Der Sachsenwald ist Norddeutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet, ein Spazier- und Wanderparadies für Anwohner und Touristen. Doch wie eine Recherche des „ZDF Magazin Royale“ und dem Portal „Frag den Staat“ nahelegt, ist der Forst auch ein Steuerparadies. In dem 70 Quadratkilometer großen Wald steht eine Holzhütte, die 21 Unternehmen als Firmensitz dient. Darunter: Tochterfirmen des Hamburger Asset Managers Luxcara. Die drei Luxcara-Gesellschaften Luxcara Advisory, Luxcara Energy und Luxcara Infrastructure verlegten ihren Sitz im Jahr 2019 aus Hamburg an die Adresse Am Stangenteich 2 im Sachsenwald, wie aus dem Handelsregister hervorgeht.
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Der Sachsenwald ist Norddeutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet, ein Spazier- und Wanderparadies für Anwohner und Touristen. Doch wie eine Recherche des „ZDF Magazin Royale“ und dem Portal „Frag den Staat“ nahelegt, ist der Forst auch ein Steuerparadies. In dem 70 Quadratkilometer großen Wald steht eine Holzhütte, die 21 Unternehmen als Firmensitz dient. Darunter: Tochterfirmen des Hamburger Asset Managers Luxcara. Die drei Luxcara-Gesellschaften Luxcara Advisory, Luxcara Energy und Luxcara Infrastructure verlegten ihren Sitz im Jahr 2019 aus Hamburg an die Adresse Am Stangenteich 2 im Sachsenwald, wie aus dem Handelsregister hervorgeht.
An dem Reetdachhaus, fernab der Zivilisation, hängen zwar diverse Briefkästen. Dass in dem Büro aber tatsächlich gearbeitet wird, stellte TV-Moderator Jan Böhmermann in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ infrage. In dem Artikel von „Frag den Staat“ heißt es: „Schon auf den zweiten Blick offenbart sich ein Bild, das mehr an eine verlassene Theaterkulisse erinnert als an ein Büro, in dem teils Umsätze in Millionenhöhe generiert werden sollen.“
Historisches Relikt aus der Kaiserzeit
Rechtlich gilt das Forstgebiet, das Kaiser Wilhelm I. 1871 Otto von Bismarck in Anerkennung seiner Verdienste um die Reichsgründung schenkte, als sogenanntes „gemeindefreies Gebiet“. Der Waldbesitzer – heute Gregor von Bismarck, Ururenkel des früheren Reichskanzlers – kann die Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes über einen Gutsvorsteher dem Landrat vorschlagen. 1958 wurde dieser auf 275 Prozent festgesetzt und gilt seither unverändert. Zum Vergleich: In Hamburg, Hauptsitz von Luxcara ist der Hebesatz mit 470 etwa 70 Prozent höher. Im Durchschnitt liegt der Gewerbesteuerhebesatz, den die Gemeinden festlegen, in Deutschland bei 407 Prozent.
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Im Zuge der gemeinsamen Recherche hatten die Medien über einen Zeitraum von zwei Monaten eine Wildkamera an der Zufahrtsstraße zum Firmensitz im Wald aufgestellt. Die hatte vermeintlich vor allem Wanderer und Radfahrer aufgenommen, dem Anschein nach aber keine Büroangestellte. Den Verdacht, dass es sich bei den Luxcara-Tochtergesellschaften um ein „Geisterbüro“ handelt, dessen Zweck es sei, durch eine vorgetäuschte Betriebsstätte von niedrigen Gewerbesteuern im Sachsenwald zu profitieren, weist der Infrastrukturinvestor auf Anfrage dieses Mediums aber zurück.
Büro werde ein bis zwei Mal im Monat genutzt
„Die im Sachsenwald ansässigen Gesellschaften agieren ohne Angestellte und Publikumsverkehr. Der Geschäftsbetrieb erfolgt vor Ort und erfordert geringen bis gar keinen operativen Aufwand“, teilt Luxcara mit. Dafür werde das mit allen notwendigen Einrichtungen ausgestattete Büro vor allem von der Geschäftsführung mindestens ein Mal, eher zwei Mal, im Monat als Arbeitsort genutzt. „Die notwendige Präsenz vor Ort zur Durchführung der für die Geschäftsführung der Gesellschaften notwendigen Tätigkeiten war und ist stets gegeben und entsprechend dokumentiert“, heißt es weiter. Trotzdem werde Luxcara diese Themen zeitnah mit den Finanzbehörden besprechen. „Selbstverständlich entspricht es unserer Geschäftspolitik immer in Einklang mit den Gesetzen zu agieren.“
Zudem weist der Asset Manager daraufhin, dass der Großteil der Gewerbeerträge der Luxcara-Gruppe ohnehin in Hamburg versteuert. 137 Gesellschaften betreibt das Unternehmen in Hamburg. Entsprechend entfalle ein sehr kleiner Anteil der zu leistenden Gewerbesteuer auf die im Sachsenwald ansässigen Gesellschaften.
