private banking magazin: Herr Artmeier, Sie bringen Family Offices gezielt mit Regtech-Start-ups zusammen – einem Feld, das hochspezialisiert, erklärungsbedürftig und weit entfernt vom klassischen Venture-Hype ist. Was hat Sie persönlich davon überzeugt, ausgerechnet hier eine eigene Boutique aufzubauen?
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private banking magazin: Herr Artmeier, Sie bringen Family Offices gezielt mit Regtech-Start-ups zusammen – einem Feld, das hochspezialisiert, erklärungsbedürftig und weit entfernt vom klassischen Venture-Hype ist. Was hat Sie persönlich davon überzeugt, ausgerechnet hier eine eigene Boutique aufzubauen?
Manfred Artmeier: Die Idee trage ich tatsächlich schon länger mit mir herum. Meine berufliche Laufbahn war fast durchgehend in stark regulierten Umfeldern – zunächst im Zahlungsverkehr, später in der Telekommunikation und dann im Steuerbereich. Dabei habe ich immer wieder gesehen: Das eigentliche Problem ist häufig nicht die Regulierung selbst, sondern der enorme Erfüllungsaufwand für Unternehmen und Bürger. Genau hier kann Technologie sehr viel bewirken, weil sie diese Komplexität übersetzt und handhabbar macht. Ich bin überzeugt, dass das eine Antwort auf viele strukturelle Herausforderungen in Deutschland und Europa ist.
Wie genau setzt Ihr neues Unternehmen Acceederate an?
Artmeier: Wir haben keine Ambitionen, selbst ein Regtech zu gründen. Acceederate versteht sich als Begegnungs- und Matchingplattform – allerdings nicht im technologischen Sinne, sondern im menschlichen. Wir bringen Family Offices und Business Angels mit ausgewählten Regtech-Start-ups und Scale-ups zusammen. Dazu übernehmen wir das Deal-Sourcing, zeigen gezielt interessante Themenfelder auf und investieren gemeinsam mit den Partnern auch selbst. Es geht nicht nur um Kapital, sondern auch um echtes Mitgestalten.
Warum sehen Sie gerade im Regtech-Bereich so großes Potenzial und warum ausgerechnet in Deutschland?
Artmeier: Weil Deutschland regulatorisch ein Extremfall ist. Wer es schafft, die hochkomplexen deutschen Regelwerke sauber in Technologien zu übersetzen, wird das auch international schaffen. Wir haben hier eine enorme fachliche Tiefe, etwa im Steuerrecht, im Compliance-Umfeld, im Legal-Bereich. Diese Fachlichkeit in Software zu übersetzen, halte ich für eine große Chance. Gerade weil der bürokratische Erfüllungsaufwand bei uns oft höher ist als die Regulierung selbst.
In Ländern wie Estland oder Dänemark sind viele staatliche Prozesse bereits vollständig digitalisiert. Braucht man dort überhaupt Regtech?
Artmeier: Weniger als bei uns. Dort erbringt der Staat die digitale Übersetzungsleistung selbst. Wenn ich mit wenigen Klicks eine GmbH gründen oder meine Steuererklärung erledigen kann, brauche ich keinen spezialisierten Anbieter. In Deutschland ist das anders. Föderalismus, Datensilos und eine fragmentierte Verwaltung machen zentrale Lösungen schwierig. Deshalb entstehen hier private Lösungen, die genau diese Lücken schließen.
Wäre es dann nicht naheliegend, dass Deutschland erfolgreiche Modelle einfach übernimmt – etwa die Bürgerkarte aus Dänemark oder die digitalen Verwaltungsstrukturen aus Estland? Warum kauft man diese Technologien oder Patente nicht einfach ein?
