoliomanager mit langjähriger Erfahrung eine echte Bewährungsprobe darstellten. Hinzu kamen die geopolitischen Krisen. Entsprechend gilt es unverändert, die Situation fortwährend neu zu beurteilen, unsere Strategien zu überprüfen und die Portfolios gegebenenfalls anzupassen – vorausschauend und mit ruhiger Hand. Denn die hohe Volatilität am Kapitalmarkt bietet nicht nur außergewöhnliche Chancen, ein zu häufiger Strategiewechsel kann auch Performance kosten. Das Gelingen unseres Tuns hängt dabei in höchstem Maße vom Zusammenspiel der einzelnen Portfoliomanager und Fachbereiche ab.

Können Sie das konkretisieren?

Hünseler: In unserem Macro Team werden etwa die Zinsstrategien für Staatsanleihen weltweit, Inflation und Fremdwährungen entwickelt und in den Fonds umgesetzt. Das Credit Portfolio Management steuert Portfolios, die in Unternehmensanleihen mit guter Bonität, dem sogenannten Investment Grade, aber auch in hochverzinsliche Firmenschuldverschreibungen investieren. Dazu kommen Portfolios mit Anlageschwerpunkt Verbriefungen, die sehr analyseintensiv sind und ein hohes Maß an Spezialisierung erfordern, aber dafür äußerst attraktive Renditen bieten. Im Emerging Markets-Team bieten wir Investmentstrategien für lokale wie auch Hartwährungen an. Diese Länder waren von Inflation, Zinsanstieg und Konflikten besonders betroffen – eine gute Selektion ist daher der Schlüssel zum Anlageerfolg. Gemeinsam sind wir ein Team mit 25 Kolleginnen und Kollegen und arbeiten eng mit unserer volkswirtschaftlichen Abteilung sowie weiteren Fachabteilungen zusammen.

An welchen Stellschrauben haben Sie gedreht, welche Geschäftsfelder bauten Sie aus seitdem sie bei der Meag sind und wie sehen ihre Arbeitsabläufe konkret aus?

Hünseler: Schon vor meinem Wechsel zur Meag wurden hier viele Weichen für einen modernen und wettbewerbsfähigen Portfoliomanagementansatz gestellt. Ziel dabei waren die systematische Erwirtschaftung einer, gemessen am eingegangenen Risiko, hochwertigen Zusatzperformance sowie Effizienzgewinne. Um das zu erreichen, fokussieren sich die Portfoliomanager auf klar eingegrenzte Segmente des Anleihemarktes und können so ihre Fachexpertise voll zum Tragen bringen. Um aber diese Kenntnisse auch den anderen Fondsmanagern zugänglich zu machen, wurden Diskussionsplattformen, eine zentrale Investmentstrategie – die Core Strategy – sowie detailliertere Investmentempfehlungen geschaffen.

 

 

 

Flankiert wurde dies durch die Einrichtung unseres Trading Desks, der die Portfoliomanager nicht nur entlastet, sondern einen Mehrwert durch tiefgehende Kenntnisse der Angebots- und Nachfragesituation stiftet. Hervorzuheben ist besonders auch unser Capital Markets Risk Management, das den Portfoliomanagern ausführliche Risikoberichte und Stresstests zur Verfügung stellt und so eine noch genauere Positionierung erlaubt. Wir verfolgen das Ziel, kontinuierlich besser zu werden und sind dabei auf einem guten Weg.

Inwiefern haben Sie bei Assenagon als kleinere Boutique anders gearbeitet?

Hünseler: Bei einer Investmentboutique sind die Arbeitsabläufe stärker integriert. Titelauswahl-, Portfoliomanagement und Handel liegen da oft in einer Hand. Beispielsweise reicht bei nachrangigen Bankanleihen, die bei Unterschreiten der Mindestkapitalanforderungen der Emittenten zwangskonvertiert werden, die Analyse der Kapitalquote nicht. In diesem Jahr spielte erneut die Beurteilung der Kündigungswahrscheinlichkeit dieser besonderen Anleihen eine entscheidende Rolle. Eine Bankenpleite ist heute unwahrscheinlicher als früher, aber aufgrund der gestiegenen Zinsen ist die vorzeitige Rückzahlung der Nachranganleihen für die Banken ökonomisch uninteressanter geworden. Das macht sich dann als eigenständiger Risikofaktor im Portfoliokontext stark bemerkbar.

 

 

 

Noch dazu beeinflusst die Marktenge dieser Bonds die Portfoliokonstruktion. Die beste Investmentidee nutzt nichts, wenn sie sich nicht umsetzen lässt. Vereinfacht dargestellt gilt also: Je spezialisierter die Anlagestrategie, desto stärker sind die einzelnen Schritte des Investmentprozesses gebündelt. Es gilt aber zumeist auch, dass für solche Strategien Referenzindizes als Vergleichsmaßstab eine geringere Rolle spielen. Eine stärker arbeitsteilig ausgerichtete Wertschöpfungskette hingegen ermöglicht neben spürbaren Effizienzgewinnen auch mehr Tiefe in Analyse und Portfoliomanagement, deswegen überwiegen hier zwei andere Ansätze.

Welche sind das?

Hünseler: Auf der einen Seite ist das die Absolute-Return-Strategie, der Anlageerfolg wird dabei an einem festgelegten Ertragspfad gemessen. Auf der anderen Seite handelt es sich um Assets under Management, die relativ gesteuert werden, also im Vergleich zu einem Referenzindex, der ein bestimmtes Segment des Kapitalmarktes repräsentiert. Dabei gilt es, den Index zu schlagen. In einem Jahr wie 2022, in dem Anleihekurse deutlich sinken, ist ein Portfoliomanager auch dann erfolgreich, wenn das Portfolio an Wert verliert – vorausgesetzt, es verliert relativ weniger als der Vergleichsindex. Im Unterschied dazu ist es das Ziel bei einem Absolute-Return-Ansatz, über einen mittleren Zeithorizont positive Erträge zu generieren. Dafür ist es erforderlich, Wertrückgänge zu begrenzen, auch wenn das in steigenden Märkten mitunter Performance-Potenzial kostet.

Wie gehen Ihre Kunden vor?

Hünseler: Aus der Risikobereitschaft in Kombination mit dem Ertragsziel unserer Kunden ergibt sich meist der ausgewählte Referenzindex. Beispielsweise steuern wir im Credit-Bereich für unsere Investoren Mandate mit High Yield-Indizes als Benchmark, weil diese Anleihen deutlich mehr Rendite aufweisen. Naheliegend ist das Verlustrisiko hier auch höher. Das liegt nicht nur an dem größeren Ausfallrisiko der einzelnen Titel, sondern auch den Marktschwankungen, die bei hochrentierlichen Schuldverschreibungen üblicherweise stärker ausfallen. Das muss dann im Einklang mit der Risikotragfähigkeit des Anlegers stehen. Das gilt umso mehr, als dass in den vergangenen zwölf Monaten die klassischen Korrelationsmuster, auf denen viele Allokationsmodelle basieren, wegbrachen.