Wahl der Firmensitze stehe im Einklang mit Unternehmensphilosophie
Warum überhaupt drei Tochterfirmen ihren Sitz von Hamburg in den nahen Sachsenwald verlegt haben, begründet Luxcara mit seiner „Unternehmensphilosophie als Impact-Asset-Manager“. Denn die im Sachsenwald erhobene Gewerbesteuer werde genutzt, um den größten Wald in Norddeutschland zu erhalten und aufzuforsten.
Kurios: Die Gewerbesteuer, die die am Stangenteich 2 ansässigen Unternehmen zahlen, fließen an das gemeindefreie Gebiet Sachsenwald und damit direkt an Gutsbesitzer Gregor von Bismarck. Als „eine Art interne Verrechnung“ hatte Schleswig-Holsteins damaliger Innenminister Hans-Peter Bull die Steuerpraxis im Sachsenwald 1990 skizziert. Damals waren allerdings noch ausschließlich Firmen aus dem Bismarck-Umfeld dort angesiedelt. Wie viel Gewerbesteuer in den vergangenen Jahren von den im Sachsenwald ansässigen Firmen erhoben wurde, kann das Land Schleswig-Holstein nicht beantworten. Zahlen liegen dazu offenbar nicht vor.
Um den Verdacht zu erhärten, dass Firmen im Sachsenwald höhere Gewerbesteuer umgehen, hatten Journalisten von „ZDF Magazin Royale“ und „Frag den Staat“ nach eigenen Angaben Briefe an die offiziellen Firmensitze verschickt – auch an ein Luxcara Tochterunternehmen. Die Post sei allerdings nicht an die Adresse im Wald geliefert worden, sondern an den Hauptsitz in Hamburg.
Luxcara schreibt dazu auf Anfrage, dass man den in dem Medienbericht beschriebenen Sendungsverlauf nicht mehr nachvollziehen könne. Gerade in der Sommerurlaubszeit könne es vorkommen, dass an das Büro im Sachsenwald adressierte Briefe weitergeleitet würden. „Die Verarbeitung der an die im Sachsenwald ansässigen Unternehmen gerichteten Post erfolgt aber regelmäßig am dortigen Geschäftssitz der Gesellschaften“, betont eine Sprecherin.
Finanzverwaltung: „Thema missbräuchlicher Steuergestaltungen ist bekannt“
Die Hamburger Finanzverwaltung gibt keine Auskünfte zu Einzelfällen, verweist auf das Steuergeheimnis. Grundsätzlich stellt die Behörde fest, dass die unterschiedlichen Hebesätze naturgemäß zum Steuerwettbewerb zwischen den Kommunen führen. „Hamburg kann aber weder den Hebesatz anderer Gemeinden beeinflussen, noch kann Hamburg den Unternehmen Vorgaben zur Standortwahl machen“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit.
Das Thema missbräuchlicher Steuergestaltungen von Unternehmen in Kommunen mit auffallend niedrigem Hebesatzniveau sei der Hamburger Steuerverwaltung jedoch bekannt. Sowohl der Innen- als auch der Außendienst der Steuerverwaltung seien hinsichtlich möglicher Steuerstraftaten und deren Erkennung sensibilisiert und entsprechend ausgebildet.
Luxcara, 2009 in Hamburg gegründet, ist ein unabhängiger Asset Manager, der institutionellen Investoren Investitionsmöglichkeiten in nachhaltige Energieinfrastruktur eröffnen will. Das Unternehmen akquiriert, strukturiert, finanziert und betreibt Energieinfrastruktur-Projekte als Investor. Das Portfolio umfasst neben Windkraft- und Photovoltaikanlagen auch Infrastruktur, wie Ladestationen für Elektrofahrzeuge und die Herstellung von grünem Wasserstoff in Europa. Im August hatte Luxcara den Anlagevermittlers Convexity übernommen.
Luxcara-Pläne für Offshore-Windpark sorgten für Wirbel
Der Hamburger Asset Manager hatte erst vor wenigen Wochen bundesweit in den Medien gestanden. Luxcara hatte den Zuschlag für einen Offshore-Windpark in der Nordsee erhalten, in die Gothaer investiert. Luxcara hatte kurz darauf bekanntgegeben, dort chinesische Turbinen einsetzen zu wollen. Aus der europäischen Offshore-Industrie hagelte es nach der Ankündigung Kritik. Um eine möglichst hohe Rendite zu erzielen, setze das Unternehmen auf die hochsubventionierten Turbinen aus China und blende dabei Nachhaltigkeit und Sicherheitsrisiken aus.
Luxcara wies die Kritik zurück. Man habe sich für die leistungsfähigste Turbine auf dem Markt entschieden. Zudem habe einzig das chinesische Unternehmen Ming Yang die Lieferzeit für eine Installation im Jahr 2028 sicherstellen können.