Artmeier: Grundsätzlich wäre das wünschenswert. Wenn wir bei der Datenerfassung zentralere, staatlich organisierte digitale Strukturen hätten, wäre vieles für die Bürger deutlich einfacher. Ich bin dennoch skeptisch, ob sich diese Modelle eins zu eins übertragen lassen. Deutschland ist durch Föderalismus und stark fragmentierte Zuständigkeiten geprägt – selbst innerhalb des Sozialstaats gibt es zahlreiche Datensilos, die kaum miteinander kommunizieren. Hinzu kommt: Digitalisierung lebt von Daten.
An sich haben wir davon mehr als genug, aber sie sind verteilt und oft voneinander abgeschottet. Deshalb muss ein Großteil der Übersetzungsleistung in der Privatwirtschaft erfolgen – insbesondere bei der Aggregation und beim regulatorisch konformen Datentransfer zu den Behörden. Wenn ich alleine in meinem jetzigen Bereich, den Quellensteuern an das Thema Wohnsitzbescheinigungen denke, sieht man sehr gut, wie Daten vorhanden sind, aber trotzdem nicht genutzt werden dürfen. Genau an solchen Stellen setzt Regtech an.
Besteht da nicht die Gefahr, analoge Komplexität einfach digital zu reproduzieren?
Artmeier: Das ist nicht das Versprechen von Regtech. Es geht nicht darum, jeden Behördengang in eine App zu gießen. Regtech adressiert hochrelevante, häufig wiederkehrende Themen – etwa Steuererklärungen, Hinweisgebersysteme, Datenschutz- oder Compliance-Pflichten. Taxfix ist ein gutes Beispiel im B2C-Bereich. Im B2B sehen wir viele hochspezialisierte Lösungen, die echte operative Entlastung schaffen.
Was macht Regtech für Family Offices als Investment so interessant?
Artmeier: Mehrere Dinge. Erstens ist die Nachfrage extrem planbar. Wenn ein Gesetz zu einem festen Zeitpunkt greift, entsteht automatisch Bedarf. Zweitens ist die Produktrelevanz sofort gegeben – es geht nicht um Nice-to-have-Lösungen. Drittens erfolgt die Umsatzgenerierung schnell. Und viertens sind diese Geschäftsmodelle relativ unabhängig von Konjunkturzyklen. Regulierung gilt in Boom wie in Rezession.
Und wie beurteilen Sie die Gründerteams in diesem Segment?
Artmeier: Die sind häufig außergewöhnlich gut. Meist treffen tiefes regulatorisches Fachwissen und hohe technologische Kompetenz zusammen. Das sind keine Buzzword-getriebenen Teams, sondern sehr ernsthafte Unternehmer. Für langfristig orientierte Investoren macht das die Zusammenarbeit besonders attraktiv.
Wie ist Acceederate organisatorisch aufgestellt?
Artmeier: Wir arbeiten bewusst mit einer kleinen, exklusiven Gruppe von Family Offices – fünf bis maximal sieben. Dieses Netzwerk nennen wir die „Club of Sherpas“. Wir investieren gemeinsam in ausgewählte Regtechs. Wichtig ist dabei: Wir sind immer selbst mit investiert und im Regtech dann engagiert. Skin in the Game ist für uns Voraussetzung.
Welche Kriterien müssen die Unternehmen erfüllen?
Artmeier: Mindestens drei Gründer, ein marktreifes Produkt, klarer B2B-Fokus, idealerweise Sitz in Deutschland oder Österreich und ein konkreter Bedarf an Go-to-Market-Unterstützung. Der genaue Investmentzeitpunkt – Seed oder kurz vor Series A – ist zweitrangig. Qualität ist entscheidend.
Wie viele Investments planen Sie?
Artmeier: Eher wenige, dafür sehr ausgewählte. Wir schauen uns pro Quartal nur eine Handvoll Regtechs näher an. Im ersten Jahr wären drei bis vier Investments für mich ideal. Lieber hochselektiv als breit gestreut.
Und wann geht es offiziell los?
Artmeier: Ab dem 1. Februar. Die Traktion ist schon jetzt da – obwohl wir bislang kaum öffentlich darüber gesprochen haben. Gerade im Regtech- und Taxtech-Umfeld merken wir ein sehr großes Interesse.
