Nachhaltigere Unternehmen stehen finanziell oft besser da. Nur: Was ist hier Ursache, was Wirkung? Jan Heldmann dreht die Frage um. Womöglich macht Nachhaltigkeit Unternehmen nicht erfolgreich, sondern Erfolg macht Nachhaltigkeit bezahlbar. Wer Mittel hat, kann sich zusätzliche Maßnahmen und eine ausführliche Berichterstattung leisten. Im Podcast „For Professional Investors Only“ greift Heldmann zu einem saloppen Bild für diese mögliche Erklärung: „Die waren so reich und haben sich dann geleistet, grün zu werden.“ Belegt ist diese Wirkungsrichtung nicht. Sie zu übersehen, verzerrt aber jede Studie, die hohe Scores mit hoher Rendite zusammenbringt.
Heldmann, frisch promoviert in Bayreuth, hat sich fünf Rating-Anbieter vorgenommen. Statt zwei oder drei Portfolios zu bauen, spielte er alle realistischen Konstruktionswege durch: Mindestmarktkapitalisierung, Gleich- oder Wertgewichtung, Sektorausschlüsse. Am Ende standen Tausende Varianten. Wer eine einzelne Studie liest, sieht genau den Ausschnitt, der zufällig funktioniert hat. „Das ist dann nur ein kleiner Teil der gesamten Geschichte.“
Die Ratings gehen weit auseinander, und das wird so bleiben, sagt Heldmann. Ein Anbieter muss sich vom nächsten unterscheiden, sonst kauft niemand seine Daten. Dasselbe Unternehmen ist bei MSCI Musterschüler und bei Refinitiv Mittelmaß. Ein EU-regulierter Paris-Aligned-Benchmark schlug seine Vergleichsgruppe klar, gemessen an MSCI-Scores. Mit Refinitiv- oder Bloomberg-Daten schnitt derselbe Index schlechter ab als der Standardindex.
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„Mich haben die Zahlen auch ehrlich gesagt überrascht“
0,64 Prozent. So weit wich Heldmanns optimiertes Europa-Portfolio von der Benchmark ab und senkte die CO2-Intensität trotzdem um rund 60 Prozent. Wer gut zwei Prozent Tracking Error zulässt, kommt über 90 Prozent. Gerechnet hat er nur mit berichteten Emissionen, nicht mit geschätzten. „Mich haben die Zahlen auch ehrlich gesagt überrascht.“
Dafür flog keine Energiebranche aus dem Portfolio, kein Tech kam rein. Sektoren, Länder und Faktoren blieben fast unverändert. Es reichte, innerhalb jeder Branche die saubereren Unternehmen zu nehmen. „Die denken erstmal okay, Energie raus und Tech rein ins Portfolio, aber dass das gar nicht notwendig ist, fand ich auch sehr interessant.“
Das Timing ist heikel. ESG verschwindet als Marketingbegriff, große Häuser rudern zurück. Bei Versorgungswerken und Stiftungen bleibt das Thema gesetzt. Und jetzt zeigt die Forschung: Ein Depot lässt sich billiger dekarbonisieren als gedacht, während die teuer eingekauften Scores als Kaufsignal wenig taugen.
Was ist gefährlicher – ESG-Ratings zu ignorieren oder ihnen zu viel zuzutrauen? Heldmann zögert bei dieser Frage. Seine Antwort passt nicht zu 260 Seiten Skepsis. Und die MSCI-SRI-Indizes? Die schlugen ihre konventionellen Pendants zwischen 2015 und 2023 um mehr als 13 Prozentpunkte. Heldmann traut der Zahl selbst nur begrenzt. Wie genau das funktioniert, welche Fehler gemacht wurden und worauf Jan Heldmann jetzt setzt, darüber spricht er im Podcast.